Waging am See

Er ist an einen dieser bayerischen Postkartenorte bestellt worden, die auch in Wirklichkeit so schön sind wie auf dem Papier. Waging am See hat 7000 Einwohner. Und Noorul N. soll einer von ihnen werden.

Glaubt er.

Er hatte einen Brief bekommen, "Umzug in Ihre neue Unterkunft in der Seestr. 7". Dieser Tag wurde zur Besichtigung vereinbart, erzählt eine ehrenamtliche Betreuerin, Rentnerin.

Noorul N. will die Reise nicht allein antreten, sie fährt mit. Die beiden setzen sich in Rosenheim in den Zug. Um 13.15 Uhr kommen sie an, Bahnhof Waging, Endstation.

Waging liegt nahe der Grenze zu Österreich, die Noorul N. 2016 überquert hatte, nach seiner Flucht aus Afghanistan, er war gerade volljährig geworden.

In der Seestraße 7 wohnen fünf Menschen, vier von ihnen aus Afghanistan. Ein Verwalter führt das ungleiche Paar herum.

Es kommt ihnen alles etwas verfallen vor. Sie sehen sich an. "Du musst hier nicht bleiben", sagt die Betreuerin.

Als sie gehen, sind da im Treppenhaus vier Polizisten. Sie legen Noorul N. Handschellen an und sagen, dass sie ihn nach Traunstein zum Gericht bringen.

"Warum?", fragt die Betreuerin. Und dann: "Er braucht doch einen Anwalt."

Bei Gericht gebe es einen Dolmetscher, sagen die Beamten. Sie sagen auch, dass sie die Begleiterin leider nicht in ihrem Auto mitnehmen könnten. Dass sie aber mit der Bahn hinterherfahren könne.

Als sie in Traunstein ankommt, ist das Urteil gefällt. Abschiebehaft, Justizvollzugsanstalt Eichstätt.

Vier Tage später wird Noorul N. im Flugzeug sitzen, Start am Abend des 3. Juli 2018 in München, Landung am Morgen des 4. Juli in Kabul.

69 Männer werden an diesem Tag abgeschoben. Es ist eine Aktion, die in Deutschland für Schlagzeilen sorgt, weil Bundesinnenminister Horst Seehofer die Zahl der Menschen an Bord bei einer Pressekonferenz nennt und mit seiner eigenen Biografie verknüpft: 69 Abgeschobene an seinem 69. Geburtstag.

Die ZEIT hat die Geschichten aller 69 recherchiert – in Deutschland, Afghanistan, der Türkei. Viele der 69 Männer werden in deutschen Dörfern und Städten, in Fußballmannschaften und an Arbeitsplätzen bis heute vermisst. Etliche Menschen versuchen noch immer, sie zurückzuholen. Etliche andere wollen ihnen schnell so viele weitere abgelehnte Asylbewerber wie möglich hinterherschicken. Einige der 69 Männer waren all die Zeit im Land Fremde geblieben, ihr Fehlen wird kaum bemerkt. Manche waren psychisch krank, andere drogenabhängig, einige kriminell. Viele irren jetzt durch die afghanische Hauptstadt Kabul, ein paar sind zu ihren Familien zurückgekehrt. Einige sind krank, andere sind verschwunden. Einer starb. Einer kam wieder. Und einer ist unterwegs nach Deutschland, erneut.

Jeder der 69 hat einen Platz in dieser Geschichte über Heimat, Heimatlosigkeit und einen Heimatminister, der einen Erfolg verkünden wollte.

Bayern

Es ist schon am Morgen schwül, angekündigt sind bis zu 30 Grad und vereinzelte Gewitter. Deutschland redet über die Fußball-Weltmeisterschaft, am Vorabend spielte Brasilien gegen Mexiko 2 : 0.

22 der 69 erwachen am 3. Juli in Bayern in Abschiebehaft.

Ameen B., der behauptet, er sei der Leibwächter des Gouverneurs der Provinz Nangarhar gewesen.

Mohammad A., der einem Schwager zufolge durch halb Europa vor der Abschiebung floh. Rom, Stockholm, Coburg.

Riaz H., der aus der Haft an die Mutter eines Freundes schrieb: "Die Zeit geht hier ganz langsam und mit der Zeit werde ich mehr trauriger."

30 andere Männer in Bayern, noch in Freiheit, wissen nicht, dass Bayerns Innenministerium sie als Kandidaten für einen Abschiebeflug gemeldet hat.

Mehr als 100 bayerische Polizisten verlassen am Morgen ihre Dienststellen.

In Buchloe holen sie um kurz nach sechs Hedayat G. aus seinem Bett, der mehr als fünf Jahre sozialversicherungspflichtig in Vollzeit bei Amazon beschäftigt war und an diesem Tag Spätschicht hätte.

In der Industriestraße, Vöhringen, schließen sie die Autotür hinter Mahmoud E., der zwar in einem Mehrbettzimmer schlief, über den dennoch kaum jemand etwas wusste. Er war immer so still.

Sie fahren nach Illertissen, in die Mozartstraße, und nehmen Latif M. und Arjun W. mit, die in der afghanischen Provinz Wardak geboren wurden, wo die Taliban im Juni 13 Checkpoints der Armee einnahmen.

Viele entwischen an diesem Morgen dem Zugriff. Einer versteckt sich bei der Evangelisch-reformierten Gemeinde Bayreuth, Kirchenasyl. Einer schlägt um sich und wird in die Psychiatrie gebracht. Einer sieht nach der Nachtschicht in einem Metallverarbeitungsbetrieb in Krumbach die Polizisten vor der Haustür, läuft davon und verliert seinen Rucksack.

Die bayerische Polizei nimmt viele mit, die denken, sie hätten nichts zu befürchten.

Und es retten sich die, die nicht vergessen haben, dass sie auf der Flucht sind.

Es war im Frühling 2015, dem Jahr, in dem viele der 69 sich auf den Weg machten. Arman H. wurde von der Mutter zu sich gerufen, sie sagte: "Bring deine Schwester hier weg."

Sie lebten im Iran, wie so viele Afghanen. Die Schwester hatte bemerkt, dass sie schwanger war, verheiratet war sie nicht. Die Mutter sagte, sie wolle sich lieber nicht vorstellen, was ihr Mann mit seiner Tochter macht, wenn er von der Schwangerschaft erfährt. Sie flohen über die Grenze in die Türkei, zu Fuß, so erzählt es die Schwester. Ein Polizist schoss in die Luft, sie versteckten sich stundenlang im Dunkeln.

Istanbul.

Mit dem Boot nach Griechenland. Die Schwester als einzige Frau in der Mitte, umringt von jungen Männern.

Ein Lager bei Budapest.

In einem Van nach Deutschland.

Der Fahrer ließ sie auf der Standspur einer Autobahn bei München raus, in der Nacht. 4000 Kilometer lagen hinter ihnen, es war Herbst.

Am 12. Dezember 2015 bekam die Schwester im Krankenhaus von Marktredwitz im Fichtelgebirge eine Tochter. Im vorigen Jahr erhielt sie den Bescheid, dass sie und ihr Kind drei Jahre bleiben dürfen. Der Bruder aber muss gehen.

Die meisten derer, die am 3. Juli noch nicht in Abschiebehaft sitzen, können trotzdem etwas ahnen. Sie oder ihre Anwälte haben längst Post bekommen.

