Panische Aufrufe im Internet, Todesdrohungen gegen beteiligte Forscher und mehrere Versuche, ein Experiment per Klage vor Gericht zu stoppen: Als vor zehn Jahren am europäischen Kernforschungszentrum Cern der Large Hadron Collider (LHC) in Betrieb genommen wurde, war die Aufregung gewaltig. Einige Zeitgenossen fürchteten, der riesige Teilchenbeschleuniger könne die Welt zerstören. Denn ein Tübinger Wissenschaftler hatte behauptet, in den hochenergetischen Kollisionen der Elementarpartikeln könnte möglicherweise ein winziges Schwarzes Loch entstehen, welches immer weiter anwachsen und am Ende die Erde verschlucken werde. Als dann am 10. September 2008, einem Mittwoch, die ersten Protonen durch den Ringbeschleuniger geschickt wurden, rechneten die Warner mit dem Schlimmsten.

Während in Europa die Diskussion zwischen Apokalypse und Amüsement pendelte, ging bei der Long Now Foundation in San Francisco eine sportliche Wette ein. Ein gewisser Joe Keane wettete 500 Dollar darauf, dass der LHC binnen zehn Jahren die Erde zerstören werde – und schuf damit das Paradebeispiel einer Lose-lose-Situation: Entweder wäre das Geld weg oder gleich der ganze Planet. So oder so, Keane konnte nur verlieren.

Doch solche Details sind für die Long Now Foundation (übersetzt etwa: Stiftung der langen Gegenwart) nebensächlich. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, in unserer schnelllebigen Zeit das langfristige Denken zu fördern, und nimmt deshalb gerne Wetten mit weitem Horizont an – wie zum Beispiel die Wette, dass die Ausdehnung des Universums eines fernen Tages enden wird, oder dass es im Jahre 2060 weniger Menschen als heute geben wird. Damit sich die Teilnehmer dabei gedanklich auf die Zukunft einstellen, schreibt die Stiftung Jahreszahlen grundsätzlich fünfstellig, mit Blick auf die Zählung ab dem Jahr 10.000 (wir leben demnach 02018). Zudem geht es bei der ganzen Sache weniger um Geld- als um Erkenntnisgewinn. Die Wettpartner müssen ihren Wetteinsatz gleich zu Beginn hinterlegen, er wird in einem Fonds angelegt, und am Ende kommen beide Einsätze dann einer gemeinnützigen Institution zugute (schon allein weil Glücksspiel zur Bereicherung in Kalifornien illegal ist).

Im Sommer 2008 also begründete Joe Keane seine Weltuntergangswette mit zwei knappen Sätzen: Die theoretische Physik sei unvollständig in Bezug auf derart hohe Energien, und "keiner weiß, was passieren wird".

Das las der damals 25-jährige Internetunternehmer Nick Damiano und diskutierte die Sache mit seinem Mitbewohner. Damiano interessierte sich für futuristische Fragen aller Art. Er las eine Menge Fachliteratur und notierte sich alle Argumente gegen die vor dem LHC-Start kursierenden Katastrophenszenarien: Da wären zum Beispiel die kosmischen Strahlen, die seit Jahrmilliarden die Erde aus dem Weltall treffen; sie haben eine erheblich höhere Energie als die Teilchen im Beschleuniger. Außerdem müsste ein winziges Schwarzes Loch, wenn es denn entstünde, praktisch sofort wieder zerfallen, bevor es Masse ansammeln könnte. Und falls nicht, würde ein mögliches Anwachsen des künstlichen Schwarzen Loches so lange dauern, dass die Erde vorher auf andere Weise zugrunde gehen könnte – auf jeden Fall würde der Prozess länger als zehn Jahre dauern. Auch andere exotische Partikel, die in der Weltuntergangsdiskussion gerne genannt werden (etwa sogenannte Strangelets oder eine Vakuum-Metastabilität) hielt Damiano für äußerst unwahrscheinlich. Kurz und gut: Er wettete 500 Dollar gegen Keane.

Gemäß den Regeln hinterlegten beide ihren Einsatz. "Und dann habe ich die Sache ehrlich gesagt vergessen", sagt Damiano. Während er mehrere Start-ups im Silicon Valley gründete, schrieb der Large Hadron Collider in Genf Wissenschaftsgeschichte. Zwar gab es anfangs eine ganze Reihe von Problemen; schon neun Tage nach dem Start musste der Beschleuniger erst einmal für ein Jahr stillgelegt werden, weil eine Schweißnaht geplatzt war. Von einem "schweren Schlag" sprach der Projektleiter, erst im Frühjahr 2010 nahm die Riesenanlage wieder die Arbeit auf.

Dann aber erfüllte sie die Hoffnungen und Träume der Physiker: Im Jahr 2012 konnten sie mithilfe des LHC das lange gesuchte Higgs-Boson nachweisen, jenes "Gottesteilchen", das nach dem Standardmodell der Physik allen anderen Partikeln ihre Masse verleiht – eine Entdeckung, die 2013 mit dem Physiknobelpreis gekrönt wurde. Seither haben die Forscher in Genf das Higgs-Teilchen immer genauer unter die Lupe genommen. Erst in der vergangenen Woche gaben sie bekannt, den Zerfall eines Higgs-Bosons in zwei sogenannte Bottom-Quarks gemessen zu haben.

Nebenbei lief währenddessen in San Francisco die Weltzerstörungswette weiter, unter den Augen der Long Now Foundation. Deren Mitarbeiter wachen parallel über mehrere solcher langfristiger Vorhersagen: Derzeit laufen knapp zwei Dutzend Wetten, von denen eine bis zum Jahr 02515 reicht. Zwölf Wetten wurden bereits entschieden, unter anderem hatte der Investor Warren Buffett 2007 behauptet, ein allgemeiner Aktienindex werde über zehn Jahre eine bessere Performance hinlegen als ein ausgesuchtes Portfolio von Hedgefonds – und behielt recht damit.

Nun ist auch die Zehnjahresfrist der LHC-Wette abgelaufen. "Ziemlich cool, nach einer so langen Zeit zu gewinnen", twitterte Nick Damiano nach seinen Sieg, "und es ist auch ziemlich geil, dass die Erde noch existiert." Außerdem freut er sich über das Preisgeld von 1000 Dollar samt den in zehn Jahren aufgelaufenen Kursgewinnen. Damiano hatte seinerzeit bestimmt, das Geld solle der Hilfsorganisation Save the Children zugute kommen. Sein Gegner hatte hintersinnig verfügt, im Falle des Weltuntergangs die Waffenlobbyisten der National Rifle Association zu begünstigen.