Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage für Menschen mit Multipler Sklerose.

Es war wie ein Blitz, der in ihr Leben einschlug. Sie trafen sich im Februar, im Mai waren sie bereits verheiratet. Alles lief bestens, im Alltag und im Bett. Doch dann bekam Claudia Grimm MS. Monatelang ging es ihr schlecht. Als danach die Lust nicht zurückkehrte, war sie besorgt. "Sex war mir immer wichtig", sagt sie.

Sexuelle Probleme sind bei Menschen mit MS verbreitet – doch oft ein Tabu. In die Ambulanz von Will Nelson Vance, Neuro-Urologe an der Reha-Klinik Beelitz, kommen Patienten wegen Darm- oder Blasenschwäche, die Sexualstörung wird meist erst später Thema. "Wir behandeln alle drei Bereiche, weil die Störungen vom selben Nervengebiet ausgehen", sagt er.

Die Männer klagen oft über Erektions- oder Ejakulationsstörungen, Frauen leiden unter trockener Scheide oder kommen nicht mehr zum Orgasmus. Auch Inkontinenz kann den Sex beeinträchtigen. Gegen manche Probleme helfen einfache Mittel, von der Gleitcreme bis zum Entleeren der Blase vor dem Sex.

Am häufigsten geht jedoch die Libido verloren. Das kann an Nervenschädigungen liegen, aber auch an den Medikamenten. Und oft verschärft die Psyche das Problem. "Ich habe mich nicht mehr als Frau gefühlt", sagt Claudia Grimm. "Ich dachte: Was soll mein Mann noch mit mir anfangen?"

Wenn das positive Körpergefühl verloren gegangen ist, können Berührungen helfen. Streicheln und Kuscheln schafft Nähe

Solche Selbstzweifel sind häufig. Deshalb lädt Will Nelson Vance, der auch Sexualtherapeut ist, die Patienten zusammen mit ihrem Partner ein. Er sagt: "Durch die Krankheit geht oft das positive Körpergefühl verloren. Das produziert Unlust, und der gesunde Partner hält sich umso mehr zurück." Er ermutigt seine Patienten, aktiv Körperkontakt zu suchen, damit ihr Partner die Scheu vor Zurückweisung verliert und sich das Paar wieder berührt. Oft gebe es bereits Vermeidungsverhalten: Der eine geht um neun ins Bett, der andere um elf, auch tagsüber umarmen sie sich nicht mehr. Das gilt es aufzubrechen.

Claudia Grimm ist das mit ihrem Mann gelungen. Zwar leidet sie immer noch unter Taubheitsgefühlen und Schmerzen im Beckenbereich, doch Yoga, Meditieren und Beckenbodentraining helfen ihr. "Wir lassen es jetzt ruhiger und sanfter angehen", sagt sie. "Es ist nicht mehr nur der Akt an sich, sondern auch das Vorher und Nachher."