In dem Asylverfahren des/derB., Masood,geb. am 23.10.1993 in Paktia, (...) wohnhaft: Geisenfelder Str. 19, 85119 Ernsgaden, (...) ergeht folgende Entscheidung:

1. Die Flüchtlingseigenschaft wird nicht zuerkannt.

2. Der Antrag auf Asylanerkennung wird nicht zuerkannt.

3. Der subsidiäre Schutzstatus wird nicht zuerkannt.

4. Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 des Aufenthaltsgesetzes liegen nicht vor.

5. Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen.

Die vom Antragsteller[Fazulahmad F.]vorgebrachten Misshandlungen durch Schläge der Adoptiveltern stellen ein kriminelles Unrecht dar. Diese Handlungen werden jedoch in keinem der in § 3 AsylG aufgeführten Anknüpfungsmerkmale für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft erfasst und ist daher asylrechtlich nicht als Verfolgungsgrund (...) zu werten. (...) Soweit der Antragsteller vorträgt er wolle in Deutschland ein besseres Leben, ist ebenfalls kein flüchtlingsrechtlich relevantes Anknüpfungsmerkmal ersichtlich.

Der Antragsteller[Haschem K.],afghanischer Staatsangehöriger, vom Volk der Tadschiken und sunnitischen Glaubens, hat bereits unter Aktenzeichen 6217642-423 einen Asylantrag in der Bundesrepublik Deutschland gestellt. Dieser Asylantrag wurde am 12.09.2017 durch Urteil des Verwaltungsgerichts Bayreuth vom 08.08.2017 (AZ.: B 6 K 17.30836) unanfechtbar abgelehnt.

Am 3. Juli werden jene abgeholt und zum Flughafen gefahren, die vor Wochen, Monaten, oft schon vor Jahren erfahren haben, dass sie gehen müssen.

Sie haben ihre Anhörung in einer Bearbeitenden Stelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gemäß Paragraf 25 des Asylgesetzes hinter sich.

Sie haben ihren Fall geschildert, haben erklärt, warum sie nicht zurückkönnen oder zurückwollen. Haben von Verfolgung durch die Taliban berichtet, von Folter, davon, dass sie niemanden mehr haben in Afghanistan, dass ihnen das Land längst fremder ist als Deutschland.

Sie haben geweint, in manchen Fällen gelogen, einige haben mit Selbstmord gedroht.

Ihr Antrag wurde abgelehnt, weil den Entscheidern des Bundesamts ihre Geschichte nicht glaubwürdig oder detailliert genug war. Weil die Asylbewerber nicht als Leidtragende von individueller Verfolgung oder Krieg eingestuft wurden, sondern als Wirtschaftsflüchtlinge. Weil sie aus für sicher befundenen Landstrichen stammen.

Shams R.,Asyl beantragt vor 1090 Tagen.

Zikria K., Asyl beantragt vor 2563 Tagen.

Manche hatten Klage gegen die Ablehnung eingereicht und dann ein Urteil erhalten, in dem steht, dass sie "vollziehbar ausreisepflichtig" sind, sie bekamen eine Duldung, ein rot-grün-blaues Dokument mit einem roten Strich quer über die Seite. Sie wussten Bescheid, eigentlich.

Männer ohne Vergangenheit

Es gibt ungefähr 10.000 geduldete Afghanen in Deutschland. Bis vor Kurzem bedeutete eine Duldung für die meisten von ihnen, dass sie nicht abgeschoben werden. Die Lage in ihrem Land war nach Einschätzung des Auswärtigen Amts zu gefährlich. Im Mai 2017 sprengte sich ein Selbstmordattentäter der Taliban vor der deutschen Botschaft in die Luft, 160 Menschen starben. Der Anschlag war nicht nur ein Ausdruck der fragilen Sicherheitslage, er habe auch die Funktionsfähigkeit der Botschaft "massiv und anhaltend eingeschränkt", urteilte das Auswärtige Amt. Ohne eine zumindest teilweise funktionsfähige Botschaft keine Abwicklung von Abschiebungen. Formulare sind auszufüllen, Papierkram ist zu erledigen. 2017 verständigten sich deshalb Seehofers Vorgänger und der damalige Außenminister darauf, nur in Ausnahmefällen abzuschieben. Bis ein neues Lagebild vorliege und bis die Botschaft wieder richtig arbeite, so heißt es in der vertraulichen Vereinbarung, würden nur drei Kategorien von Geduldeten zurückgeschickt: Straftäter, Gefährder und Menschen, die sich nicht identifizieren wollen oder können, sogenannte Identitätsverweigerer.

Insgesamt wurden in den zwei Jahren vor dem Flug am 3. Juli weniger als 250 Menschen in Sammelabschiebungen nach Afghanistan gebracht.

Eine Asylanwältin aus München sagt, Abschiebungen seien bis vor kurzer Zeit beinah religiöse Handlungen gewesen: Man schickte Sünder in die Hölle. Wer sich nichts zuschulden kommen ließ, durfte bleiben.

Das Dokument mit dem roten Strich erschien den meisten geduldeten Afghanen nicht bedrohlich.

Dann änderte sich das System.

Quedlinburg

Ende der ersten Juni-Woche treffen sich Deutschlands Landesinnenminister mit dem Bundesinnenminister zu ihrer traditionellen Sommerkonferenz, dieses Mal in Quedlinburg, im gotischen Rathaus aus dem frühen 14. Jahrhundert.

Am 8. Juni 2018, einem Freitag, versammeln sich die Politiker gegen 14 Uhr zum Kamingespräch, einer vertraulichen Runde, ohne Mitarbeiter, ohne Presse.

In Sachen Afghanistan gebe es eine neue Lage, sagt Bundesinnenminister Seehofer. Das Auswärtige Amt habe einen Bericht erstellt, der es möglich mache, verstärkt abzuschieben.

Das Dokument stammt vom 31. Mai, ist 31 Seiten lang und als "Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch" eingestuft. Die Autoren kommen darin zu dem Fazit, dass sich die Lage vor Ort etwas gebessert habe. In dem Bericht steht: "Im Bereich der Menschenrechte hat Afghanistan Fortschritte gemacht." Auch die medizinische Versorgung verbessere sich konstant. Seehofer sagt, das seien gute Nachrichten. Sein Ministerium liest den Bericht so, dass die Restriktionen, die sich die Bundesregierung selbst auferlegt hat, nun nicht mehr gelten.

Es gibt noch eine weitere Nachricht aus Kabul: Die deutsche Botschaft hat die Arbeit schrittweise wieder aufgenommen. Das bestärkt Seehofer: Der alte Deal gilt nicht mehr. Ab sofort kann jeder ins Flugzeug gesetzt werden, der ausreisepflichtig ist.

Während die Innenministerkonferenz tagt, sagt die Kanzlerin im Bundestag: "Nach unserer Auffassung können die bisher geltenden Beschränkungen für Abschiebungen nach Afghanistan aufgrund des neuen Lageberichtes nun entfallen."

Im Rathaus von Quedlinburg meldet sich der niedersächsische Innenminister zu Wort. Er hat Bedenken. Im Bericht des Auswärtigen Amts steht auch, die Regierung Afghanistans sei häufig nicht fähig, ihre Schutzverantwortung effektiv wahrzunehmen. Selbst wenn die Sicherheitslage in Afghanistan besser geworden sei, sagt der Vertreter Niedersachsens, sei sie lange nicht gut. Das Risiko sei noch immer hoch.

Wie stellt man fest, wie sicher ein Land ist?

Seehofers Leute arbeiten mit Zahlen, sie berechnen die Gefährlichkeit von Staaten. Das Bundesverwaltungsgericht hat eine Ziffer in den Raum gestellt. 1:800. Im Fall eines Irakers urteilten die Richter: Wenn das Risiko, innerhalb eines Jahres durch Fremdeinwirkung verletzt oder getötet zu werden, bei 1:800 liegt, darf abgeschoben werden.

