Waging am See

Er ist an einen dieser bayerischen Postkartenorte bestellt worden, die auch in Wirklichkeit so schön sind wie auf dem Papier. Waging am See hat 7000 Einwohner. Und Noorul N. soll einer von ihnen werden.

Glaubt er.

Er hatte einen Brief bekommen, "Umzug in Ihre neue Unterkunft in der Seestr. 7". Dieser Tag wurde zur Besichtigung vereinbart, erzählt eine ehrenamtliche Betreuerin, Rentnerin.

Noorul N. will die Reise nicht allein antreten, sie fährt mit. Die beiden setzen sich in Rosenheim in den Zug. Um 13.15 Uhr kommen sie an, Bahnhof Waging, Endstation.

Waging liegt nahe der Grenze zu Österreich, die Noorul N. 2016 überquert hatte, nach seiner Flucht aus Afghanistan, er war gerade volljährig geworden.

In der Seestraße 7 wohnen fünf Menschen, vier von ihnen aus Afghanistan. Ein Verwalter führt das ungleiche Paar herum.

Es kommt ihnen alles etwas verfallen vor. Sie sehen sich an. "Du musst hier nicht bleiben", sagt die Betreuerin.

Als sie gehen, sind da im Treppenhaus vier Polizisten. Sie legen Noorul N. Handschellen an und sagen, dass sie ihn nach Traunstein zum Gericht bringen.

"Warum?", fragt die Betreuerin. Und dann: "Er braucht doch einen Anwalt."

Bei Gericht gebe es einen Dolmetscher, sagen die Beamten. Sie sagen auch, dass sie die Begleiterin leider nicht in ihrem Auto mitnehmen könnten. Dass sie aber mit der Bahn hinterherfahren könne.

Als sie in Traunstein ankommt, ist das Urteil gefällt. Abschiebehaft, Justizvollzugsanstalt Eichstätt.

Vier Tage später wird Noorul N. im Flugzeug sitzen, Start am Abend des 3. Juli 2018 in München, Landung am Morgen des 4. Juli in Kabul.

69 Männer werden an diesem Tag abgeschoben. Es ist eine Aktion, die in Deutschland für Schlagzeilen sorgt, weil Bundesinnenminister Horst Seehofer die Zahl der Menschen an Bord bei einer Pressekonferenz nennt und mit seiner eigenen Biografie verknüpft: 69 Abgeschobene an seinem 69. Geburtstag.

Die ZEIT hat die Geschichten aller 69 recherchiert – in Deutschland, Afghanistan, der Türkei. Viele der 69 Männer werden in deutschen Dörfern und Städten, in Fußballmannschaften und an Arbeitsplätzen bis heute vermisst. Etliche Menschen versuchen noch immer, sie zurückzuholen. Etliche andere wollen ihnen schnell so viele weitere abgelehnte Asylbewerber wie möglich hinterherschicken. Einige der 69 Männer waren all die Zeit im Land Fremde geblieben, ihr Fehlen wird kaum bemerkt. Manche waren psychisch krank, andere drogenabhängig, einige kriminell. Viele irren jetzt durch die afghanische Hauptstadt Kabul, ein paar sind zu ihren Familien zurückgekehrt. Einige sind krank, andere sind verschwunden. Einer starb. Einer kam wieder. Und einer ist unterwegs nach Deutschland, erneut.

Jeder der 69 hat einen Platz in dieser Geschichte über Heimat, Heimatlosigkeit und einen Heimatminister, der einen Erfolg verkünden wollte.

Bayern

Es ist schon am Morgen schwül, angekündigt sind bis zu 30 Grad und vereinzelte Gewitter. Deutschland redet über die Fußball-Weltmeisterschaft, am Vorabend spielte Brasilien gegen Mexiko 2 : 0.

22 der 69 erwachen am 3. Juli in Bayern in Abschiebehaft.

Ameen B., der behauptet, er sei der Leibwächter des Gouverneurs der Provinz Nangarhar gewesen.

Mohammad A., der einem Schwager zufolge durch halb Europa vor der Abschiebung floh. Rom, Stockholm, Coburg.

Riaz H., der aus der Haft an die Mutter eines Freundes schrieb: "Die Zeit geht hier ganz langsam und mit der Zeit werde ich mehr trauriger."

30 andere Männer in Bayern, noch in Freiheit, wissen nicht, dass Bayerns Innenministerium sie als Kandidaten für einen Abschiebeflug gemeldet hat.

Mehr als 100 bayerische Polizisten verlassen am Morgen ihre Dienststellen.

In Buchloe holen sie um kurz nach sechs Hedayat G. aus seinem Bett, der mehr als fünf Jahre sozialversicherungspflichtig in Vollzeit bei Amazon beschäftigt war und an diesem Tag Spätschicht hätte.

In der Industriestraße, Vöhringen, schließen sie die Autotür hinter Mahmoud E., der zwar in einem Mehrbettzimmer schlief, über den dennoch kaum jemand etwas wusste. Er war immer so still.

Sie fahren nach Illertissen, in die Mozartstraße, und nehmen Latif M. und Arjun W. mit, die in der afghanischen Provinz Wardak geboren wurden, wo die Taliban im Juni 13 Checkpoints der Armee einnahmen.

