Da ist man also in dieses selbst ernannte Zentrum der künstlichen Intelligenz gereist, ins Cyber Valley im Neckartal, wo Forscher, Unternehmen und Roboter gemeinsam die Welt von morgen entwerfen. Hat in Branchenblättern, Lokalzeitungen und Pressemitteilungen über Stanford und Stuttgart gelesen, über Millioneninvestitionen und Zukunftsvisionen, über Aufbruchsstimmung und Aufholjagd. Und stellt dann am Campus der Universität Stuttgart fest: Das tolle Tal ist hier noch unbekannt. "Cyber Valley? Noch nie gehört", murmeln die Studierenden und verschwinden in die Mensa.

Was die Studierenden der Kybernetik und des Maschinenbaus nicht mitbekommen haben: Im Dezember 2016 wurde die Achse Stuttgart–Tübingen bei einer feierlichen Zeremonie im Stuttgarter Neuen Schloss zum Cyber Valley erklärt. Das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme (MPIS), die Universitäten Stuttgart und Tübingen und große Industriepartner wie Daimler, Bosch, Amazon und Facebook schlossen sich damals zu einer Forschungskooperation für künstliche Intelligenz zusammen. Die Mission: Die schwäbischen Stärken – Autos, Mittelstand, Ingenieure – sollen ins digitale Zeitalter gehievt werden. Ja nicht abhängen lassen von Tesla und Google, lautet das Credo. Oder, wie es Winfried Kretschmann formulierte: "Heimat, Hightech, Highspeed!" Wie sieht es knapp zwei Jahre nach dem Startschuss aus im Tal der künstlichen Intelligenz?

Unterwegs nach Tübingen, vorbei an Weinbergen und der Schwäbischen Alb. Der Max-Planck-Campus liegt auf einem kleinen Hügel am Rande der Universitätsstadt. Im Institut für Intelligente Systeme, einem modernen Glaskubus mit gemütlichen Sitzsäcken, hat der Neurowissenschaftler Matthias Bethge eine Kamera inklusive Leinwand aufgebaut. Blickt man in die Linse, erscheint auf der Leinwand das eigene Gesicht – aber nicht als fotografisch getreue Kopie, sondern im getupften Pointillismus oder im Stile van Goghs.

"Für uns Menschen ist es einfach, Motive unabhängig vom künstlerischen Stil zu erkennen. Maschinen fiel dies bislang schwer", erklärt Bethge, Mitte 40, lässiges California-T-Shirt. Computer verwechseln Katzen schon mal mit Brokkoli, wenn nur ein paar Störungen eingebaut werden, während das menschliche Auge nichts Ungewöhnliches wahrnimmt. Bethge und sein Team arbeiten daran, dass Computer robuster im Erkennen und Sehen werden. Dabei setzt das Team auf sogenannte Deep-Learning-Netzwerke, eine Technik der künstlichen Intelligenz, die den neuronalen Netzen des menschlichen Gehirns nacheifert. Mithilfe von Bethges Algorithmus können Maschinen nicht nur Motiv und Eigenschaften der künstlerischen Darstellung erkennen, sondern sie auch stilistisch beliebig variieren.

Sind solche Technologien mehr als nur eine Spielerei? Bethge schmunzelt. Bei der letzten Feier sei die Video-App jedenfalls ein toller Hingucker gewesen. Was hier erforscht werde, lasse sich aber auch leicht auf verschiedene Anwendungsfelder in der Industrie übertragen, sagt Bethge. Rasenmäher oder Online-Shops können von sehenden Maschinen genauso profitieren wie autonome Fahrzeuge oder Industrieroboter.

Hightech: Matthias Bethge bringt Computern das Sehen bei. © Sebastian Mast für DIE ZEIT

Dieses Versprechen zieht finanzkräftige Industriepartner an. Mindestens 1,25 Millionen Euro muss bezahlen, wer als Unternehmer an den Erkenntnissen der Max-Planck-Forscher teilhaben will. Mit dem Geld werden neue Forschungsgruppen am MPIS gestiftet. Bosch und Daimler finanzieren außerdem zwei Stiftungsprofessuren an den Universitäten, Amazon hat einen Forschungspreis für Doktoranden ausgeschrieben. Der Deal: Die Technologieriesen zeigen sich spendabel, erfahren dafür aber auch zuerst davon, wenn die Forscher Türen aufstoßen zu neuen Technologie- und Geschäftsfeldern.

Das Cyber Valley will, so heißt es auf der Homepage, ein "neues Modell der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft" erproben. Es soll "ein befruchtendes Ökosystem für den Technologietransfer im Bereich der Künstlichen Intelligenz" entstehen, wie dies der Universität Stanford im Silicon Valley auf dem Gebiet der digitalen Technologie gelungen ist. Auch im Cyber Valley sollen Forscher zu Gründern werden und Papers zu Produkten. Denn deutsche Wissenschaftler gelten zwar als hervorragend in der Grundlagenforschung, doch das Geld mit diesem Wissen verdienten immer öfter andere. "Wir Wissenschaftler brauchen mehr Freiräume, um zumindest zeitweise Start-ups auf den Markt zu begleiten oder Kooperationen nachzugehen", sagt Matthias Bethge.

Der Forscher hat für seinen Algorithmus daher eine eigene Website veröffentlicht: Auf deepart.io kann jedermann eigene Bilder hochladen und sie in Kunstwerke verwandeln. Seine Kollegen können bereits erste wirtschaftliche Erfolge mit solchen Ausgründungen vermelden. Der amerikanische Computerwissenschaftler und Max-Planck-Direktor Michael J. Black hat eine Software entwickelt, mit der Menschen eine Art virtuellen Zwilling erstellen können. Dieser Computer-Klon macht es möglich, in der digitalen Welt Kleidung anzuprobieren. Vor Kurzem hat Black sein Start-up Body Labs an Amazon verkauft.