Seehofers Leute haben errechnet: In Afghanistan liegt das Risiko, getötet zu werden, bei 1:9000.

1:9000, ein neues Lagebild, eine arbeitende Botschaft – Bayerns Innenminister ist von den Bedenken des niedersächsischen Innenministers nicht überzeugt. Bayern ist dabei.

In Quedlinburg gehen die Minister mit einem Kompromiss auseinander: Jedes Bundesland soll es in Zukunft so machen, wie es das für richtig hält.

Für den nächsten, am 3. Juli geplanten Flug bedeutet das: Das Saarland, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Brandenburg, Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen schieben niemanden ab.

Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein schieben Straftäter, Gefährder und Identitätsverweigerer ab.

Sachsen schiebt zwei Männer ab, die zu keiner der drei Kategorien gehören, Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls zwei. Bayern schiebt 46 Männer ab, die keine Straftäter sind.

Hamed A., Berufsschüler aus Wasserburg am Inn, der Tischler werden wollte.

Elyas W., der erzählt, er habe für die Polizei in Kaufbeuren bei Vernehmungen aus dem Persischen übersetzt.

Sayed J., der 985 Tage zuvor in Deutschland Asyl beantragt hat und in der Bayernkaserne, Heidemannstraße 60, München, lebt.

Fareed N., der einem früheren Nachbarn anfangs sehr am Herzen lag, "aber er war schwer integrierbar". Zwei Ausbildungen habe er geschmissen, zu stolz sei er gewesen. Am Ende jobbte er nachts in einer Klebebandfabrik. N. lebte vier Jahre, sieben Monate, zwei Wochen und fünf Tage in Deutschland. Der Nachbar sagt: "Ich weine ihm keine Träne nach."

Gulkhan M., über den seine Anwältin sagt: "Gegen diese Abschiebung gibt es nichts einzuwenden."

Elchingen

Als die Polizisten kommen, um Nawid A. abzuholen, zieht er, in Unterhose und Badeschlappen, aus einem Schrank ein Messer und schneidet sich in die Unterarme. Die Polizisten bringen ihn in die Klinik. Er wird verbunden und aufs Revier gefahren. Dort schlägt er sich die Handschellen gegen den Kopf. Die Polizisten bringen ihn nochmals in die Klinik. Und dann zum Flughafen.

Flughafen München

In einem etwa 30 mal 70 Meter großen verglasten Raum, Halle F, dort, wo sonst Staatsgäste landen und abfliegen, warten 69 Männer zwischen Polizisten auf ihre Abschiebung.

Rumsitzen. Rumliegen. Weinen. Reden.

Drei tragen einen Bodycuff, eine Art Gürtel, an dem Handschellen und Fußfesseln befestigt sind. Zwei sind an den Händen fixiert, damit sie sich selbst oder andere nicht verletzen können.

Unter den 69 sind 15 Straftäter – fünf aus Bayern, einer aus Sachsen, einer aus Rheinland-Pfalz, einer aus Berlin, einer aus Hessen, einer aus Schleswig-Holstein, zwei aus Baden-Württemberg, drei aus Hamburg.

Ghaffar B., 19 Jahre alt, Diebstahl.

Hamed A., 67 Jahre alt, Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten wegen sexuellen Missbrauchs eines achtjährigen Jungen im Waschraum einer Asylunterkunft.

Pervez H., 23 Jahre alt, unerlaubter Handel mit Betäubungsmitteln, Diebstahl.

Rafik A., 23 Jahre alt, Urkundenfälschung und Erschleichung von Leistungen.

Wasir S., 22 Jahre alt, Diebstahl, Beleidigung, Sachbeschädigung.

Belal K., 22 Jahre alt, Körperverletzung mit Schlagring, Diebstahl.

Farhad H., 23 Jahre alt, Sachbeschädigung, Nötigung, Beleidigung, Diebstahl, unerlaubter Aufenthalt nach einer Ausweisung.

Ziad A., 24 Jahre alt, Versuch der besonders schweren räuberischen Erpressung, vorsätzliche Körperverletzung.

Tawab D., 30 Jahre alt. Im Dezember 2013, wenige Monate nach seiner Einreise, drang er mit zwei Komplizen in einer Berliner Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in das Zimmer zweier Männer ein. Die drei schlugen auf einen der Bewohner ein, Fäuste ins Gesicht. Die Lippe platzte auf. Die drei prügelten weiter, schlugen den zweiten Bewohner, raubten den Männern 120 Euro und ein Handy. Eine Woche später lauerten die drei einem anderen Bewohner des Heims auf, bedrohten ihn mit einem Schlagstock, forderten Geld und Telefon. Erst als ihm Freunde zu Hilfe kamen, ließen sie ihn los.

Die Berliner Landesregierung hatte bisher noch nicht mal Straftäter nach Afghanistan abgeschoben. "Rückführungen in Regionen, in die Rückführungen aus humanitären Gründen nicht tragbar sind, wird es nicht mehr geben", steht im Koalitionsvertrag. Tawab D. wird abgeschoben, als erster Afghane aus Berlin.

Sami E., 24 Jahre alt, zweiter Abschiebeversuch. Er hatte seine Freundin betrunken eine Treppe hinuntergeschubst, ihr ins Gesicht getreten, per SMS Drohungen geschickt: "du bist tot egal was passiert mit mir".

Justizvollzugsanstalt Billwerder, Haus 1b, Haftraum 16.

2017 sollte Sami E. das erste Mal abgeschoben werden. Er besorgte sich eine Flasche Toilettenreiniger, trank davon in seiner Zelle, so viel er konnte, dann zündete er sein Kissen an.

Als die Matratze brannte, bekam er Angst.

Er drückte den Alarmknopf und wurde mit einer Rauchvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert.

In der Luft

Es wird später Gerüchte geben über diesen Flug, von Afghanistan aus an die Freunde und Helfer in Deutschland weitergetragen. Einige der Abgeschobenen werden erzählen, sie seien gezwungen worden, Pillen zu nehmen, die sie ruhigstellten. Die Behörden sagen, dass jeder Abgeschobene von einem Arzt untersucht wurde und nur diejenigen ein Medikament zur Beruhigung bekamen, die darum gebeten hatten.

Viele fliegen zum ersten Mal in ihrem Leben, das erzählen sie später.

Sie erfahren von Stewardessen, wo sich die Rettungswesten befinden und wie man sie anlegt. Sie lernen, was zu tun ist, falls der Druck in der Kabine abfällt. Sie werden gebeten, sich anzuschnallen.

Vor ihnen, hinter ihnen, neben ihnen sitzen Polizisten, die nachher ebenfalls von diesem Flug berichten. Kein Abgeschobener sitzt neben einem anderen Abgeschobenen.

Sie essen vegetarische Lasagne und vor der Landung Rührei.

Fünf Stunden und 54 Minuten lang sind sie eine Gemeinschaft. Flugnummer ZT9551.

In den Sitzreihen: Hafizullah O. aus der jahrelang von deutschen Soldaten verteidigten Provinz Kundus.

Abdullah M., gerade 22 geworden.

Mohammad E. aus der Asylunterkunft Rostock-Langenort.

Sohaib Z. aus Krumbach.

Am Morgen des 4. Juli sehen sie aus den Fenstern das endlose Beige Afghanistans.

Kurz vor der Landung ein Luftloch, das Flugzeug sackt 50, vielleicht 100 Meter ab und muss durchstarten. Beim zweiten Versuch landet die Maschine, als wäre nichts gewesen.

