Sie hatte noch kaum Erfahrung in ihrem Beruf, da wurde Andrea Bubos von einer Patientin um eine besondere Hilfe gebeten. Die Frau hatte unerträgliche Schmerzen in den Schultern und wollte von der jungen Physiotherapeutin behandelt werden – mit einer einschränkenden Bitte allerdings: Sie ertrage es nicht, angefasst zu werden, ob es eine Heilung auch ohne Berührung gebe? Andrea Bubos, der diese Sorge noch nicht begegnet war, stutzte, dachte kurz nach, ergriff dann einen Besenstiel und setzte ihn als Hilfsmittel ein, um die Schultern mit dem hölzernen Ende des Stiels statt mit den eigenen Händen zu massieren. Es half, einigermaßen.

35 Jahre ist das jetzt her, aber Bubos erinnert sich an die Szene, als habe sie sich gestern zugetragen. Denn das Doppelgesicht der körperlichen Begegnung prägt ihren Beruf. "Menschen brauchen für ihr Wohlbefinden Berührung", sagt die 58-Jährige, während sie in ihrer Hamburger Praxis mit ihren Händen meine schmerzende Fußsohle kunstvoll knetet und walkt. "Berührung heilt. Man sollte eine tägliche Umarmung geradezu verordnen. Aber viele fürchten sie auch als eine drohende Verletzung, weil sie Gewalt erfahren haben." Der Besenstiel war damals also eine geniale Idee: Er sorgte für Berührung mit gleichzeitig garantierter Distanz.

Rühr mich (nicht) an, komm mir (nicht zu) nahe: Das Berührungsdilemma ist uralt und für die Natur des Säugetiers Mensch so grundlegend, dass es einem vorkommen kann, als habe sich seit ein paar Tausend Jahren gar nichts geändert. Aristoteles schreibt vor 2500 Jahren in seinem Traktat Über die Seele, ohne Berührungen müssten die Menschen eingehen, nur sei eine allzu starke Berührung durch Gewalt leider ebenfalls tödlich.

Zweieinhalb Jahrtausende später fasst die Psychologin Sherry Turkle vom Massachusetts Institute of Technology in Boston die Berührungsnot als Balanceakt zwischen Sehnsucht und Abwehr auf: "Wir sind überaus verletzbar. Wir sind einsam, doch intime Nähe fürchten wir." Was Aristoteles noch nicht wissen konnte: Hormone sind ein messbarer Indikator für dieses Dilemma. Angenehmer Hautkontakt lässt die Konzentration des Botenstoffs Oxytocin im Blut steigen, unangenehme Berührung sorgt für die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol, und die beiden Reaktionen können unmittelbar benachbart sein.

Berührung ist seit eh und je zwiespältig. Sie kommt nah und leicht allzu nah. Sie wird als Zuwendung, Liebe, Zärtlichkeit und auch als Heilkunst zumeist ersehnt. Als Belästigung aber, als Übergriff, als Gewalt, ist sie umso verhasster. Beides ist historisch tief in der Erfahrung verankert, und das Dilemma hat etwas Unausweichliches: Die Verletzung, vor der jeder Schutz sucht, und die Zuwendung, die jeder braucht, sind die beiden Seiten der körperlichen Nähe. Das eine scheint ohne das andere kaum zu haben zu sein.

Umso kostbarer ist es in unserer Gesellschaft, wenn Berührung ohne Verletzung gelingt. Das zeigt sich unübersehbar im Straßenbild, wenn das angesehene Hamburger Universitätsklinikum um Pflegekräfte wirbt, indem es großflächig Fingerspitzen plakatiert und dazu schreibt: "Fingerspitzengefühl? Ohne geht es nicht." Oder wenn eine Salbe mit einem Foto beworben wird, auf dem eine mütterliche Fingerspitze zart die Nasenspitze ihres Kindes berührt: "So heilsam wie die Berührung einer Mutter". Noch angenehmer kann es offenbar sein, wenn einen gar kein anderer lebendiger Mensch wohlig umarmt, sondern nur ein Phantasma aus Seifenschaum, wie die Reklame eines Duschgels zeigt, die dazu verspricht: "Wir bieten Ihrer Haut Schutz." Zartheit, Gedeihen, Schutz: Wer würde diese Güter nicht schätzen?

Und es ist kein Wunder, wenn Bücher sich in den Läden stapeln, die von heilender Berührung handeln: Das neue Buch des Berliner Psychopharmakologen Bruno Müller-Oerlinghausen und der Körpertherapeutin Gabriele Mariell Kiebgis Berührung. Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt oder der Bestseller Mit den Händen sehen des alterslosen Sportarztes Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt sind nur die jüngsten Exempel für diesen Trend. Doch mögen sie das Heilsame noch so lebhaft beschwören: Die Verletzbarkeit als menschliche Grunderfahrung führt in der Historie des Zusammenlebens dennoch machtvoll Regie.