Neulich war ich am Flughafen in Stuttgart. Ein Sicherheitsmann suchte in meinem Koffer nach Spuren von Sprengstoff. Und ich beschwerte mich. Immer werde ich rausgegriffen. Warum eigentlich? Der Mann sagte, das sei reiner Zufall. An mir sei gar nichts Besonderes, wirklich nicht. Ganz anders wäre es, wenn ich dunkle Haut und einen Bart hätte, dann könnte ich jedes Mal mitkommen. "Die nehmen wir immer", sagte er. Er meinte das nett, ein bisschen wie: Sie gehören gar nicht in das Raster unserer Vorurteile.

Heute, in Zeiten der Daueraufregung und der großen Gereiztheit, treibt mich das Muster der Realitätsverarbeitung um, das hier sichtbar wurde. Ich nenne es Pauschalismus, die demütigende Ad-hoc-Generalisierung, das kränkende Sofort-Bescheidwissen, das den einzelnen Menschen verurteilt, weil er einen Bart hat oder dunkle Haut. Weil er ein Kopftuch trägt oder weiße Tennissocken und einen Bauch hat vom vielen Bier. Weil er alt ist und weiß und längst in Rente, also ein Wutmonster sein muss, das nachts am Rechner sitzt und Gift in die sozialen Netzwerke sprüht. Weil er im Osten lebt und damit zu Dunkeldeutschland gehört, dem Land der Pegida-Schreihälse. Weil er, mit einem Wort, fremd und anders ist und dieses Anderssein stört.

Der Pauschalismus verwandelt Menschen, die gerade noch freundlich diskutierten, in hemmungslos Wütende. Im Privaten reichen oft schon ein paar Sätzchen, die der Linguist Ernst Leisi in einem Buch über die Sprache von Paaren als "rückwirkende Generalisierungen" bezeichnet, formuliert im "aggressiven Perfekt" der grundsätzlichen Verdammung: "Seit wir uns kennen, willst du ...", "Nie machst du ...", "Auch letzte Weihnachten warst du ..." Ein Äquivalent im Öffentlichen und in den sozialen Netzwerken sind fiese Kollektiv-Begriffe: "Gutmensch", "Hypermoralist", "Menschenrechtsfundamentalist". Oder, so schallt es von der anderen Seite der Front: "Rechtspopulist", "Nationalist", "Nazi".

Was passiert, wenn man ein solches Wort angeklebt bekommt, tief drinnen im Gehölz der eigenen Seele? Sagt man: "Stimmt, ich muss noch mal nachdenken! Danke, dass ihr mir den Spiegel vorhaltet"? Natürlich nicht. Die pauschale Attacke macht es, wenn man gerade vor aller Augen an den Marterpfahl genagelt oder auf Twitter angebiestert wird, schwer bis unmöglich, die eigene Position zu überdenken, eigene Fehler und Übertreibungen einzuräumen, sich berührbar zu zeigen, verletzt. Man ist schließlich als ganzer Mensch gemeint. Und muss sich gegen die Ungerechtigkeit des Generalangriffs schützen, mit aller Macht verteidigen, so meint man. Also holt man aus. Und zahlt mit gleicher Münze zurück. Und spätestens jetzt greift das Gesetz der fortschreitenden Diskursvergiftung: Je schärfer der Angriff im öffentlichen Raum, desto größer der wechselseitige Empathieverlust und desto unwahrscheinlicher der gelingende Disput, der von einem Minimum an wechselseitigem Verständnis lebt. Nun brüllen alle aufeinander ein, häufig begleitet von der pauschalen Attacke auf das Pauschalurteil. Was dann dem allgemeinen Getöse eine besondere Note hinzufügt, weil man sich jetzt nicht mehr nur über die Sache streitet, sondern längst auch über die Art und Weise des Miteinander-Redens in Rage gerät und sich über die Empörung des anderen empört. Und natürlich gilt, dass immer die anderen vorschnell und falsch generalisieren, klar.

Was daraus folgt? Erschöpfung, nicht Erkenntnis. Sinnloser Streit. Manchmal Hass. Es ist die drohende Auslöschung der Person durch die Schnell-schnell-Interpretation, dieses so elementare Nicht-gesehen-Werden, das Überlebens- und Wutinstinkte mobilisiert. Der Pauschalismus ist immer unverschämt, weil er das eigene Ich auf ein einziges, entwertendes Etikett zusammenschrumpfen lässt. Die afrikanische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, Autorin des Bestsellers Americanah, hat diese Auslöschung von Individualität die Gefahr der einzigen Geschichte genannt. Und sie berichtet, wie sie mit 19 Jahren aus Nigeria in die USA kam, um zu studieren, und im Studentenwohnheim auf ihre neue Mitbewohnerin traf. Diese nahm an, dass sie nicht wisse, wie man einen Herd bediene, und fragte sie, warum sie so gut Englisch könne. Adichie erzählte ihr, dass in Nigeria Englisch die Amtssprache sei. Dann bat ihre neue Mitbewohnerin sie, ob sie mal in ihre "Stammesmusik" reinhören dürfe. Adichie gab ihr eine Mariah-Carey-Kassette. "Meine Zimmergenossin kannte nur eine einzige Geschichte über Afrika. Eine einzige, verhängnisvolle Geschichte", schließt sie daraus. Eine Geschichte von Afrika als einem "Ort wunderschöner Landschaften, wunderschöner Tiere" und schwer zu begreifender Menschen, "die sinnlose Kriege führen, an Armut und Aids sterben" und die "unfähig sind, für sich selbst zu sprechen".

Hier zeigt sich das Pauschalurteil als eine Mischung aus Mitleid und Herablassung. Das Basisrezept der entwertenden Generalisierung bleibt jedoch gleich, egal ob man von guten oder bösen Absichten getrieben wird: Man nehme ein paar behauptete oder tatsächliche Eigenschaften, Einsichten oder Erfahrungen. Und verallgemeinere dann, bis das Einzel-Element – scheinbar zumindest – für das Ganze steht, die eine Story für die komplette Geschichte.

Unnachahmlich parodiert hat diesen Mechanismus einmal der Musiker Frank Zappa, als ihn der Journalist Joe Pyne in den Sechzigerjahren in einer Talkshow interviewte. Joe Pyne war ein früher Protagonist der Brüll- und Spektakel-Shows im amerikanischen Fernsehen, bekannt für seine Lust an der Pöbelei. Und er hatte nach einer Beinamputation ein Holzbein. Pyne begann das Gespräch: "Sie haben so lange Haare. Sind Sie etwa eine Frau?" Zappas Reaktion: "Sie haben ein Holzbein. Sind Sie etwa ein Tisch?"