Von dem Moment an, in dem sich die Tür öffnet, sind die 69 Passagiere Männer ohne Vergangenheit.

Deutschland liefert Menschen ab, aber nicht ihre Akten. Afghanistans Behörden wissen nicht, ob sie einen Verbrecher aufnehmen wie Milad M., wegen Körperverletzung verurteilt, oder einen Berufsschüler, der Maler werden wollte, wie Azim D. Nicht einmal über Walid Z., in Deutschland eingestuft als "sicherheitsrelevante Person", einen Islamisten mit Kontakten zu Hizb ut-Tahrir, einer in Deutschland und allen arabischen Ländern verbotenen islamistischen Organisation, erfahren die afghanischen Ämter etwas.

69 Niemande.

32 von ihnen – diejenigen, die in München kein Geld dabeihatten – bekamen vor dem Flug je einen 50-Dollar-Schein in die Hand gedrückt.

Nun betritt ein afghanischer Oberst, drei Sterne auf den Schultern, das Flugzeug, geht durch die Reihen und schüttelt jedem einzelnen die Hand.

Mit 69 Abzuschiebenden hatte keiner gerechnet

Auf dem Rückflug nach Deutschland fragen sich die Polizisten gegenseitig: "Und wie war deiner?"

Dann schauen sie aus dem Fenster, die meisten schlafen ein.

Einer sagt später, so was lasse einen natürlich nicht kalt. Aber er sei nicht derjenige, der entscheide, wer geht und wer bleibt. Dafür sei der Staat da, das Gesetz.

Der Chef der Bundespolizei sagt: "Wenn am Ende jahrelanger verwaltungsbehördlicher und verwaltungsgerichtlicher Verfahren bei einer Negativentscheidung der Vollzug fehlt, können wir uns die Verfahren auch sparen."

Auch Rechtsexperten sagen, es ist wichtig, abzuschieben, schon um zu zeigen, dass nur die bleiben können, denen deutschen Gesetzen zufolge Asyl zusteht.

Abschiebung gehört zum Rechtsstaat dazu, sagen auch viele Asylanwälte.

Ohne Abschiebung kein Asyl.

Etwas fanden die Beamten im für Abschiebung zuständigen Referat R25 der Bundespolizei, Zweigstelle Koblenz, allerdings bemerkenswert. Dass bei diesem Flug die Zuführungsquote Bayerns so hoch war wie sonst nie. Fast 70 Prozent der angemeldeten Afghanen auf der bayerischen Abschiebeliste wurden an diesem Tag tatsächlich nach München gebracht. Vor der Konferenz von Quedlinburg waren 25 bis 30 Prozent üblich. Schon Wochen zuvor hatte die bayerische Landesregierung angeboten, der Flug könne von München aus starten. Er schien ein besonderes Anliegen zu sein.

Die Bundespolizei stellte das vor Probleme. Mit 69 Abzuschiebenden hatte keiner gerechnet. Noch am Nachmittag vor dem Abflug wurden hektisch Polizisten nach München beordert. Am Ende flogen 134 Bundespolizisten mit, davon knapp 30 ohne die notwendige Qualifikation. Manche ohne Visum.

Hotel Spinsar, Kabul

42 Zimmer, sechs Stockwerke. Die Wände grün, die Teppiche rot. Im Restaurant ein großes Panorama-Gemälde. Es zeigt den Sieg der Afghanen über die britische Armee.

Die Internationale Organisation für Migration, Teil der Vereinten Nationen, bringt hier für maximal 14 Tage Abgeschobene unter. Im Treppenhaus sitzen sie in Trainingsanzügen, den Blick auf ihre Handys gerichtet, einer aus Finnland, einer aus Schweden, einer mit nebligem Blick. Am 4. Juli kommen 20 der 69 hier unter. Es sind diejenigen, auf die am Flughafen keine Verwandten gewartet haben und die nicht wissen, wohin sie gehen sollen.

Das Hotel ist der Ort ihres letzten Asyls.

Wolfratshausen

Allahyar Y. ist noch nicht lange weg, als mehrere Flüchtlinge, die mit ihm in einer Fahrradwerkstatt arbeiteten, versuchen, sich sein Rad zu schnappen.

Allahyar komme eh nicht wieder, sagen sie.

Er brauche das Rad nicht, sagen sie.

Der Leiter der Werkstatt hängt das blau-rot-weiße Rad an die Decke, an den Rahmen bindet er einen Zettel.

Dieses Rad gehört Allahyar. Er ist unser fleißiger, lieber, guter Schrauber in dieser Radlwerkstatt gewesen. Er hat Räder für deutsche und asylsuchende Menschen repariert.

Am 3.7.2018 wurde er um 6:00 Uhr von der Polizei abgeholt und sofort per Flugzeug nach Afghanistan abgeschoben. Damit ist er eines der Opfer der verschärften bayerischen Flüchtlingspolitik geworden.

Allahyar hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, sprach gut Deutsch, hat erfolgreich Praktika bestanden und wollte zuletzt Altenpfleger werden.

Allahyar, dein Fahrrad und viele andere warten auf dich.

Berlin, Dschalalabad, Kabul

10. Juli. Horst Seehofer, Bundesinnenminister, sitzt in einem Konferenzraum, um seinen "Masterplan Migration" vorzustellen, ein Papier mit 63 Punkten, das helfen soll, die Einwanderung zu "ordnen, steuern, begrenzen".

Seehofer sagt: "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war."

Die dpa meldet, dass bei einem Selbstmordanschlag auf einen Sicherheitsposten im Zentrum der ostafghanischen Stadt Dschalalabad elf Menschen getötet wurden.

Im Hotel Spinsar in Kabul beginnt es im vierten Stock merkwürdig zu riechen. Keiner traut sich, nachzusehen, warum.

Kabul

Die beiden haben sich im Spinsar kennengelernt. Sie teilten sich Zimmer 12 im ersten Stock, draußen die staubige Stadt. Seither klammern sie sich aneinander. Als sie nach zwei Wochen gehen mussten, zogen sie in ein zweites Hotel, es hieß Mayham, Heimat, dann in ein Hostel, billig und in einem Viertel gelegen, in dem immer wieder Anschläge verübt werden.

Zimmer 14, vom Fenster aus sehen sie alle paar Tage eine Rauchsäule aufsteigen.

Sie haben noch 200 Afghani, umgerechnet 4,58 Euro.

Abdul S., das Zeugnis seines Hauptschulabschlusses hat er als Foto auf seinem Handy.

Mathematik: Befriedigend.

Sozialkunde: Sehr gut.

Ethisches Handeln: Gut.

Morteza H., der erzählt, dass er dem Polizisten, der neben ihm im Flieger saß, gesagt hat: "Aber ich habe doch alles richtig gemacht."

Er hatte geschlafen, als der Hausmeister die Tür zu seinem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Schongau aufschloss und die Polizisten reinließ. "Ihr Urlaub ist fertig", habe einer von ihnen gesagt.

Zwischen den Fronten

Es gibt vier Kriege in Afghanistan. Der erste ist der Krieg der Taliban gegen die Regierung. Der zweite Krieg ist der, den die Regierung, zusammengesetzt aus tausend Milizen, gegen sich selbst führt. Auf lokaler Ebene toben Blutfehden, fast in jedem Dorf eine – der dritte Krieg. Und inzwischen ist auch der IS in Afghanistan eingedrungen. Das ist der vierte Krieg.

Mohammad K. schläft im Keller einer afghanischen Hilfsorganisation, die Minen räumt und sich um Versehrte kümmert.

