Wenn Anfang Oktober BMW, Audi und Mercedes ihre neuen Geländewagen und Limousinen auf der Messe in Paris vorstellen, geht es wieder um die große Frage: Diesel oder Elektro?

Doch egal, wie die Autobauer zu sauberer Luft stehen, sie haben das falsche Angebot. Will Deutschland die Klimaschutzziele noch erreichen, findet sich die Lösung dazu nicht auf der Straße. Sie findet sich auf der Schiene.

Da aber berichtet der Bahn-Chef seinen Führungskräften in einem gerade bekannt gewordenen Brandbrief, dass sein Unternehmen die "eigenen Themen" nicht im Griff hat. Es hapere an "Wirtschaftlichkeit, Qualität und Pünktlichkeit". Man kann auch sagen: an allem. Ja, geht’s noch? Drei Jahre Dieselskandal, und alle wurschteln weiter wie bisher?

Wer Fahrverbote – wie sie jetzt auch in Frankfurt drohen – verhindern will, kann natürlich ein bisschen an der Motorsteuerung tüfteln, wie es der Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gern möchte. Das verringert ein wenig die gesundheitsgefährdenden Stickoxide. Der Minister könnte aber auch dafür kämpfen, dass ein deutlich saubererer Verkehrsträger mehr Aufmerksamkeit und Geld bekommt.

Je mehr Menschen mit der Bahn nach Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg pendeln, desto weniger Schadstoffe werden in die Luft geblasen. Und wer von München nach Berlin mit dem Auto fährt, ist länger unterwegs und schädigt das Klima fast viermal stärker als ein Bahnfahrer.

Die Bahn hat die Milliarden verdient, die unsere Autobauer längst bekommen

Warum fahren trotzdem zwei von drei Deutschen mit dem Auto zur Arbeit? Zusammen 300 Millionen Kilometer – eine Strecke einmal zur Sonne und zurück. Die Antworten sind so vielfältig wie die Abfahrtmöglichkeiten am Frankfurter Hauptbahnhof.

Ein Grund sind Steuererleichterungen für Autofahrer. Wer mit dem Auto ins Büro oder zur Fabrik fährt, kann für jeden Kilometer Distanz 30 Cent von der Steuer absetzen. Da kommen schon mal 10.000 Euro zusammen. Bei Bahn und E-Bike ist die Pendlerpauschale bei 4500 Euro im Jahr gedeckelt.

Dieselkraftstoff wird mit acht Milliarden Euro im Jahr subventioniert. Gerade so, als würde man dem Alkoholiker die Spirituosensteuer erlassen.

Und bei Dienstwagen grenzt es fast schon an ein Wunder, dass nun endlich auch Elektroautos gefördert werden. Im Firmenfuhrpark hingegen dominieren Limousinen, die sich kaum ein Arbeitnehmer genehmigen würde. Der Staat zahlt ja zu.

Das zweite Problem, das sich Bahnfahrern stellt, ist die Verlässlichkeit. Im August waren nicht mal drei von vier Schnellzügen pünktlich. Weniger als 2015, als mit "Zukunft Bahn" ein Programm ausgerufen wurde, das die Züge mit jedem Jahr zuverlässiger machen sollte. Für Urlauber ist das kein Problem. Für Geschäftsreisende oder Azubis auf dem Weg zur Arbeit schon. Sie werden sich die Zeit dorthin mit Kalauern über die Unpünktlichkeit der Bahn auf Twitter und Facebook vertreiben. Unterschlagen wird, dass das SUV noch erfunden werden muss, das regelmäßig so pünktlich ist, wie es das Navi beim Losfahren verspricht.

Die dritte Hürde ist die Anbindung des Landes an die Stadt. Zwischen den großen Städten läuft der Verkehr auf der Schiene einigermaßen zuverlässig und schnell. Aber für die 80 Kilometer von Bautzen nach Cottbus brauchen Trilex-Express und Ostdeutsche Eisenbahn GmbH im Jahr 2018 inklusive nervenaufreibender Zwölf-Minuten-Umstiegszeit in Görlitz fast zwei Stunden. Das ist zu viel.

Zwar wurde die Bahn eben nicht kaputtgespart, wie oft behauptet wird, sie investiert sogar auf Rekordniveau. Eben weil die Gleise und Züge saniert werden, kommt es immer wieder zu Umleitungen und Verspätungen.

Es braucht aber noch mehr Geld, soll die Bahn das leisten, was von ihr erwartet wird.

Bis 2030, so steht es im Koalitionsvertrag, soll es doppelt so viele Bahnfahrten geben wie heute, zugleich soll mehr Güterverkehr auf die Schiene gebracht werden. Ohne neue Züge, neue Gleise und neue Mitarbeiter wird das nichts.

Dafür aber braucht es genau die Milliarden, die der Autoindustrie in den vergangenen Jahrzehnten geschenkt wurden. VW und Co. haben es den Bürgern nicht gerade gedankt, von der Regierung protegiert worden zu sein. Die Bahn hat eine Chance verdient.

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