Wenn Björn Höcke am Fenster seines Wohnhauses in Bornhagen steht und den Hang hinab auf das kleine Dorf im nördlichsten Zipfel Thüringens blickt, sieht er eine Art konservatives Traumbild von Deutschland. Eine 300-Seelen-Gemeinde am Fuße einer Ritterburg, umgeben von dichten Wäldern und saftigen Wiesen, dazu eine evangelische Kirche aus der Kaiserzeit.

"Mein Bullerbü" nennt der AfD-Landeschef den Schlupfwinkel zwischen Thüringen, Hessen und Niedersachsen, in den er sich zurückgezogen hat. In Bornhagen ist die AfD stärkste Kraft, bei der Bundestagswahl holte sie hier 34 Prozent. Das Eichsfeld sei ihm "Refugium" geworden, schrieb Höcke im vergangenen Jahr auf Facebook, "es ist mir Rückzugs-, Inspirations- und Regenerationsraum". Und hier plant er auch seine Inszenierungen, wie den "Trauermarsch" durch Chemnitz am 1. September.

Mit diesem Auftritt hat Höcke die Bereitschaft zum Schulterschluss mit gewaltbereiten Rechtsextremen demonstriert. Der Thüringer Verfassungsschutz interessiert sich mittlerweile für die rechte Volksfront aus AfD, Wutbürgern und Neonazis, die Höcke errichten will. Und für seine Kontakte ins Neonazi-Milieu. Neu sind sie allerdings nicht. Schon lange bevor Höcke zur Galionsfigur der völkischen AfD-Fraktion aufstieg, freundete er sich offenbar mit dem stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Thorsten Heise an, einem wegen Gewaltdelikten vorbestraften Neonazi.

Zwei Einwohner von Bornhagen reden nun erstmals offen. Sie berichten, sie hätten den stellvertretenden NPD-Vorsitzenden Heise ab 2008 öfter bei Höcke zu Gast gesehen, Heise sei eine ganze Zeit lang in Bornhagen ein und aus gegangen. Die Anwohner haben ihre Beobachtungen in eidesstattlichen Versicherungen niedergelegt, der ZEIT ist die Identität der beiden bekannt.

Höcke und Heise streiten nicht ab, sich zu kennen. Ihre Kinder haben dieselbe Schule besucht. Doch mehr als nur flüchtig bekannt wollen der NPD-Vize und der Thüringer AfD-Chef nie gewesen sein.

Heise wohnt mit seiner Familie nur fünf Minuten von Höcke entfernt im Nachbarort Fretterode und sitzt für die NPD im Kreistag. 1999 hat er ein altes Gutshaus in Fretterode gekauft. Er dreht Propagandavideos und verkauft CDs von Rechtsrock-Bands wie Sturmwehr und Heldenschwert, vertreibt Reichskriegsflaggen, Wehrmachtstandarten, Schlagstöcke und Aufnäher der "Arischen Bruderschaft". Nach Einschätzung des Bundeskriminalamts ist Heise einer der bekanntesten Neonazis Deutschlands und gilt als eine Leitfigur der rechtsextremen Szene.

Seine rechtsextreme Karriere startete Heise in den Achtzigerjahren. In der Wendezeit versuchte er, einen Asylbewerber zu überfahren. Er wurde mehrfach verurteilt, unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, Volksverhetzung und Landfriedensbruchs, und saß zweimal im Gefängnis. 2007 fanden Ermittler eine zerlegte Maschinenpistole auf seinem Grundstück und eine Pistole in seinem Schlafzimmer.

Heise soll dem NSU-Trio versprochen haben, ihm bei der Flucht zu helfen

Zum Hitler-Geburtstag am 20. April hat Heise im sächsischen Ostritz ein Neonazi-Musikfestival veranstaltet. In seinem Garten hat Heise ein zerstörtes Ehrenmal des 1. Panzerkorps "Leibstandarte" der Waffen-SS aufstellen lassen. Laut V-Leuten des Thüringer Verfassungsschutzes, so der Bericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Thüringischen Landtags, soll Heise 1999 versprochen haben, dem Nazi-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bei der Flucht ins Ausland zu helfen.

Das Wissen um Höckes Kontakte zum NPD-Spitzenfunktionär in seiner thüringischen Nachbarschaft tragen die beiden Zeugen schon lange mit sich herum. Aus Angst vor Vergeltung haben sie es bisher für sich behalten, aus diesem Grund verzichtet die ZEIT auch darauf, die Namen der Zeugen zu veröffentlichen. Die beiden Anwohner wollen gesehen haben, wie sich Höcke und Heise in Bornhagen getroffen haben, wie sie in vertrauter Runde ihre Familien zusammenführten, wie die beiden Männer über Jahre miteinander verbunden waren. Ihre Beobachtungen betreffen zwar eine Zeit vor der Gründung der AfD. Aber: "Dass Björn Höcke und Thorsten Heise sich nur flüchtig kennen, ist gelogen", erklärt einer der beiden.