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Kürzlich führte die türkische Polizei auf der Suche nach der Bloggerin Pucca in einer Wohnung eine Razzia durch. Der Mann, der die Tür öffnete, sagte: "Ich bin ihr Vater, ist etwas passiert?" Die Polizei erklärte, sie werde wegen eines Tweets gesucht.

"Was hat sie denn getwittert?", fragte der Vater. "Ich bin Dienerin des Westens", gab die Polizei Auskunft. Tatsächlich hatte Pucca auf Twitter gepostet: "Natürlich bin ich Dienerin des Westens. Mein lieber Westen ..." Der Vater lachte und sagte: "Oh Mann, ihr Sohn, mein Enkel, heißt Batı, also 'Westen'." Ein paar Stunden später klärte Pucca den Skandal wiederum auf Twitter auf: "Wegen dieses Tweets haben sie das Haus meines Vater nach Beweisen für die Unterstützung einer Terrororganisation durchsucht."

Ein gutes Beispiel dafür, woher der Wind in der Türkei derzeit weht. Batı (Westen) ist kein populärer Name. Das Gegenteil ist derzeit beliebt: Doğu (Osten). In den letzten fünf Jahren war Yusuf (Josef) der am häufigsten vergebene Jungenname. Die meisten in den Top Ten sind Prophetennamen.

Prof. Doğu Ergil sagte kürzlich der Deutschen Welle gegenüber: "Die Gründungsideologie der Türkei war Nationalismus, jetzt aber wurde eine weit nationalistischere Phase eingeläutet."

Nationalismus ist tatsächlich eines der Gründungsprinzipien der türkischen Republik, aber nur eines. Ein weiteres ist die Verwestlichung. Seit der ersten Verfassung von 1839 beschreitet die türkische Gesellschaft den Weg von parlamentarischer Demokratie und Rechtsstaat. Obgleich der Befreiungskampf der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg gegen die westlichen Besatzungsmächte geführt wurde, verfolgte Republikgründer Atatürk eine Politik der Annäherung an den Westen. Im Zuge einer aufklärerischen Modernisierungsbewegung nach dem Vorbild der Französischen Revolution wurde ein Regime errichtet, das auf der Gleichberechtigung von Mann und Frau basierte, die Wissenschaft zum Leitbild machte und dem Recht Vorrang einräumte. Kleidung, Maße und Gewichte, Einrichtungen der Kunst, Zivilgesetzgebung, überall wurden westliche Standards zugrunde gelegt. Vor allem aber wurde mit dem Prinzip des Laizismus der Einfluss der Religion auf die Gesellschaft gebrochen.

In seinem Buch Bürgerliches Wissen schrieb Atatürk, die Türken seien bereits vor Übernahme des Islams eine große Nation gewesen. "Der Islam hat den nationalen Enthusiasmus der türkischen Nation betäubt", meinte er und ersetzte deshalb die lange Zeit maßgebliche islamische Identität durch die des Türkentums. Aufgrund dieser laizistisch-westlichen Ausrichtung strebte die Türkei in die EU.

Letzte Woche sagte der französische Staatschef Macron, die Türkei Erdoğans sei nicht die Türkei Atatürks. Tatsächlich stellt sich im Vergleich mit den Reformen Atatürks die Epoche Erdoğan als Gegenrevolution dar. Nahezu alle republikanischen Prinzipien mit West-Referenz erodierten unter der AKP-Regierung. Rechtsstaat, Laizismus, Parlamentarismus, Pressefreiheit, Kleiderverordnungen, Konservatorien für die Lehre westlicher Musik, der Platz der Frau in der Gesellschaft, das säkulare Bildungssystem, sämtliche Errungenschaften der Republik wurden ausgehöhlt. Wenn heute selbst ein Wortspiel wie "Dienerin des Westens" als Beleidigung gewertet wird, die einen Polizeieinsatz erfordert, liegt das in dieser konterrevolutionären Kampagne begründet.

Letzte Woche, kurz vor Erdoğans Deutschlandbesuch, entsannen sich vier Minister in der Türkei des EU-Beitrittsprozesses und versprachen die Rückkehr zur Phase der Reformen. Die erste "Reform" war dann das Verbot der friedlichen Kundgebung der Mütter, die seit 26 Jahren Aufklärung über das Schicksal ihrer in Polizeigewahrsam verschwundenen Kinder fordern.

Wenn Erdoğan in Berlin vom Westen spricht, sollten Sie wissen, dass er damit das westliche Kapital meint, nicht die westliche Philosophie.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe