DIE ZEIT: Die Bundeskanzlerin war gerade in Afrika, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Wie macht man das eigentlich?

Achim Steiner: Die Menschen in den betroffenen Ländern brauchen Hoffnung und Perspektive. Das bedeutet: langfristig in die Entwicklung investieren. Bei Hungersnöten ist die Politik bereit, sich kurzfristig zu engagieren. Aber das reicht nicht.

ZEIT: Deutschland gibt bereits fast zehn Milliarden Euro im Jahr für Entwicklungshilfe aus.

Steiner: Und leistet damit einen wichtigen Beitrag. Aber ein Land wie Tschad ist größer als Deutschland, Frankreich und Polen zusammen. Wenn wir einmal addieren, was an Entwicklungshilfe in den Tschad geflossen ist, dann ist das gemessen daran wenig. Es war naiv zu glauben, dass man mit ein paar Projekten eine ganze Region in kurzer Zeit auf ein anderes Entwicklungsniveau heben kann. Möglich ist das aber. Die Wohlstandsniveaus zwischen Portugal und Deutschland waren vor einem halben Jahrhundert enorm, jetzt haben sie sich angenähert. Das war eine echte Kraftanstrengung.

ZEIT: Tschad ist aber weiter weg als Portugal.

Steiner: Wirtschaftlich und sicherheitspolitisch ist die Region immer näher an Deutschland herangerückt. Es hat auch für uns Konsequenzen, wenn sich die islamistische Terrororganisation Boko Haram dort in der Hoffnungslosigkeit ausbreitet.

ZEIT: Derzeit fließt viel Geld in die Abschottung: Überwachungstechnologien werden installiert, Grenzanlagen ausgebaut. Wie finden Sie das?

Steiner: Es zeigt, wie groß der öffentliche Druck in vielen europäischen Ländern geworden ist. Wir müssen das schon ernst nehmen. Volkswirtschaftlich wäre es wahrscheinlich zu verkraften, wenn dauerhaft mehr Menschen nach Europa drängten, aber politisch ist das immer schwerer zu vermitteln. Nur lässt sich Migration nicht dauerhaft eindämmen, wenn Bürger in ihrer Heimat keine Entwicklungschancen haben. Wir erleben heute an den Grenzen schon apokalyptische Szenen: Menschen reißen sich auf Stacheldrahtzäunen den Leib auf, ertrinken im Mittelmeer.

ZEIT: Die EU schafft es doch nicht einmal, Griechenland nach vorn zu bringen. Ist es nicht Anmaßung zu glauben, wir könnten Afrika retten?

Steiner: Wir müssen niemanden retten. Die Vorstellung, die afrikanischen Regierungen wollten nur Kredite für Prachtbauten, entspricht nicht der Realität. Außerdem haben auch die Geberländer Fehler gemacht. Von ihren Programmen profitierten allzu lange vor allem die Städte, während entlegene Gegenden vernachlässigt wurden. Wir beschäftigen uns bei den Vereinten Nationen aktuell mit der Krise rund um den Tschadsee. Armut und die Folgen des Klimawandels haben vielen Menschen die Existenzgrundlage entzogen. Bei den Konflikten geht es oft um Wasser und Land.

ZEIT: Wie kann man da ansetzen?

Steiner: Zunächst geht es um den Aufbau einer lokalen Verwaltung und Infrastruktur, damit Grundbedürfnisse wie Bildung und Gesundheit gestillt werden. Dazu gehört auch die Stromversorgung. Dank der erneuerbaren Energiequellen muss man nicht mehr 20 Jahre lang warten, bis ein nationales Stromnetz gebaut wird. Mit dem Zugang zu Energie entstehen neue Möglichkeiten, Arbeit zu schaffen.

ZEIT: Ist das nicht die Aufgabe betroffener Staaten, die stärker gegen die verbreitete Korruption vorgehen müssten?

Steiner: Wir können sie unterstützen. Eine gute Regierungsführung ist sehr wichtig, aber lässt sich nicht per Dekret verordnen. Da müssen Leute ausgebildet werden. Da müssen Institutionen gegen Bestechung aufgebaut werden. Da muss Öffentlichkeit hergestellt werden, damit ein demokratischer Prozess die Regierenden zur Rechenschaft zieht. Man sollte nicht erwarten, dass sich über Nacht etwas ändert.