Inger-Maria Mahlke – eine der nicht wenigen deutschen Autorinnen, die erst ein Jurastudium absolvierten, bevor sie in die Literatur abbogen – hat Sinn für Logik. Ihr vierter, jüngst erschienener Roman Archipel lässt den konsequenten Weg der 1977 geborenen Schriftstellerin erkennen: aus der Enge hin zur Weite.

Silberfischchen, ihr Debüt aus dem Jahr 2010, war ein Kammerspiel für zwei Personen aus dem Kiezmilieu des Berliner Stadtteils Neukölln. Ihr zweiter Roman Rechnung offen (2013) blieb dem Milieu treu, erweiterte jedoch das Personal zur Hausgemeinschaft. Damit hatte es sich dann aber auch mit Neukölln. Inger-Maria Mahlke trat literarisch die Flucht nach hinten an. Ihr historischer (Anti-)Roman Wie ihr wollt (2015) spielte im 16. Jahrhundert am Hof der englischen Königin Elisabeth I., und spätestens jetzt war klar: Diese Schriftstellerin ist auf Entdeckungstour. Sie sucht nicht nur neue Räume für ihre Erzählstoffe, sie sucht auch neue Erzählstrategien. Beides trifft auf Archipel in beispielhafter, wenn auch problematischer Weise zu.

Wer im Klappentext liest, der Roman spiele auf Teneriffa, sollte schnell alles vergessen, was es in der deutschen Belletristik an Kanaren-Romanen gibt. Denn Archipel handelt nicht von Touristen, die am Strand ihre Ehe zerreden. Es ist ein Epos aus der Sicht der Inselgesellschaft vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Fast genau hundert Jahre, von 1919 bis 2015, umfasst die Romangeschichte. Dass die Autorin mit diesem Stoff so vertraut ist, verdankt sich zweifellos nicht nur ausgiebigen Studien und Recherchen, sondern auch der Tatsache, dass die Tochter einer Spanierin in ihrer Kindheit zeitweise auf Teneriffa gelebt hat. Man spürt die Nähe zu den Orten, Menschen und sozialen Verhältnissen auf jeder Seite und in jeder Redewendung der Figuren.

Mahlke legt ihr Teneriffa-Epos, zumindest auf den ersten Blick, in klassischer Weise an: als eine durch fünf Generationen reichende Parallelgeschichte mehrerer Familien. Im Zentrum stehen zwei Sippen, die Bernadottes und die Bautes. Sie sind verbunden durch das Ehepaar Ana und Felipe. Anfang der Neunzigerjahre haben sie sich als Studenten in Madrid kennengelernt und sind zusammen nach Teneriffa heimgekehrt. Die Jüngste in der genealogischen Kette ist ihre zwanzigjährige Tochter Rosa, die "irgendwas mit Kunst" macht. Felipe ist ein pensionierter, dem Alkohol zugeneigter Professor, Ana steht vor dem Ende ihrer Politkarriere. Sie ist in einen Finanzskandal verstrickt, vor dem Haus in der ehemaligen Hauptstadt La Laguna lungern Boulevardjournalisten und TV-Reporter.

Das ist die Lage. Wir befinden uns im Jahr 2015. Von da aus gelangt man nun aber nicht ins Jahr 2016, 2017 und so fort, sondern seltsamerweise immer weiter zurück – bis ins Jahr 1919, das Geburtsjahr von Anas Vater Julio. Denn Inger-Maria Mahlke erzählt, und darin liegt der gewagte Coup ihres Romans, antichronologisch: buchstäblich gegen den Strom der Zeit. Nach ungefähr hundert Seiten begegnet man Felipe als Geschichtsprofessor mittleren Alters. Noch mal 150 Seiten weiter ist er ein kleiner Junge und erlebt seinen Vater, einen hochrangigen Militärangehörigen, an einem Tag im Februar 1981 in seltsamer Nervosität. Es ist der Tag, an dem Teile der Guardia Civil und des spanischen Militärs einen Putschversuch gegen die junge Demokratie unternehmen. Im Erzählverlauf ereignet er sich vor dem Putsch General Francos 1936 und vor der Konferenz der Surrealisten auf Teneriffa, die ins Jahr 1935 fiel. Ana und Felipe haben die Romanbühne zu diesem Zeitpunkt längst verlassen. Dafür treten ihre Eltern, schließlich deren Eltern ins Zentrum.

