Man würde nicht auf Anhieb darauf kommen, dass der schmächtige Typ dort vorn mit der randlosen Brille ein "Shootingstar" sein könnte. Ein "Hoffnungsträger für viele Menschen", "einer der gefragtesten Politiker in ganz Deutschland". Aber der Hauptgeschäftsführer der norddeutschen Unternehmensverbände lässt keine Gelegenheit aus, seinen Gast an diesem Abend mit großen Worten zu bedenken und noch größere Erwartungen zu wecken. Und Daniel Günther, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident, auf den sich alle Blicke richten, nimmt die Komplimente ohne jede Spur von Verlegenheit entgegen.

Vor anderthalb Jahren war Günther außerhalb Schleswig-Holsteins noch weithin unbekannt. Nun verteidigt er bei Anne Will die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, bei Markus Lanz spricht er über seine Vorliebe für die britische Heavy-Metal-Band Judas Priest ("echt cool"). Die CSU hat ihn zu ihrem neuesten Lieblingsfeind gekürt, und in der CDU hören sie mittlerweile genau hin, wenn Günther sich zu Wort meldet. Zuletzt hat er das ziemlich häufig getan.

Er wirkt dabei noch immer wie ein großer Junge, trotz seiner 45 Jahre. Im Sommer hat er das Heavy-Metal-Festival in Wacken besucht, ein Foto zeigt ihn in Jeans und einem kurzärmeligen Fan-Shirt neben einem Mann mit Irokesenschnitt und nacktem, tätowiertem Oberkörper. Ob er ahnt, dass er neben dem Landesvater steht? Auch bei den Unternehmern fällt Günther zunächst nicht auf, er ist ein Anzugträger unter vielen. Es gibt mächtige Menschen, auf die sich alle Aufmerksamkeit richtet, wenn sie den Raum betreten. Günther hält sich erst mal im Hintergrund. Vor Jahren hat er in einem der Unternehmerverbände einmal ein Praktikum gemacht. Nun fragt ihn der Hauptgeschäftsführer, ob er sich vorstellen könne, Angela Merkel zu beerben.

Die Frage mag absurd erscheinen, doch hat auch Merkel unauffällig und nicht als übergroße Kanzlerin angefangen. Es gebe niemanden in der CDU, der selbstverständlich ihre Nachfolge antreten könne, heißt es oft. Aber der nächste Kanzler wird nicht vom Himmel fallen. Vielleicht muss man also nur etwas genauer hinsehen.

Fragt man Daniel Günther, was er an Merkel schätze, antwortet er: "Die stoische Präzision, mit der sie jede Krise übersteht." Fragt man Wolfgang Kubicki, den FDP-Vize, was Daniel Günther auszeichne, sagt er, dieser verfüge über eine "unglaubliche innere Ruhe". Er halte Konflikte aus und sei nicht nachtragend. Kubicki schießt gern aus der Hüfte. Aber über Günther, den mehr als zwanzig Jahre jüngeren CDU-Mann, spricht er mit großem Respekt. In Schleswig-Holstein haben die beiden Männer gemeinsam mit dem Grünen Robert Habeck ein Jamaika-Bündnis geschmiedet. Kubicki und Habeck verfügen beide über ein raumfüllendes Ego. Aber ohne Günther, betont Kubicki, "wäre diese Koalition nicht zustande gekommen".

Die Ruhe ist das eine. Das andere, was auffällt, ist die Lust, mit der sich Günther in die politischen Debatten wirft.

Als Horst Seehofer im Frühjahr sagte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, entgegnete Günther: "Die Islam-Debatte ist für die Katz." Als Markus Söder die bayerischen Behörden anwies, Kreuze aufzuhängen, erklärte der Katholik Günther, die Vereinnahmung der Religion für den Staat und die eigene Partei sei "nicht akzeptabel". Die Auseinandersetzung um eine mögliche Zurückweisung von Asylbewerbern an der deutschen Grenze, die beinahe zum Ende von Union und Koalition geführt hätte, nannte er einen "Irrsinn", einen "Streit um nichts". Und kaum hatten sich die Wogen vorübergehend geglättet, schlug Günther vor, abgelehnten Asylbewerbern, die gleichwohl gut integriert seien, einen Weg zu eröffnen, um in Deutschland bleiben zu können ("Spurwechsel").

Als er dann auch noch einer Zusammenarbeit der CDU mit der Linken in Ostdeutschland das Wort redete, war für die Konservativen in der Union das Maß voll. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt attackiert ihn seither als "Genosse Günther". Die Kanzlerin hingegen hat ihm vor Kurzem das Du angeboten. Daniel und Angela.

Daniel Günther, seit 15 Monaten Ministerpräsident, hat sich offensichtlich vorgenommen mitzureden, wenn es darum geht, welchen Kurs die CDU künftig einschlagen will. Dabei hat er einen überraschenden Weg gewählt. Günther hat sich nicht als Kritiker der Kanzlerin hervorgetan, wie andere es versuchen, nun, da Merkels Macht erkennbar schwindet. Er hat sich im Gegenteil empfohlen als jemand, der den liberalen Kurs der vergangenen Jahre gegen alle Anfeindungen verteidigen und fortsetzen will – auf Merkel-Kurs in die Nach-Merkel-Zeit. Dabei ist der Merkelismus ja nicht nur inhaltlich unter Druck geraten. Gerade der Stoizismus, den Günther schätzt, nervt immer mehr Menschen.

Ein Frühsommervormittag in Ostholstein, noch ist es angenehm warm, nicht heiß. In den Gärten kündigen Rasenmäher das bevorstehende Wochenende an. Der Ministerpräsident bereist sein Land. Günther blättert in Bebauungsplänen und balanciert mit seinen Lederschuhen über die rutschigen Planken eines archäologischen Grabungsfeldes. "Mehrere Tausend Jahre in Ihrer Hand", die Grabungsleiterin hält ihm einen Feuerstein hin. Günther hat Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert, ratlos schaut er den Stein an. Die Jungsteinzeit ist nicht sein Ding.