Sein Vater hatte 450 Quadratmeter Land verkauft und Schulden gemacht, um den Sohn für 12.000 Dollar auf die Reise nach Deutschland zu schicken.

Warum Deutschland?

"Deutschland hat doch immer Afghanistan geholfen", sagt er.

Er ließ seine schwangere Frau zurück, er wollte sie nachholen, wenn er in Deutschland wäre. Nach seiner Abschiebung habe er seinen Sohn zum ersten Mal umarmt, das sei ein guter Moment gewesen. Das Kind ist jetzt vier Jahre alt.

Seine Frau habe beim Wiedersehen gesagt: "So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt."

Er habe geantwortet: "Ich mir meins auch nicht."

Deutschland

Die Zeitungen sind inzwischen voll mit den Fällen derer, die in Deutschland Wurzeln geschlagen hatten.

Mohammad E., dem der Personalchef der Bäckerei & Konditorei Ludwig Riedmair GmbH "geschickte Hände" attestiert, seit er in einem Praktikum Brezn in Lauge tauchte und Holzofenbrote vom Blech strich.

Ahmad A., eigene Wohnung, fester Arbeitsvertrag bei Allgäu Medical Service, feste Freundin namens Petra, dessen Tür am 3. Juli morgens von der Polizei aufgebrochen wurde.

Es sind Geschichten von Menschen, die versucht haben anzukommen, wie die Politik es ihnen aufgetragen hatte.

"Ein zentraler Punkt, ich glaube, der entscheidende, ist die Integration durch Ausbildung und Beruf", sagte Horst Seehofer, noch Ministerpräsident in Bayern, als er 2015 mit der bayerischen Wirtschaft die Vereinbarung "Integration durch Ausbildung und Arbeit" schloss.

Kabul

Er ist stolz auf seine Wohnung, in Regen, Niederbayern, 4800 Kilometer entfernt. Er habe alles selbst gekauft: das Sofa, den Fernseher, den Computer, den Kühlschrank, die Playstation.

Er sei der einzige Ausländer bei einem Hersteller von Leimholz gewesen, ein Hilfsarbeiter.

Er sagt, die Polizei habe ihm eine E-Mail geschickt, in der sie ihn bat, zwischen sechs und sieben Uhr zur Wache zu kommen, man benötige seine Aussage für Ermittlungen. Als er dort war, hätten sie ihm gesagt, dass sie ihn nun wieder nach Hause fahren. Dort bleibe ihm eine halbe Stunde, um seine Sachen zu packen.

Abdullah K. sagt, er vermisse den Kurpark.

Bamberg

Miragha M. war Torwart des Refugee Teams Bamberg. Im August bekommt sein ehrenamtlicher Helfer Post von der Kriminalinspektion Bamberg.

Ihnen wird vorgeworfen, folgende Straftat(en) begangen zu haben:

Beleidigung (§ 185 StGB)

Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens (§ 188 StGB)

Auf Facebook hatte der Helfer nicht nur geschrieben: "miragha wir vermissen dich so sehr. und haben Angst vor dem nächsten Flug. Angst um weitere tolle Menschen." Sondern Seehofer auch hochemotional als "menschenverachtende drecksau" beschimpft, die sich Abschiebungen zum "wiegenfest" wünsche.

"Wenn ich nicht rausgehe, passiert auch nichts"

Ein Einfamilienhaus in der Bamberger Altstadt. Eine Betreuerin einer Caritas-Jugendwohngruppe und ein Berufsschullehrer sitzen vor einem Stapel Akten: Ausbildungsverträge, Korrespondenz mit der Ausländerbehörde. Die beiden sind, wie viele Helfer, inzwischen Asylexperten. Sie kennen die Formulare der Ämter, haben die Paragrafen des Aufenthaltsgesetzes parat, wissen, wie man eine Tazkira beschafft, das in Afghanistan übliche Identitätsdokument, ohne das ein Asylbewerber in Deutschland kaum einen Job oder eine Lehrstelle bekommt.

Sie sehen jeden Tag Nachrichten. Sie haben gehört, dass die Grünen ein Bleiberecht für Flüchtlinge fordern, die in der Pflege arbeiten.

Soll Amir J. jetzt Altenpfleger werden?

Könnte er dann zurückkommen?

Er war der Jüngste im Flugzeug, laut Papieren 18 Jahre alt.

Er betritt ein kleines Restaurant in Kabul in einer blauen Tracht, sein Bart will noch nicht so recht wachsen. Er spricht fast perfektes Deutsch.

Er sagt, jeden Tag um vier stehe er auf und lese in einem Lehrbuch für Elektronik, das er mitgenommen habe. Im Internet schaue er nach Fachvokabeln, die er noch nicht kenne.

Er sagt: "Ich gehe kaum raus. Wenn ich nicht rausgehe, passiert auch nichts."

Khair Khana

Unter den 69 gibt es auch einige, an die sich niemand zu erinnern scheint, als hätten sie weder in Deutschland noch in Afghanistan Spuren hinterlassen.

Nadia B., Destagir S. und Aman A., drei Männer aus Nangarhar.

Saliman W. und Gundai Z. aus Paktia.

Jamshid A. aus Kabul.

Khair Khana, ein Vorort von Kabul, gefürchtet für seine Mafia-Gangs. Im August wurden hier zwei Luftwaffenpiloten, zu Fuß unterwegs, von Unbekannten auf Motorrädern erschossen.

Farid A., 42 Jahre, älter als die meisten der Abgeschobenen, lebt bei Verwandten im Keller, den Boden hat er mit Teppichen ausgelegt.

Er sagt, er habe eine Frau, Exilafghanin mit amerikanischem Pass, die in den USA als Ärztin arbeite. Sie lernten sich übers Internet kennen, die Frau flog nach Berlin, dort heirateten sie im April nach islamischem Ritus, für das Standesamt fehlte eine Bescheinigung aus Kabul.

Er sagt, sie stünden täglich in Kontakt, vielleicht könne er mit ihrer Hilfe nach Amerika, allerdings merke er, wie seine Frau langsam das Interesse verliere. Sie rufe ihn nicht mehr an, ihre Textnachrichten würden seltener. Geld habe sie noch keins geschickt.

Kabul

In Kabul ist ein Märchen im Umlauf, es geht so: Es gibt einen deutschen Politiker, der sehr mächtig ist. Dieser mächtige deutsche Politiker wurde 69 Jahre alt, deshalb ordneten irgendwelche Leute aus seinem Gefolge an, 69 Afghanen ins Flugzeug zu setzen, als Geschenk für ihn.

Mahdi Y. hat Mühe, sich aufrecht zu halten. Ganz in Schwarz steht er auf der Straße, mit glasigen Augen.

Er kann nur wenige Worte Deutsch.

Hamburg.

Steindamm.

Bundesamt.

Er habe, seitdem er zurück sei, alles geraucht, was es auf Kabuls Straßen gebe, sagt er, von Opium bis Plastik.

Er weint.

Seine Erzählungen sind zusammenhanglos und bruchstückhaft.

Er habe nach Deutschland gewollt, um dort Kinder zu bekommen, er sagt: "Kinder, die nicht so werden wie ich."

Aber dann habe er nur rumgelungert, mit Mädchen gespielt, Drogen genommen. Bei einer Prostituierten auf dem Hamburger Steindamm habe er sich mit Hepatitis B angesteckt, die Medikamente aus Deutschland seien aufgebraucht. Sein Augenweiß ist gelb verfärbt.

"Es tut mir leid", sagt er. Beim nächsten Mal in Deutschland werde er alles besser machen.