Das ist originell. Und herausfordernd – für die Autorin wie für den Leser. Politische Ereignisse entlang ihrer historischen Abfolge, Romanfiguren entlang ihrer biologischen Genese zu entwickeln ist ein Kinderspiel, verglichen mit der Gegenkonstruktion. Einen Roman gleichsam rückwärts zu schreiben, das erfordert schon einiges an planerischer Logik. Daran mangelt es der Juristin Mahlke nicht. Sie könnte vermutlich auch eine Partie Schach rückwärts spielen und ist der erzähltechnischen Herausforderung ihres Projekts vollauf gewachsen.

Die Frage ist nur: Was bringt es übers Originelle hinaus? Gewinnt der Stoff durch seine eigensinnige Darstellung? Oder drängt sich hier die Methode vor das Dargestellte – womit man bei einer Kernfrage der ästhetischen Moderne wäre. Dass Archipel einen hochinteressanten Stoff enthält, ist überhaupt nicht zu bezweifeln. Das gesamte europäische 20. Jahrhundert im Brennglas des vor der Westsahara gelegenen kanarischen Archipels zu untersuchen ist eine hervorragende Idee, die so in der deutschen Literatur auch noch nicht realisiert wurde. Vielleicht hadert man gerade deshalb mit den Mühen der Lektüre. Natürlich verstößt Inger-Maria Mahlke nicht grundlos gegen das gängige Erzählprinzip des historischen Familienromans. Sie will der Gattung die Süffigkeit austreiben, den Downton Abbey- Effekt und seine behagliche Botschaft: Es passiert zwar viel Schreckliches in der Welt, aber glücklicherweise wächst Gras drüber. Und je weiter die Zeit voranschreitet, desto höher.

Mahlkes Roman gräbt sich unter das Gras, er will dem Vergangenen Gegenwärtigkeit zurückgeben, und das gelingt ihm durchaus. So entwinden sich die Väter von Felipe und Ana ihrer resignierten Altersschwäche und entwickeln sich zu jungen Männern, die im Spanischen Bürgerkrieg auf der jeweils anderen Seite der Barrikade kämpfen: Aus Vorfahren werden Zeitgenossen. Aber dieser Erkenntnisgewinn überwiegt den Nachteil des Überkonstruierten am Ende leider nicht.

Vielleicht hätte sich Inger-Maria Mahlke noch radikaler vom Historienschinken verabschieden und auf eine weitere seiner Eigenschaften verzichten müssen: die Ausstattungsorgie. Mit penibler Genauigkeit illustriert sie die Alltagswelten der verschiedensten Milieus zu verschiedensten Zeiten. Sie weiß, welche Farben die Uniformen der Regionalpolizei in welchem Jahr hatten. Welche Blumen Felipes Mutter in den Siebzigerjahren im Salon drapiert, wenn der Gatte ihr mal wieder die Organisation eines Dinners abverlangt. Mit welchen Worten die Nonnen in den Fünfzigerjahren schwangere Straßenmädchen zur Zwangsadoption schleiften. Welche Kleider die Haushälterinnen trugen, die den bürgerlichen Familien über Generationen hinweg dienten, und wie sich André Breton bei der Konferenz der Surrealisten auf Teneriffa benahm.

Nichts davon ist im Einzelnen uninteressant. Nur bremst die Fülle des empirischen Materials das Erzählen. Und ein Roman, der im Rückwärtsgang erzählt, braucht Tempo, um von der Stelle zu kommen.

Inger-Maria Mahlke: Archipel. Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018; 432 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €