Mit erstaunlicher Ausdauer hat die intensivste Katerstimmung in der Geschichte des deutschen Fußballs mit ihrer eigentümlichen Konzentration auf Mesut Özil das Hochsommerloch der Medien gefüllt. Nun liegt nach langem Schweigen eine Analyse der Blamage von Russland vor. Eine neue Bundesligasaison hat angefangen, die Nationalmannschaft steht nach einem 0:0 gegen Frankreich am Beginn der Qualifikationsspiele für die Nations League und bekommt es als Nächstes mit den Niederlanden zu tun.

Wenn aus der Depressionszeit noch ein lohnendes Thema verblieben ist, dann die Diskussion, was denn Weltturniere und ihre Nationalmannschaften in unserer Gegenwart noch bedeuten sollen. Wofür jene Rituale und sozialen Formen stehen, die alle vier Jahre im Fokus globaler Aufmerksamkeit fast vergessene Nationalsymbole wieder sichtbar machen und Nationalgefühle heraufbeschwören, die unter anderen Umständen als höchst problematisch gelten.

Aus deutscher Perspektive steht die Frage am Anfang, ob sich tatsächlich etwas Spezifisches in der nachhaltigen Empörung so vieler Fans, Funktionäre und Journalisten über Mesut Özils Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan vor der Weltmeisterschaft gezeigt hat.

Um das zu beantworten, lohnt sich ein Blick in die USA mit der Frage: Wäre die Reaktion in den Vereinigten Staaten nicht noch viel heftiger ausgefallen? Dagegen scheint zunächst die Tatsache zu sprechen, dass der Begriff "Nationalmannschaft" mit der Implikation, dass zu ihr die jeweils besten Spieler einer Nation gehören, in der Geschichte des amerikanischen Sports keinen Ort hat. Als bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona zum ersten Mal eine strikt nach Leistungskriterien zusammengestellte Basketballmannschaft teilnahm, nannte man sie – in den USA und auch international – "Dream Team", was ahnen ließ, wie ungewöhnlich die Entstehung einer wirklichen amerikanischen Nationalmannschaft war und bis heute geblieben ist. Zuvor hatte über Jahrzehnte der jeweilige College-Meister des entsprechenden Jahres die Vereinigten Staaten vertreten, und noch im späten 20. Jahrhundert fiel es schwer, die besten Spieler, ihre Clubmannschaften und die jeweiligen Ligen für die Teilnahme bei Olympia oder Weltmeisterschaften zu interessieren.

Denn bis heute sind weite Bereiche des amerikanischen Sports in einer für Europäer kaum nachvollziehbaren Weise national geschlossen. Die Endspiele der Baseballmeisterschaft in den Vereinigten Staaten heißen ganz offiziell "World Series", so als stünde dieser Sport nicht auch in Kuba und Venezuela, in Japan und Korea an erster Stelle. Vor jedem Spiel zweier amerikanischer Mannschaften bis zum College- und an manchen Orten Highschool-Niveau wird die Nationalhymne gespielt, was ausländische Besucher oft als Symptom eines ekstatischen Nationalismus deuten. Dabei fehlen ja "die anderen", die Nicht-Amerikaner, gegenüber denen man Stärke und Arroganz demonstrieren könnte.

Eher funktioniert in amerikanischen Stadien die Nationalhymne, welche viele Zuschauer mit der rechten Hand auf der linken Brust singend begleiten, als Einheitsritual einer Nation, in der aufgrund ihrer besonderen Geschichte weder eine übergreifende Einheitskultur noch eine dominierende ethnische Gruppe existiert. Stattdessen gemeinsam den Text der Nationalhymne zu singen, das heißt, als versammelte Gruppe von Staatsbürgern mit verschiedenem Hintergrund die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer politisch verfassten Nation zu bejahen.

Seit der ersten Saison unter der Präsidentschaft von Donald Trump knieten Spieler in der National Football League während des Abspielens der Nationalhymne auf dem Rasen – mittlerweile bleiben sie in der Kabine. Sie wollen in genau diesem rituellen Kontext zum Ausdruck bringen, der politisch verfassten Nation ihre Teilnahme zu verweigern. Dafür sind sie vom gegenwärtigen Präsidenten in der üblichen Weise per Twitter abgestraft worden. Ihre Liga hat ihnen inzwischen offiziell das Recht auf solchen Protest bestätigt und zugleich untersagt, dass Mannschaften oder ihre Besitzer einzelne Spieler wegen solcher Interventionen finanziell oder sportlich benachteiligen. Die politisch entgegengesetzte Provokation war der Ausgangspunkt des Protestes, es vollzieht sich also in den Vereinigten Staaten gerade eine wichtige Entwicklung hin zur Institutionalisierung der nationalen Dimension des Sports im Sinn von "Staatsbürgertum".