Es gibt nicht nur das Märchen vom mächtigen deutschen Politiker, es gehen auch Gerüchte um unter den Abgeschobenen.

Zehn seien wieder in Deutschland, sagt einer.

Er habe von 15 gehört, sagt ein anderer.

Manche schicken ihren Helfern Horrorgeschichten aus Afghanistan.

"Taliban haben mich aufgegriffen und fast umgebracht."

"Neben mir wurde einer erschossen."

"Fünf der 69 sind tot."

Deutschland

Spricht man mit Asylanwälten in Deutschland, entsteht der Eindruck, dass beim Kampf um das Bleiberecht alle Seiten tricksen.

Es gibt Asylbewerber, die versuchen, sich erst mit Lügen und dann mit Weglaufen einer Abschiebung zu entziehen.

Und es gibt Behörden, die alles tun, um Abschiebungen umzusetzen.

Eine Anwältin aus Stralsund erzählt, dass ihrem Mandanten am Abschiebetag verboten wurde, sie anzurufen, obwohl er das Recht dazu gehabt hätte.

Eine Anwältin aus Ingolstadt sagt, dass das Gericht ihr den Beschluss zur Anordnung der Abschiebehaft so spät zugestellt hat, dass sie nicht mehr angemessen darauf reagieren konnte.

Ein Anwalt aus Berlin sagt, dass vor dem Flug vom 3. Juli Entscheidungen in wenigen Tagen gefällt wurden, die sonst Wochen oder Monate dauerten.

Graubereiche des Rechts nennen die Anwälte das.

Kabul

Er trägt ein Muskelshirt, gebleichte Jeans.

Seine Mutter habe nach seiner Rückkehr gesagt: "Du warst unsere Hoffnung. Wir dachten, du holst uns irgendwann alle nach Deutschland."

"Ich glaube", sagt Mirwais H., "meine Mutter hasst mich jetzt."

Ein Dorf in der Halbwüste

Marof K. hat eine Frau und drei Kinder. Als er in sein Dorf zurückkam, erkannten sie ihn nicht.

2008, als die Taliban seine Heimat überrannten, floh er in den Iran. Auf der späteren Flucht blieb er in Griechenland hängen, lebte zwei Jahre und acht Monate in einem der Athener Parks, berüchtigt wegen der Drogenabhängigen und Stricher. Er schlief auf der Straße und sammelte Pfandflaschen.

Schließlich schaffte er es nach Italien, dann nach Frankreich, Frankfurt, München, am Schluss Kaufbeuren im Allgäu. Irgendwann sollte seine Familie folgen.

2014 begann er zu arbeiten, Schweißtechnik Burkhard, 1482 Euro netto, unbefristeter Vertrag. Das meiste Geld habe er seiner Familie geschickt.

"Unbefristeter Vertrag", das sagt er immer wieder, fast akzentfrei und wie Zauberworte.

Der unbefristete Vertrag liegt in einem Schrank in Kaufbeuren.

Deutschland

Es sind viele nach Deutschland gekommen, die den Krieg noch in sich trugen. Einige der 69 waren in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung oder wurden direkt aus der Psychiatrie abgeholt.

Norollah N., über den sein Berufsschullehrer sagt, er habe im Unterricht in sich versunken mit dem Bleistift Figuren gezeichnet, ausgemergelte Männer, ganz schwarz.

Zahidullah S., der einmal damit drohte, vom Dach des Sozialamts in der Werdauer Straße in Zwickau zu springen.

Miajan A., der stationär behandelt wurde und dessen Anwalt sagt, dass seinem Klienten am Ende die Kraft fehlte, Behördenbriefe zu öffnen, Beschwerden voranzutreiben, Fristen einzuhalten.

Rasul H., rezidivierende depressive Störung.

Die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung ist seit 2016 in Deutschland kein Abschiebehindernis.

Dschalalabad

Dschalalabad liegt am Ende einer der gewaltigsten Schluchten Afghanistans. Ganze Viertel in Händen der Taliban, immer wieder vernichtende Anschläge. Der IS mordet, die Mafia regiert mit, Provinzpolitiker töten sich gegenseitig.

Nahe der vierspurigen Nationalstraße, in einem Gewirr aus Gassen und halb fertigen Häusern, am Ende einer Sackgasse, wohnt seit seiner Abschiebung Tamiel M., dem in Deutschland psychosozialer Bedarf bescheinigt wurde:

Herr M. schilderte im Erstgespräch, unter Schlafstörungen und Vergesslichkeit zu leiden. Er könne manchmal nicht einschlafen, wache nachts oft auf von seinen Albträumen mit dem Gefühl, mit Strom gefoltert worden zu sein. Tagsüber empfinde er oft das Gefühl, gewürgt zu werden. Er könne nicht genau unterscheiden, ob er manches nur geträumt oder auch wirklich erlebt habe. Herr M. erwähnte Kopfschmerzen und ein Jucken im linken Auge. Die Frage nach Kopfverletzungen wurde von ihm verneint. Manchmal habe er kein Gefühl im Körper, dann wieder empfinde er ein Kältegefühl an der linken Körperhälfte. Ferner habe er den Geruch von Leichen in seiner Nase.

Er steht vor einem blauen Metalltor, am Ende des schmalen Grundstücks ein einfaches Haus, es gehört entfernten Verwandten.

Er sagt, in Deutschland habe es im Schwimmbad von Öhringen ein Missverständnis gegeben. Er habe nicht onaniert, es habe ihn überall am Körper gejuckt, er habe sich gekratzt, nicht gemerkt, dass eine Tür offen stand, davor Jugendliche, die alles sahen. Die Polizei kam.

Ein halbes Jahr Gefängnis.

Er sagt, er habe so viele Gedanken im Kopf und könne keinen davon festhalten.

Nach dem Treffen mit Tamiel M. sagt der Übersetzer: Irgendwann wird sich seine Familie in der Moschee öffentlich von ihm lossagen. Dann wird er vogelfrei sein. Dann werden sie ihn töten.

In seinem Hotelzimmer erhängt mit einem Gürtel

Mohammad A., der für umgerechnet 140 Euro im Monat seinen Cousin als Bodyguard angeheuert hat, sagt, er sei nicht des Geldes wegen nach Deutschland gekommen. Er sagt: "Ich habe Geld."

In Deutschland erzählte er dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge folgende Geschichte: Sein Vater habe eine Hochzeitshalle betrieben, in der getanzt und gefeiert wurde. Damit habe er den Zorn der Taliban auf sich gezogen.

In Afghanistan erzählt er diese Geschichte: Sein Vater sei Kommandeur einer kleinen Miliz gewesen, die einem der reichsten und kriminellsten Männer der Provinz unterstanden habe. Dieser Mann habe den Vater reich gemacht, doch der Vater habe sich mit ihm überworfen. Seither befehdeten sich beide Familien, einer seiner Brüder sei schon tot.

Mohammad A. sagt, er dürfe nicht zu lange an einem Ort bleiben. Und verschwindet in die anbrechende Nacht.

In Deutschland, auf einem harten Stuhl, werden während der Befragung zum Asylantrag viele Taliban-Geschichten erzählt. Ein Abgeschobener sagt, es kursiere der Ratschlag: Sag was von Taliban, und du kannst bleiben.

Die vielen erfundenen Geschichten haben dazu geführt, dass bei Befragungen genau diese Geschichten nicht mehr geglaubt werden, auch wenn sie wahr sind.

So ist es mit Schlupflöchern. Sobald sie groß und sichtbar werden, schließen die Behörden sie.

Heirate eine Deutsche, hieß es. Doch das Heiraten ist nicht mehr so einfach.

