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Die Geschichte autoritärer Regime ist nicht nur eine von Diktatoren, Geheimdienstlern und Folterern, es ist auch die von Kollaborateuren und Denunzianten.

Im Folgenden möchte ich berichten, wie eine Zeitung, die sich in einem Land ohne Pressefreiheit lange Zeit behaupten konnte, "intern übernommen" wurde.

Die Cumhuriyet wurde aufgrund ihres Freiheitskampfes gegen die Tyrannei des Erdoğan-Regimes in den letzten Jahren in der ganzen Welt bekannt. In einem Klima, in der die Regierung sich Kontrolle über praktisch sämtliche Medien verschaffte, war die Zeitung zu einer letzten Bastion geworden. Die Attacken häuften sich, Führungsriege, Autoren, Reporter wurden verhaftet, angeklagt, verurteilt. Nicht genug damit, über ein Anzeigenembargo wurde sie an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Doch die für eine freie Türkei eintretende nationale und internationale Öffentlichkeit stellte sich hinter die Zeitung. Vor zwei Jahren wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es ihr, sich zu behaupten.

Der Cumhuriyet-Prozess mit 19 Angeklagten, darunter ich als Hauptangeklagter, zeigt beispielhaft die Repressalien, denen die unabhängige Presse dieser Tage ausgesetzt ist. Nicht allein unseren Kurs, unsere Artikel und Berichterstattung legte man uns zur Last, auch unsere Schlagzeilen und Fotos, sogar das Layout. Die Anwürfe kamen nicht bloß von den mittlerweile total unter Regierungskommando stehenden Staatsanwälten, sondern auch von ehemaligen Funktionären und Mitarbeitern, die vor Gericht gegen uns aussagten.

Ein Beispiel: Einer der ehemaligen Vorsitzenden der Herausgeber-Stiftung kritisierte bei seiner Zeugenaussage vor Gericht den Kurs der Zeitung. Die Ausgabe vom 23. Mai 2015 habe ihn zum Weinen gebracht, weil "gleich neben dem Logo Gülen prangte".

Selbstverständlich erinnerte ich mich an die fragliche Seite, denn damals war ich Chefredakteur. Der 83-jährige Ex-Funktionär ist kein Journalist und glaubt offenbar, in einer Zeitung drucke man nur Fotos von Leuten, die man mag. In dem betreffenden Bericht ging es aber darum, dass Erdoğans Schwiegersohn (dem er später die Wirtschaft des Landes unterstellen sollte) den zum "größten Feind" erklärten Gülen zu Hause besucht hatte. Vermutlich hatten die Tränen den Ex-Funktionär daran gehindert, den Bericht klar zu sehen und zu lesen.

Über einen derart unsinnigen Anwurf können Sie nur lachen, nicht wahr? Die Regierung aber lachte nicht und ließ die Sache keineswegs auf sich beruhen. Aufgrund solcher Denunziationen und Beschuldigungen wurden die Journalisten und Leiter der Zeitung zu langen Haftstrafen verurteilt. Der Vorwurf lautete "Beihilfe und Unterstützung der Gülen-Organisation", und hinter Gitter sollten nicht etwa Erdoğan, der jahrelang mit Gülen kooperiert hatte, und sein Schwiegersohn, der ihn besucht hatte.

Unterdessen kam aufgrund eines bei Gericht aufgetauchten Dokuments heraus, dass man sich in einer anonymen Denunziation auch bei Erdoğan über den oben genannten Bericht beschwert hatte. In dem Schreiben an den Präsidentenpalast stand: "Sie sind unsere letzte Hoffnung. Bitte greifen Sie ein, und geben Sie uns die Cumhuriyet." Aufmerksame Augen erkannten sogleich, dass es sich bei dem Beschwerdeführer vor Gericht und dem Briefschreiber um ein und dieselbe Person handelte.

Erdoğan wusste nun: Würde er die Chance nutzen und die Cumhuriyet von innen heraus spalten, könnte seine Schlacht gegen die bislang standhafte Zeitung doch noch gewonnen werden. Kürzlich erklärte die von Erdoğan kontrollierte Justiz die vier Jahre zurückliegende Vorstandswahl der Herausgeber-Stiftung für ungültig. Und nun raten Sie einmal, wer durch die Wahlwiederholung letzte Woche an die Spitze der Zeitung gelangte?

Richtig: unser tränenreicher Denunziant. Nachdem es der Cumhuriyet gelungen war, allem Druck standzuhalten und sich mit ihrem Freiheitskampf international Anerkennung zu verschaffen, fiel sie leider der Machtgier zum Opfer. Viele Funktionäre und Journalisten, die verhaftet und angeklagt worden waren und teuer hatten bezahlen müssen, nahmen daraufhin reihenweise Abschied von der Zeitung.

Einleitend hatte ich gesagt, die Geschichte autoritärer Regime sei auch die Geschichte von Kollaborateuren und Denunzianten. Immerhin erinnert man sich dieser Leute mitsamt ihrer Missetaten. Was bleibt, sind die Helden, die gegen die Repression kämpfen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe