Amerikas Opposition hat einen neuen Superstar. Sie ist 28 Jahre alt, kommt aus dem Arbeiterviertel Bronx in New York, tritt gleichzeitig selbstsicher und natürlich auf und sieht auch noch gut aus. All das hat dazu beigetragen, dass sie seit Kurzem einen der heißesten Jobs machen darf, die es dieser Tage in den USA gibt: Alexandria Ocasio-Cortez soll nicht bloß Politikerin werden, sondern eine Führungsfigur der Linken.

Cortez ist Teil eines großen Experiments. Es geht von der Hypothese aus, dass die Mehrheit der Amerikaner links von der Mitte steht. Im November soll diese Annahme getestet werden. Dann wird der Kongress in Washington neu gewählt. Die große Hoffnung der Demokraten ist es, wieder die Mehrheit zu erringen. Darüber, ob dies mit einem Linksruck zu schaffen ist oder im Gegenteil mit einem stärkeren Mitte-Kurs, streitet die Partei immer heftiger. Cortez ist die wichtigste Kandidatin des jungen linken Flügels gegen das Establishment.

Ihren Superheldinnen-Status errang Cortez im Juni. Sie setzte sich in der Vorwahl im 14. Bezirk von New York gegen ihren innerparteilichen Konkurrenten, den langjährigen Abgeordneten Joe Crowley, durch – einen der wichtigsten Demokraten überhaupt.

Crowley ist ein Politiker der alten Schule. Er hatte sich in der Lokalpolitik hochgearbeitet. Cortez, deren Einzug in den Kongress als sicher gilt, ist eine Politikerin der neuen Schule. Sie wurde gecastet.

Das erste Mal sah ihr Entdecker Alexandria Cortez auf einem Computerbildschirm. Er saß in Knoxville, Tennessee, sie in der Bronx. Die beiden hatten zuvor schon ein paarmal miteinander telefoniert, jetzt unterhielten sie sich per Videoschalte. Cortez wirkte klug und neugierig und konnte unglaublich präzise formulieren. Sie hatte VWL in Boston studiert, aber momentan arbeitete sie als Kellnerin in einem mexikanischen Restaurant in Manhattan. Ihr Herz schlug links von der Demokratischen Partei, aber sie hatte noch nie ein politisches Amt innegehabt. Und gut vor der Kamera war sie auch. Sie war, kurzum, genau das, was Saikat Chakrabarti suchte.

Als Chakrabarti von dem Gespräch mit Cortez erzählt, sitzt er in einem Café in Brooklyn. Er ist 32 Jahre alt, hat in Harvard studiert und im Silicon Valley schon ein Start-up gegründet. Der linke demokratische Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders hatte ihn als seinen Technik-Direktor eingestellt. Nach der Niederlage der Demokraten gegen Donald Trump beschloss Chakrabarti mit Kollegen aus dem Sanders-Team, neue linke Kandidaten für den Kongress zu rekrutieren. "Ich war überzeugt, wenn die Demokraten noch einmal eine Wahl gewinnen wollen, dann müssen sie nach links rücken." Sie sollten aufhören, sich an Trump abzuarbeiten, und anfangen, die Ursachen anzugehen, die zu ihm geführt haben. Er wollte Kandidaten, die den Kapitalismus und die enorme Ungleichheit, die er erzeugt hat, zum zentralen Thema machen. Er wollte große, radikale Ziele.

Chakrabartis Gruppe nannte sich "Justice Democrats", sie kündigte ihr Vorhaben in der TV-Sendung der bekannten linken Journalistin Rachel Maddow an. Knapp 11.000 Menschen meldeten sich daraufhin mit Vorschlägen für Kandidaten. Bei tausend von ihnen riefen Chakrabarti und seine Mitstreiter an. Alexandria Cortez war eine von ihnen. Ihr Bruder hatte sie nominiert.

Cortez’ Mutter konnte sich ihr kleines Vorort-Haus nicht mehr leisten

"Mein Name ist Alexandria Cortez." Weiter kommt sie nicht, schon brandet Applaus auf. Cortez steht vor mehreren Hundert Zuhörern im schmucklosen Speisesaal eines Gemeindezentrums in Wilmington, Delaware. Nach dem Videotelefonat mit Chakrabarti hatte sie damals lange überlegt, ob sie wirklich einsteigen soll. Cortez’ Mutter ist vor ein paar Jahren nach Florida gezogen. Nachdem ihr Vater, ein Architekt, an Lungenkrebs gestorben war, wurde das Leben in New York für die Mutter zu teuer. Sie hatte noch versucht, ihr kleines Haus in einem Vorort mit Jobs als Putzfrau und Schulbusfahrerin zu halten. Aber es reichte nicht. Und so erging es immer mehr Menschen, trotz demokratischer Regierung. Cortez stellte sich zur Wahl.

In Wilmington tritt sie heute auf, um eine linke Kollegin zu unterstützen. Eine lesbische, schwarze ehemalige Soldatin, die den demokratischen Senator des Staates herausfordert. Seit ihrem Wahlsieg ist es eine von Cortez’ Hauptaufgaben, die anderen 79 Kandidaten der Justice Democrats zu unterstützen.

"Es gibt da diesen Mythos, dass arbeitende Menschen sich nicht selbst regieren können", ruft Cortez in den Saal. Sie trägt ein enges Strickkleid und Brille, ihre schwarzen Haare sind zu einem Dutt hochgesteckt. "Aber wenn wir mit Politikern wie selbstverständlich Narzissmus und Egoismus verbinden, dann werden wir auch nur solche Politiker bekommen." Sie nehme keine Firmenspenden an, sagt sie und zählt dann auf, von wem ihr Gegner so alles Geld angenommen hat.

Viele Amerikaner wählen nicht mehr. Sie glauben, sie hätten andere Sorgen

Das korrupte Establishment und die unverdorbenen Newcomer – es ist eine Strategie, die schon einmal funktioniert hat. Vor acht Jahren gewann die radikale Rechte auf diese Weise die Macht über die Republikanische Partei. Auch sie kreierte einen Gegensatz zwischen der faulen, nutzlosen Elite und den guten, arbeitsamen Amerikanern. Sie gründete mit 34 Abgeordneten die Freedom-Fraktion. Mit diesen Stimmen erpresst sie seitdem den Rest der Partei bei fast jeder Abstimmung und zwingt sie immer weiter nach rechts.