Sardar S., 33 Jahre alt, war mit Ute, 58, sieben Mal beim Standesamt. Erst, sagt sie, sei ihnen nicht mal gesagt worden, welche Papiere sie brauchen. Dann hätten welche gefehlt. Sie schreibt nun Briefe. An den MDR. Den NDR. Den Botschafter. Den sächsischen Ministerpräsidenten. Das Innenministerium. Den Pfarrer. Das Rote Kreuz.

Die Botschaft hat geantwortet. Man könne nichts tun.

Sie liebten sich doch, sagt sie.

Verletz dich bei der Abholung selbst, hieß es, dann stecken sie dich nicht ins Flugzeug, sondern bringen dich ins Krankenhaus. Jetzt werden Verletzte meist einfach verbunden und abgeschoben.

Lass dich taufen, hieß es. Christen dürfen bleiben, weil es für sie in Afghanistan zu gefährlich ist.

Weiden in der Oberpfalz

Anfang 2017, im Februar oder März, hatte Ahrun M. plötzlich im alten Pfarrhaus gestanden, in Jeans und Hemd, das Haar gekämmt. Vielleicht war er aus seiner kleinen Wohnung am Stadtrand gekommen, vermutlich aber vom Teppichladen Hafez, in dem er als Knüpfer und Verkäufer arbeitete. Sein Weg hatte ihn durch Weidens Altstadt geführt, vorbei am Metzger Weishäupl, an Leder Hackl und Hut Reger. Im Pfarrhaus sagte er dann: "Ich möchte getauft werden."

Der Dekan hörte die Bitte nicht zum ersten Mal. Immer wieder kommen muslimische Asylbewerber zu ihm, Syrer, Iraker, Afghanen. Er sei oft skeptisch, sagt der Pfarrer. Er frage immer nach dem Stand des Asylgesuchs.

Bei Ahrun M. schien die Sache klar: Er lebte seit sechs Jahren in Deutschland. Er hatte Arbeit. Und seit Monaten stand er sonntags als stummer Gast im Gottesdienst einer entlegenen Vorortgemeinde, die zum selben Dekanat gehört – absichtlich, sagte Ahrun M., sei er nicht in die Hauptkirche im Stadtzentrum gegangen, damit kein anderer Afghane etwas mitbekam von seinem Wunsch zu konvertieren. Zwölf Wochen Taufkurs. Altes Testament, Neues Testament, Vaterunser.

Am 16. Juli 2017 beugte sich Ahrun M. über das gläserne Taufbecken der Kreuz-Christi-Kirche von Weiden, der Dekan zitierte als Taufspruch Lukas 10,20: "Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind." Kaffee und Kuchen mit den Damen vom Gemeinderat.

An den folgenden Sonntagen erschien Ahrun M. weiterhin im Gottesdienst, dann bekam er Post: Sein Asylantrag sei abgelehnt, für ihn liege ein Heimreiseschein vor. Ihm wird Asyltaktik vorgeworfen, weil er sich schon vor der Taufe in Weiden von einem niederländischen Wanderprediger hatte taufen lassen.

Übereifer sei das gewesen, sagt der Dekan und auch, Ahrun M. sei als Christ in Afghanistan jetzt in größerer Gefahr, als er es als Muslim je gewesen sei.

Bayern

Einige Wochen lang verging kein Tag ohne Protest gegen den Flug der 69. Pfarrer hielten Gottesdienste. Arbeitgeber schrieben Briefe. Freunde gaben Interviews. Frauen wollten Abgeschobene adoptieren oder heiraten. Helfer versammelten sich zu Mahnwachen.

Es gingen auch Tausende auf die Straße, in Chemnitz, in Köthen, und demonstrierten für mehr Abschiebungen und weniger Flüchtlinge in Deutschland. Auf einem Plakat stand: "Wir sind bunt, bis das Blut spritzt."

Aus dem bayerischen Innenministerium hört man, es gebe nach dieser Sammelabschiebung einen politischen Wunsch nach "noch mehr Balance". Man wolle sich nun noch intensiver fragen: Schieben wir die Richtigen ab?

Im August habe das neue Bayerische Landesamt für Asyl und Rückführungen seine Arbeit aufgenommen, und dort werde jetzt immer noch ein zweites Mal über alle Fälle geschaut. Die Beschränkung der Abschiebungen auf bestimmte Gruppen sei entfallen, betont man in München noch einmal. Man werde in Zukunft aber die Priorität noch stärker auf Straftäter legen. Auch könne im Einzelfall eine besonders gute Integration im Rahmen des Ausländerrechts berücksichtigt werden.

Afyonkarahisar, Türkei

Sieben der 69 halten noch über eine WhatsApp-Gruppe Kontakt, Name: "Zurück nach Afghanistan". Das Profilbild: ein verwackeltes Foto aus der Lobby des Hotels Spinsar, die Männer posieren, manche lachend, manche ernst, das Gesicht weiß vom Blitzlicht.

Protokoll der Nachrichten, in Farsi geschrieben:

"Hallo, Jungs, alles gut bei euch? Was gibt’s Neues?"

"Ja, alles gut. Bei dir?"

"Für mich ist alles schlecht."

"Für mich ist auch alles schlecht."

Am 1. September um 6.53 Uhr schickt Ali D. ein Selfie. Man sieht ihn in weißem Hemd und mit weißen Kopfhörern an einem Flugzeugfenster sitzen. Unter dem Bild postet er fünf Sonnenbrillen-Smileys und schreibt: "Gratuliert mir! Ich bin auf dem Weg nach Teheran. Endlich weg aus Kabul, dieser Hölle. Gott sei Dank!"

Drei Tage später sitzt ein Mann, der fast noch ein Junge ist, mit seinem Samsung-Smartphone im Schatten einer Trauerweide. Um 11.42 Uhr postet Farid F. in die WhatsApp-Gruppe: "Ich bin jetzt in der Türkei. Ich gehe zurück nach Deutschland."

Es ist der 63. Tag nach der Abschiebung, sein zehnter Tag in der Türkei, all das zählt er, weil ihm unendlich langweilig ist.

Farid F. wurde aus Lindau am Bodensee abgeschoben. Seine Familie, die noch dort ist, die Mutter, ein älterer Bruder und eine ältere Schwester, überwiesen ihm 800 Euro per Western Union. Er kaufte sich ein Flugticket von Kabul nach Teheran. Vier Tage blieb er, dann bat er Verwandte und Freunde noch einmal um Geld. Sie schickten, was sie konnten, er bezahlte einen Schlepper, der ihn über die Berge in die Türkei brachte.

Jetzt ist er im Westen Anatoliens, in einer Stadt, die Afyonkarahisar heißt, "die Stadt am schwarzen Opiumberg", kurz: Afyon. 200.000 Einwohner, im Zentrum erhebt sich ein dunkler Felsen.

Im Juli 2015 war Farid F., damals noch 16, zusammen mit seiner Mutter nach Deutschland gekommen. Acht Monate später folgten Bruder und Schwester. In Lindau machte Farid F. einen Sprachkurs, lernte Fahrradfahren, besuchte einmal in der Woche die Tanzschule. In Farid F.s Berufsschulzeugnis, das zehn Tage nach seiner Abschiebung ausgestellt wurde, schreibt der Klassenlehrer:

Farid F. begegnete seinen Lehrern stets mit großer Höflichkeit und mit unbedingtem Respekt. Seinen Mitschülern war er ein angenehmer und geschätzter Klassenkamerad, der nie an Konflikten beteiligt war, sondern durch seine ruhige und immer heitere Wesensart zu einem guten Klassenklima beitrug.

