Um in die fantastischen Welten von Cao Fei einzutauchen, muss man zunächst einen Schritt zurück in die Vergangenheit gehen. Wie aus der Zeit gefallen, liegt in einem Wohnviertel im Pekinger Nordosten das "Kino zur Roten Wolke": ein weiß gekachelter Flachbau aus den Fünfzigerjahren, als die Stadt mithilfe der Sowjetunion und der DDR die Gegend in das Industrieareal 738 verwandelte. Ins "Kino zur Roten Wolke" gingen Fabrikarbeiter nach Schichtende, dort wurden Propagandaschmonzetten vorgeführt, während der Kulturrevolution hielten Rotgardisten dort ihre berüchtigten Umerziehungssitzungen ab. Heute nutzt Cao Fei den verwaisten Kinosaal als Studio. Auf einem Spiegel hinter dem Tresen, wo früher die Kasse stand, prangt in roter Siebzigerjahre-Schrift: "Die Künste sind die Fackeln des nationalen Geistes. Die Künste sind die Fanfaren des Fortschritts einer Ära."

Erst will man die Worte Mao zuordnen, tatsächlich stammen sie aus dem Mund von Xi Jinping, dem jetzigen Regierungschef. Cao hat sie wie als ironische Mahnung anbringen lassen. In Xis China wird das Heute vom Gestern eingeholt und von dort zum Sprung ins Übermorgen angesetzt. Gibt es einen passenderen Ort für eine Medienkünstlerin, die das Thema Transformation so meisterhaft in Szene setzt wie derzeit sonst niemand?

Über eine Beamerwand flimmert Caos neueste Videoarbeit Asia One: Eine junge Frau. Ein junger Mann. Statt Namen tragen die beiden Strichcodes auf ihren Armen: Ziffern, wie sie Abermillionen Waren in dem gigantischen Logistikzentrum tragen, wo die zwei die letzten Restmenschen sind, die es noch braucht, um die intelligenten Maschinen bei der Arbeit zu beaufsichtigen. Aber wer kontrolliert hier eigentlich wen? Als der junge Mann versehentlich einen Roboter anfährt, sinkt sogleich sein Trust-Score auf 21 Prozent: Fortan sind alle anderen Roboter vor ihm gewarnt, der menschliche Missetäter wird zum Fehler im System.

Cao Fei ist ein Fan von Black Mirror, gibt sie unumwunden zu. Doch was in der britischen Fernsehserie in der Zukunft spielt, ist im gegenwärtigen China beinahe schon Realität: Gefilmt hat Cao im neuesten Versandzentrum des chinesischen E-Commerce-Giganten JD.com in der Nähe von Shanghai. Noch arbeiten dort zwar mehr als nur zwei Menschen, doch in Sachen Vollautomatisierung haben Chinas Online-Händler westliche Konzerne wie Amazon bereits überholt.

Asia One ist wie viele von Caos Arbeiten zweierlei zugleich: Sozialdokumentation und Science-Fiction. Ihre Sicht auf die Conditio humana in der digitalkapitalistischen Welt von morgen ist so düster wie zärtlich. "Keine junge Künstlerin hat einen schärferen Blick auf die Zukunft", schrieb die New York Times. Seit Jahren ist die heute 40-Jährige ein viel beachteter Dauergast auf den Biennalen dieser Welt. Der Kurator Klaus Biesenbach präsentierte 2016 im New Yorker MoMA PS1 ihre erste Werkschau.

Cao Fei: "My Future Is Not A Dream 03", 2006, Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space © Cao Fei/Kunstsammlung NRW

Jetzt zeigt das Düsseldorfer Kunsthaus K21 vom 6. Oktober an ihre bisher umfassendste Retrospektive. Sie reicht von kurzen Clips bis zu 60-Minütern mit Spielfilmcharakter wie Asia One. Es lohnt sich, mehr als die für einen Ausstellungsbesuch üblichen eineinhalb Stunden mitzubringen. Leicht kann es passieren, dass einen Cao Feis Bilderwelten verschlingen, man von Raum zu Raum, von Video zu Video in immer neue Paralleluniversen stolpert, bis man auf einmal merkt, dass ein ganzer Nachmittag verstrichen ist.

Da bekriegen sich als Manga-Figuren verkleidete Jugendliche in Hochhausschluchten mit Laserschwertern. Da surfen ausgestopfte Legehennen auf Staubsaugerrobotern durch wüstenartige Abrisslandschaften. Mönche werden von gigantischen Werbetafeln verschluckt. Fließbandarbeiter entdecken ihr neues Selbst als virtuose Ausdruckstänzer.

Caos aberwitzige Videocollagen triefen vor schwarzem Humor, ihre Protagonisten scheinen nicht von dieser Welt sein. Für eine ihrer bekanntesten Arbeiten, RMB City, erschuf sie zwischen 2006 und 2009 eine ganze Stadt auf der virtuellen Plattform Second Life, zuletzt experimentierte Cao mit Augmented Reality. Meist wirkt das Setting jedoch auf geradezu unheimliche Weise vertraut: Da beobachten Fremde einander stundenlang stumm per Webcam in ihrem leblosen Alltag – Kommunikation ohne jeglichen Austausch. Oder die Bewohner einer anonymen Hochhaussiedlung sind so mit ihrer eigenen Leere beschäftigt, dass sie gar nicht merken, wie eine Horde Zombies in ihre Wohnzimmer einfällt.