Diese Geschichte beginnt mit einem Ende: Maus trifft Wolf und wird verschlungen. In einem Happs, weshalb sie quiek-lebendig im Bauch des Räubers landet. Dort trifft sie auf Ente, die sich im Wolfsmagen häuslich eingerichtet hat. Ente schwärmt von der Sicherheit, die sie in der beengten Finsternis genießt. "Als ich draußen war, hatte ich jeden Tag Angst, ein Wolf könnte mich verschlingen. Hier drin gibt es solche Sorgen nicht", erklärt sie der Maus, die das sehr einleuchtend findet. Und jetzt, in Gesellschaft, wird es noch besser. Da kann man schlemmen und tanzen, bis dem Wolf der Magen schief hängt. So schief, dass er leichte Beute für den Jäger wird. Ihre sichere Behausung können Ente und Maus nur retten, indem sie diese verlassen und vor dem Jäger einen so gespenstischen Auftritt hinlegen, dass der samt Flinte Reißaus nimmt.

Dies wäre die Stelle, an der Bilderbücher klassischerweise enden: Die Helden verstehen, dass sie ihre Angst überwinden müssen. Doch Erzähler Mac Barnett und Illustrator Jon Klassen drehen die Geschichte weiter und lassen die Tiere wählen: frei oder angstfrei? Maus und Ente entscheiden sich für die Rückkehr in den Wolfsmagen. Auf einer Doppelseite sehen wir sie dort ausgelassen feiern. So weit, so verstörend. Denn will man Kindern ernsthaft vermitteln, dass vermeintlich sicheres Eingesperrtsein der Freiheit vorzuziehen ist? Und das in Zeiten, in denen Länder sich abschotten und der Mob brüllend durch deutsche Städte zieht? Natürlich nicht – und so wechseln Barnett und Klassen am Schluss noch einmal die Perspektive, weiten den Blick. Da hockt er, der Wolf, einsam im großen Wald. Und der Wolf, er heult, jeden Abend – "O weh!"

Mac Barnett/Jon Klassen (Ill.): Der Wolf, die Ente und die Maus. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer; NordSüd Verlag 2018; 40 S., 15,– €; ab 5 Jahren