Farid F. sagt: "Wenn ich nur Geld hätte, würde ich mich zum nächsten Schlepper ins Auto setzen und nach Deutschland fahren." 5000 Dollar koste der Transit aus der Türkei nach Deutschland.

In Deutschland werden derzeit nur alleinstehende Männer abgeschoben. Alleinstehend bedeutet: nicht verheiratet, keine Kinder.

In Lindau sitzt Farid F.s Mutter und sagt: "Wenn meinem Sohn etwas passiert, ich mache mich selbst tot."

Wer aus Deutschland abgeschoben wurde, darf bis zu fünf Jahre lang nicht wieder einreisen, für Straftäter gilt eine bis zu zehnjährige Frist.

Weihnachten, sagt Farid F., wolle er wieder zu Hause sein, in Lindau.

Als er noch in Kabul war, hatte Farid F. am 11. Juli um 11.40 Uhr ein Bild an seinen Bruder geschickt und es direkt danach gelöscht, weil er es nie wieder anschauen wollte.

Auf dem Bild ist eine Leiche zu sehen, ein Mann, gefunden Tage nach seinem Tod, als der Geruch im Hotel Spinsar so unerträglich wurde, dass man begann, nach der Ursache zu suchen.

Das Foto zeigt Jamal M., der als 15-Jähriger nach Deutschland kam, verurteilt wegen Diebstahls, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz, "vollziehbar ausreisepflichtig", in seinem Hotelzimmer erhängt mit einem Gürtel.

Greifswald

Er ist am 12. August mit einem Linienflug zurückgekehrt, Kabul–Islamabad–Istanbul–Berlin, bezahlt vom deutschen Staat. In Berlin stieg Nasibullah S. in den Zug und fuhr nach Neubrandenburg. In seinem alten Heim betrat er sein altes Zimmer, das ihm seltsam unberührt vorkam, als wäre es vor Wochen zu einem Bild gefroren.

Stillleben mit Stuhl-Bett-Tisch.

Nasibullah S. kramte aus seinem Rucksack, was er am Morgen des 3. Juli an gleicher Stelle hineingestopft hatte, Rasierer, Tabletten gegen die Angst, sein afghanisches Gewand.

Am 5. September geht er mit seiner Anwältin und deren Assistentin durch die Altstadt von Greifswald, ein junger Mann von 20 Jahren in Jeans und Turnschuhen. Dombuchhandlung, Kopfsteinpflaster, das Welcome Centre der Universität. Davor steht die Leiter einer Umzugsfirma auf dem Bürgersteig. "Aufpassen! Unter der Leiter durchgehen bringt Unglück!", ruft die Assistentin.

"Why?", fragt Nasibullah S.

"I don’t know why", sagt die Assistentin. "In Germany, it’s so."

Nasibullah S. geht um die Leiter herum.

Gleich neben dem Welcome Centre liegt das Verwaltungsgericht.

Nasibullah S. ist der einzige der 69, bei dem die Abschiebung nach jetzigem Wissen nicht rechtmäßig war. Ihm ist etwas passiert, das nicht passieren sollte. Eine Behörde machte einen Behördenfehler. Das Bundesamt hatte seinen Asylantrag abgelehnt; dagegen hatte er geklagt; am 11. Juli stand die Verhandlung an. Man steckte Nasibullah S. im laufenden Verfahren ins Flugzeug nach Kabul. Fünf Wochen und fünf Tage später holte man ihn zurück, nur damit er heute hier sein kann.

"Ich würde Sie bitten, mir zu erläutern, was die Gründe sind, warum Sie die Heimat verlassen haben", sagt der Richter. Nasibullah S., zwischen Anwältin und Übersetzer, spricht ganz leise, sein Paschtu-Gemurmel legt sich über den Saal. Taliban, Drohbrief, der ermordete Vater, Krieg.

Der Richter nimmt ein Aufnahmegerät und redet hinein. "Die Leute hätten die Leiche des Vaters vor die Moschee gepackt PUNKT ABSATZ ... Man habe in dem Video nicht gesehen KOMMA wie der Vater gestorben sei ..."

Es ist schon fast vorbei, da kommt der Richter darauf zu sprechen, dass Nasibullah S. einer von den 69 ist. "Das macht diesen Fall ja besonders. Erklären Sie mir mal bitte, wie das ablief in Kabul in den ersten Tagen."

Die Anwältin: "Ich hab da einen Einwand! Für das Verfahren dürfte das keine Rolle spielen."

An diesem Tag wird nicht verkündet, ob Nasibullah S. in Deutschland bleiben darf oder bald wieder in einem Flugzeug nach Afghanistan sitzen wird. Innerhalb von zwei Wochen, sagt der Richter, wolle er das Urteil fällen. Die Anwältin und ihre Assistentin müssen weiter, und Nasibullah S. geht die Domstraße hoch zur Cocktailbar "Mitt’n drin" und trinkt in der Nachmittagssonne einen Kaffee.

Kitzingen

Drei Kunden, um die 20 Jahre alt, Turnschuhe, Shorts, T-Shirts.

"Ähm, also, wir wollten einen Baum abholen."

Die Gärtnerin führt sie in den Hof. Bitte irgendwas für maximal hundert Euro, hatten sie am Telefon gesagt, jetzt steht da diese Zypresse.

"Die ist ja riesig", sagt Jan. "Ich dachte, wir kriegen ein Bäumchen." Und: "Wie soll der in meinen Polo passen?"

Tobi, Timo und Jan aus der Kaltensondheimer Straße kennen sich eigentlich schon immer. Es ist der Sommer, in dem ihnen alles offensteht. Einer hat Abi gemacht, einer die Lehre fertig, einer sein Studium geschmissen. Am nächsten Morgen werden Jan und Tobi in den Zug steigen. Interrail. Sie wollen nach Mailand, Barcelona, Madrid, Marseille, Paris, Manchester, Glasgow.

"Muss der mit dem Topf in die Erde rein?"

Die Verkäuferin lacht. "Nee."

Jan hat von seinem Onkel schnell einen Dodge geholt, einen riesigen Pick-up. Timo setzt sich auf die Ladefläche und hält den Stamm fest, so rollen sie langsam durch Kitzingen, Sitz des Deutschen Fastnachtmuseums, berühmt für das Rathaus von 1563, der Baum schwebt über dem Verkehr wie bei einer Prozession.

An der Ampel ruft ein Vespafahrer rüber: "Was macht ihr denn da?"

"Wir pflanzen einen Baum", sagt Timo. "Für einen Freund."

"Jeder Mann muss mal einen Baum pflanzen", antwortet der Vespafahrer.

Ankunft am Fußballplatz. Auf der einen Seite ein Maisfeld, auf der anderen liegt ein Tor rum. Die drei gehen auf die Wiese hinterm Tor. Sie nehmen Schaufeln und graben ein Loch.

Ali A. war ihr rechter Außenverteidiger, Bayern Kitzingen, A-Klasse Würzburg 3.

Sie versenken die Zypresse im Loch, schaufeln Erde dazu, wässern, setzen sich und rauchen.

Ali hat ihnen geschrieben, er verstecke sich in einem Dorf in der Provinz Daikondi vor dem Krieg. Sie werden ihm nicht antworten, dass sie einen Baum für ihn gepflanzt haben, es kommt ihnen falsch vor. Wenn er wiederkommt, soll da eine Überraschung warten.

Ob er wiederkommt?

"Wer weiß", sagen sie.


Online-Umsetzung: Andreas Prost, Christoph Rauscher, Julian Stahnke, Julius Tröger und Webkid

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