Derlei Erfolgsgeschichten sind ganz im Sinne des MP-Präsidenten Martin Stratmann, eines der Gründerväter des Cyber Valley. Er sitzt in seinem Büro am Münchner Hofgarten und ist kaum zu bremsen, wenn es um sein Lieblingsprojekt geht. Eines stellt er aber gleich zu Beginn des Gesprächs klar: "Wir wollen hier nicht das Silicon Valley kopieren", sagt Stratmann und blickt mit Nachdruck durch seine runde Brille. Einer der größten Unterschiede zum amerikanischen System: Im Max-Planck-Institut herrsche Forschungsfreiheit. Unternehmen könnten sich nicht einfach eine Forschungsgruppe kaufen und ihr vorschreiben, welches Problem gelöst werden solle. Stattdessen zahlen die beteiligten Unternehmen in einen Innovationsfonds ein, können Themen vorschlagen – und über ein Votingsystem mitentscheiden, was auf die Agenda kommt. Dabei sei die Stimmgewichtung aber so gewählt, dass die akademischen Partner nicht ohne Weiteres überstimmt werden können.

Für den Ökonomen Christian Kreiß, Professor an der Hochschule Aalen und Autor des Buchs Gekaufte Forschung, geht dieser Ansatz nicht weit genug. Ihm fehlen in den Entscheidungsgremien des Cyber Valley Personen und Organisationen, die keine Industrieinteressen vertreten, sondern gesellschaftliche, moralische und ökologische Fragen der Digitalisierung in den Blick nehmen. Es sei gefährlich, wenn von den wichtigen Erkenntnissen der MP-Forscher nur finanzkräftige Konzerne wie Amazon und die Automobilindustrie profitieren, nicht aber die Zivilgesellschaft oder Umweltorganisationen. "Wir müssen gemeinsam darüber diskutieren, welche Chancen und Gefahren die Digitalisierung birgt und wie wir ihr Potenzial nutzen wollen", sagt Kreiß.

Das Cyber Valley wächst munter weiter

Ähnlich sieht das Schorsch Kamerun, Theaterregisseur, Sänger und Clubbesitzer. Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley – so heißt sein Stück am Schauspiel Stuttgart. Es ist eine satirisch-kritische Utopie, mit der er eine Diskussion über die Zukunft des Schwabenlands anregte: über die Widersprüchlichkeit zwischen der schmutzigen Stuttgarter Luft und dem grünen Landesvater, über die Diskrepanz zwischen "unkaputtbarer Stuttgarter Wachstumsgenetik", ehrgeiziger Technologiegläubigkeit und Datenschutz. Und er erinnert daran: "Auch das ungebremste Silicon Valley wird immer mehr zur Weltkrebskrankheit."

Das Cyber Valley wächst einstweilen munter weiter. Mitten in Tübingen hat Amazon damit begonnen, sein eigenes Forschungszentrum aufzubauen. In spätestens fünf Jahren sollen hier hundert Mitarbeiter Amazons Sprachassistent in Alexa verbessern und Algorithmen zum Voraussagen von Konsumverhalten entwickeln. Neben den firmeneigenen Amazon-Forschern unterstützen zwei MP-Direktoren das Amazon Research Lab in Teilzeit: 20 Prozent ihrer Arbeit widmen Michael J. Black und Bernhard Schölkopf den Problemstellungen von Amazon, die restliche Zeit bleiben sie dem MPI als Direktoren treu. Die Grenzen zwischen Firmenforschung und öffentlich finanzierter Forschung verschwimmen so immer mehr. Ralf Herbrich, Amazon-Manager für Machine-Learning, betont lieber den Aspekt der gegenseitigen Befruchtung: "Die beiden Scholars erhalten bei uns einen tiefen Einblick in die Praxis, um dann zu entscheiden, was davon in der Wissenschaft durchführbar ist."

Highspeed: Roboter Apollo tastet zwanzigmal pro Sekunde seine Umgebung ab. © Sebastian Mast für DIE ZEIT

Kluge Köpfe werden jedenfalls in Wissenschaft und Wirtschaft gebraucht. Um den Nachwuchsbedarf im Cyber Valley zu decken, hat die Initiative in Stuttgart ein eigenes Doktorandenprogramm auf die Beine gestellt: die International Max Planck Research School for Intelligent Systems. Im Sommer 2017 nahmen die ersten 30 Promovierenden ihr PhD-Studium auf. Sie kommen aus insgesamt 13 Ländern in aller Welt, von Deutschland über die USA bis China. In Stuttgart forschen sie an Algorithmen für Pflegeroboter oder helfen dabei, selbstfahrende Autos sicherer durch den Verkehr zu führen.

Alonso Marco-Valle, 28, ist schon im zweiten Jahr seines PhD-Programms in der Abteilung Autonome Motorik. Der junge Wissenschaftler mit den zerrissenen Jeans und der runden Brille kommt aus Spanien. Viele Stunden seiner Arbeitswoche verbringt er im Robotiklabor in Tübingen – mit Apollo, einem klobigen Roboter mit großen Kulleraugen. Marco-Valle hat einen Algorithmus entwickelt, der es Apollo erlaubt, immer besser im Balancieren eines Stabs zu werden.

Selbstlernende Maschinen könnten künftig im Haushalt helfen

Mit einem Kamerasystem tastet Apollo unermüdlich seine Umgebung ab, zweihundert Mal pro Sekunde, und erzeugt so ein dreidimensionales Bild der Welt. Dann errechnet er, wie er sich bewegen muss, um den Stab möglichst perfekt zu balancieren. Die Anwendungsgebiete für derlei Algorithmen sind breit: Solche selbstlernenden Maschinen könnten künftig im Haushalt helfen, als autonome Fahrzeuge über die Straßen rollen, alte Menschen pflegen oder in Fabriken arbeiten – Seite an Seite mit Menschen und anderen Robotern.

Noch sind die Mundwinkel des Roboters allerdings leicht nach unten gezogen. "Das bedeutet: Er ist noch nicht ganz zufrieden mit dem Experiment", erklärt Alonso Marco-Valle. Doch das Mensch-Maschine-Team gibt nicht auf. So wie die meisten hier im Neckartal. Denn irgendwann soll das Cyber Valley zur Marke werden. Am besten eine, die man von Stuttgart bis Stanford kennt.