Von dem Mann, der eines der größten Probleme in der Medizin gelöst haben will, hört man im Saal zunächst nur die Stimme. Langsam bewegt er sich durch die Sitzreihen zur Bühne hin, begrüßt über ein Headset-Mikro sein Publikum. Gut sieht er aus: kurze, angegraute Haare, asketisches Gesicht. Sein Sakko streift er ab, ein weißes Poloshirt kommt zum Vorschein. So zeigt er sich häufig. Mehr als 200 Leute sind zum Vortrag gekommen, darunter Patienten und Therapeuten. Sie wollen Roland Liebscher-Bracht sehen: Bestsellerautor, Schmerzspezialist, Heilsbringer. Er will eine Methode entwickelt haben, die Knie- und Rückenschmerzen heilt. Bei manchen Patienten könne er die Schmerzen in nur einer einzigen Behandlung verschwinden lassen, sagt er. Das klingt zuversichtlich. Der Haken: Die Aussage verspricht deutlich mehr, als sie halten kann.

Wenn es um ihre Gesundheit geht, sind Menschen leicht zu verführen. Manche klammern sich nach jahrelangem Schmerz an jeden Strohhalm. Andere möchten bloß fit bleiben und gesund alt werden. Sehr viele lassen sich das etwas kosten. Gesundheit ist ein gigantischer Markt. Und der ist viel weniger geregelt, als man es sich ausmalt. Jeder, so scheint es, kann hier machen, was er will. Ungestraft wird der größte Unfug verbreitet. Da werden etwa Bücher mit haarsträubenden Behauptungen verkauft und Vitaminpillen, die kaum einer braucht. Auch Ärzte verdienen an falschen Versprechen. Dabei geht es nicht immer um große Skandale, häufig sind es die vielen kleinen Untersuchungen und sinnlosen Therapien, mit denen Ärzte ein paar Euro nebenbei verdienen – und das Vertrauen ihrer Patienten ausnutzen. Dieser Missstand hat mit der Therapiefreiheit der Ärzte zu tun. Und damit, dass die Behörden vom Lug und Trug, der tatsächlich verboten ist, sehr oft nichts mitbekommen.

Bezahlen müssen dafür die Menschen, die all die Ratgeberbücher und Vitamintabletten kaufen oder ahnungslos Sonderleistungen beim Arzt in Anspruch nehmen. Manchmal zahlen sie sogar im doppelten Sinne. Denn nicht alles nutzt, was man kaufen kann. Manches schadet sogar.

Station 1: Der Buchmarkt der großen Versprechen

Die Arthrose-Lüge heißt das jüngste Buch von Roland Liebscher-Bracht, jenem Mann, der die Säle füllt. Bereits vor Auslieferung seien im Herbst 2017 die ersten fünf Auflagen mit über 66.000 Exemplaren ausverkauft gewesen, meldete eine PR-Agentur per Mail. Roland Liebscher-Bracht trifft auf eine große potenzielle Leserschaft. Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden an Arthrose, einer Verschleißerscheinung, häufig im Kniegelenk. Viele haben starke Schmerzen, wenn die Knorpelschicht schwindet und die Gelenkflächen dann nicht mehr reibungsfrei übereinandergleiten.

Um den Schmerz loszuwerden, tun die Betroffenen viel – das meiste hat allerdings keinen Nutzen. Sie nehmen Substanzen wie Glucosamin oder Hyaluronsäure oder lassen eine Kniegelenkglättung machen. Viele liefern sich auch operationsfreudigen Orthopäden aus, die ihnen gleich ein künstliches Gelenk implantieren, wenn noch Physiotherapie und Schmerzmittel ausgereicht hätten. Vergleichsweise harmlos wirkt da jemand, der Kranken nur Bücher verkauft, um sie zu Übungen zu animieren.

Der Grundgedanke von Roland Liebscher-Bracht und seiner Frau Petra Bracht klingt revolutionär: Der Verschleiß des Gelenks sei gar nicht der Grund für die Schmerzen. "Selbst eine Arthrose vierten Grades, bei der Knochen auf Knochen schaben, hat in den allermeisten Fällen nichts mit den Schmerzen zu tun, die im oder rund um das Gelenk zu spüren sind", schreibt Liebscher-Bracht. Die wahre Ursache seien muskulär-fasziale Spannungen: Faszien, ein feingliedriges Netzwerk aus Bindegewebe und Muskeln, werden falsch belastet, verkürzen sich, ziehen die Gelenkflächen aufeinander, dadurch steigt der Druck, Schmerz entsteht, so seine Erklärung. Auch Rückenschmerzen, ein weiteres Volksleiden, entstünden so. Hinzu träten weitere Ursachen wie chemische Stoffe aus der Umgebung, Elektrosmog oder falsche Ernährung: Zucker lasse die Faszien "regelrecht karamellisieren".

Liebscher-Bracht erläutert die Theorie mit einem Arsenal an Fachausdrücken, in Wirklichkeit ist sie abstrus. Die Rolle, die er den Faszien zuspricht, ist durch nichts belegt. Dass Elektrosmog weder Arthrosen noch Rückenschmerzen verursacht, ist wissenschaftlicher Konsens. Liebscher-Bracht aber bietet eine einfache Lösung an: die Liebscher & Bracht-Schmerztherapie, also Übungen, die die Spannungen der Faszien lösen. Damit könne er "die meisten Schmerzen in kurzer Zeit beseitigen, auch bei nachgewiesener Arthrose, also tatsächlich vorliegendem Knorpelabrieb", schreibt er. Das klingt nach Erlösung. Plötzlich ist da einer, bei dem alles leicht erscheint. Einige regelmäßige Übungen sollen Arthroseschmerzen nicht nur bessern, sondern im besten Fall beseitigen. Manchmal setze die Wirkung schon nach Minuten ein, erklärt er seinem Publikum.

Zusammen mit seiner Frau Petra Bracht, einer Ärztin, hat Roland Liebscher-Bracht, der Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat, ein Imperium erschaffen. Sie verkaufen DVDs, Faszienrollen, Nahrungsergänzungsmittel. Ihr YouTube-Kanal hat mehr als 280.000 Abonnenten.

Es ist kein Vermögen, das Kunden für seine Produkte ausgeben. Und natürlich ist es besser, ein paar Übungen auszuprobieren, als passiv zu bleiben oder sich gleich unters Messer zu legen. Einen Beweis, dass die Methode den Patienten langfristig hilft, gibt es aber nicht. Studien müssen zeigen, dass die Besserungen länger anhalten als ein paar Stunden oder Tage. Und dass die Liebscher & Bracht-Therapie tatsächlich Ursache einer Besserung ist – und nicht bloß ein vorübergehender Placeboeffekt.