Viele entwischen an diesem Morgen dem Zugriff. Einer versteckt sich bei der Evangelisch-reformierten Gemeinde Bayreuth, Kirchenasyl. Einer schlägt um sich und wird in die Psychiatrie gebracht. Einer sieht nach der Nachtschicht in einem Metallverarbeitungsbetrieb in Krumbach die Polizisten vor der Haustür, läuft davon und verliert seinen Rucksack.

Die bayerische Polizei nimmt viele mit, die denken, sie hätten nichts zu befürchten.

Und es retten sich die, die nicht vergessen haben, dass sie auf der Flucht sind.

Es war im Frühling 2015, dem Jahr, in dem viele der 69 sich auf den Weg machten. Arman H. wurde von der Mutter zu sich gerufen, sie sagte: "Bring deine Schwester hier weg."

Sie lebten im Iran, wie so viele Afghanen. Die Schwester hatte bemerkt, dass sie schwanger war, verheiratet war sie nicht. Die Mutter sagte, sie wolle sich lieber nicht vorstellen, was ihr Mann mit seiner Tochter macht, wenn er von der Schwangerschaft erfährt. Sie flohen über die Grenze in die Türkei, zu Fuß, so erzählt es die Schwester. Ein Polizist schoss in die Luft, sie versteckten sich stundenlang im Dunkeln.

Istanbul.

Mit dem Boot nach Griechenland. Die Schwester als einzige Frau in der Mitte, umringt von jungen Männern.

Ein Lager bei Budapest.

In einem Van nach Deutschland.

Der Fahrer ließ sie auf der Standspur einer Autobahn bei München raus, in der Nacht. 4000 Kilometer lagen hinter ihnen, es war Herbst.

Am 12. Dezember 2015 bekam die Schwester im Krankenhaus von Marktredwitz im Fichtelgebirge eine Tochter. Im vorigen Jahr erhielt sie den Bescheid, dass sie und ihr Kind drei Jahre bleiben dürfen. Der Bruder aber muss gehen.

Die meisten derer, die am 3. Juli noch nicht in Abschiebehaft sitzen, können trotzdem etwas ahnen. Sie oder ihre Anwälte haben längst Post bekommen.

In dem Asylverfahren des/derB., Masood,geb. am 23.10.1993 in Paktia, (...) wohnhaft: Geisenfelder Str. 19, 85119 Ernsgaden, (...) ergeht folgende Entscheidung:

1. Die Flüchtlingseigenschaft wird nicht zuerkannt.

2. Der Antrag auf Asylanerkennung wird nicht zuerkannt.

3. Der subsidiäre Schutzstatus wird nicht zuerkannt.

4. Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 des Aufenthaltsgesetzes liegen nicht vor.

5. Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen.

Die vom Antragsteller[Fazulahmad F.]vorgebrachten Misshandlungen durch Schläge der Adoptiveltern stellen ein kriminelles Unrecht dar. Diese Handlungen werden jedoch in keinem der in § 3 AsylG aufgeführten Anknüpfungsmerkmale für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft erfasst und ist daher asylrechtlich nicht als Verfolgungsgrund (...) zu werten. (...) Soweit der Antragsteller vorträgt er wolle in Deutschland ein besseres Leben, ist ebenfalls kein flüchtlingsrechtlich relevantes Anknüpfungsmerkmal ersichtlich.

Der Antragsteller[Haschem K.],afghanischer Staatsangehöriger, vom Volk der Tadschiken und sunnitischen Glaubens, hat bereits unter Aktenzeichen 6217642-423 einen Asylantrag in der Bundesrepublik Deutschland gestellt. Dieser Asylantrag wurde am 12.09.2017 durch Urteil des Verwaltungsgerichts Bayreuth vom 08.08.2017 (AZ.: B 6 K 17.30836) unanfechtbar abgelehnt.

Am 3. Juli werden jene abgeholt und zum Flughafen gefahren, die vor Wochen, Monaten, oft schon vor Jahren erfahren haben, dass sie gehen müssen.

Sie haben ihre Anhörung in einer Bearbeitenden Stelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gemäß Paragraf 25 des Asylgesetzes hinter sich.

Sie haben ihren Fall geschildert, haben erklärt, warum sie nicht zurückkönnen oder zurückwollen. Haben von Verfolgung durch die Taliban berichtet, von Folter, davon, dass sie niemanden mehr haben in Afghanistan, dass ihnen das Land längst fremder ist als Deutschland.

Sie haben geweint, in manchen Fällen gelogen, einige haben mit Selbstmord gedroht.

Ihr Antrag wurde abgelehnt, weil den Entscheidern des Bundesamts ihre Geschichte nicht glaubwürdig oder detailliert genug war. Weil die Asylbewerber nicht als Leidtragende von individueller Verfolgung oder Krieg eingestuft wurden, sondern als Wirtschaftsflüchtlinge. Weil sie aus für sicher befundenen Landstrichen stammen.

Shams R.,Asyl beantragt vor 1090 Tagen.

Zikria K., Asyl beantragt vor 2563 Tagen.

Manche hatten Klage gegen die Ablehnung eingereicht und dann ein Urteil erhalten, in dem steht, dass sie "vollziehbar ausreisepflichtig" sind, sie bekamen eine Duldung, ein rot-grün-blaues Dokument mit einem roten Strich quer über die Seite. Sie wussten Bescheid, eigentlich.