In ihrem Roman Das achte Leben (Für Brilka) erzählte die 1983 in Tbilissi geborene, in Georgien und Deutschland aufgewachsene Autorin Nino Haratischwili ein Jahrhundert georgischer – und damit sowjetischer und europäischer – Geschichte als Familienepos voller starker Frauenfiguren. Das Buch, das im Jahr 2014 erschien, war ein großer Erfolg. Haratischwilis jüngster Roman Die Katze und der General mag von einem ähnlichen Ansinnen grundiert sein: den Versehrten eine Stimme zu verleihen und ihnen damit nachträglich Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.

Während allerdings bereits der Vorgängerroman darunter litt, dass historisches Material recht grobmotorisch eingearbeitet war, so hat die Autorin nun eine vollends irrige Abzweigung eingeschlagen. Vermutlich ist ihr dies gleich zu Beginn des Romans unterlaufen, in der nebelverhangenen kaukasischen Schlucht, durch die sich die 17-jährige Tschetschenin Nura ihren Weg bahnen muss, derweil sie sich in mexikanische Telenovelas hineinträumt. Dass soeben – wir schreiben das Jahr 1994 – der erste Tschetschenien-Krieg ausgebrochen ist, in dem sie ein grausames Ende finden wird, ahnt sie in diesem Moment noch nicht. Bald darauf wird Nura von einer Gruppe russischer Soldaten vergewaltigt, erdrosselt und hinter einer Scheune verscharrt werden. Und doch, wenngleich es zynisch klingen mag, werden Nuras Tagträume von ihrer Erfinderin in gewisser Weise erfüllt: Nino Haratischwili lässt die Ermordete zum Dreh- und Angelpunkt einer Kriegs-Seifenoper werden, deren Aus- und Hakenschläge abenteuerlich sind.

Der Roman spinnt aus wechselnden Figurenperspektiven ein Szenario, das sich von den 1990er-Jahren bis ins Jahr 2016 erstreckt. Während sich nach der Schändung und Ermordung Nuras die Beteiligten in Schweigen hüllen, kämpft einer von ihnen, der junge Alexander Orlow, um Aufklärung. Er will seine Mittäter und sich selbst verurteilt und bestraft sehen. Das Vorhaben misslingt, weil das russische Militärgericht für solcherart Integrität ähnlich wenig Interesse zeigt wie die übrigen Verantwortlichen. Hinzu kommt, dass Orlow – konfrontiert mit der eigenen Abgründigkeit – eine frappierende Wandlung erlebt. Eben noch verzagt und skrupulös, wird er zu einem machtbesessenen Gewinnler: dem titelgebenden General. Dass sein Vermögen auf einem schmutzigen Deal während des von ihm angestrebten Prozesses beruht, überrascht ebenso wenig wie die Tatsache, dass Orlows Tochter sich umbringt, als sie von der blutigen Vergangenheit ihres Vaters erfährt. Aus der heillosen Verstrickung von Liebe, Schuld und Moral gibt es in diesem Roman kein Entrinnen. Komplettiert wird die Story durch die junge Schauspielerin Sesili, die sich selbst "Katze" getauft hat und die der vor mehr als zwei Jahrzehnten ermordeten Nura zum Verwechseln ähnlich sieht. Als Orlow ihr Gesicht auf einem Plakat entdeckt, fasst er den Plan, mit all jenen abzurechnen, die sich an Nura schuldig gemacht haben.

Nun ließe sich mit Blick auf diesen Roman über einiges streiten: ob seine Autorin ihre Figuren absichtlich derart überzeichnet hat, um ihrem Roman Lehrstückcharakter zu verleihen. Ob sie durch die populären Versatzstücke einer breiteren Leserschaft den Zugang zu einem sensiblen Thema eröffnet oder ob sie umgekehrt dessen politische Tragweite marginalisiert und durch Kitsch das Schicksal Nuras und der tschetschenischen Frauen überkleistert, das sie doch eigentlich sichtbar machen will.

Unstrittig hingegen dürfte sein, dass Die Katze und der General eine sprachliche Katastrophe ist, was umso fataler erscheint, als die bald klischeehaften, bald schiefen Bilder und die permanente Wiederholung abgestandener Phrasen eine Komik erzeugen, vor der ein umsichtiges Lektorat die Autorin bewahrt hätte. Hier "kullern" die Tränen, beim Sex "krallt" man sich aneinander. Figuren agieren "wie ferngesteuert", oder sie wünschen sich, "die schweren Flügel der Schuld ein für alle Mal abreißen zu können". Und auch der dichte Nebel, der nicht nur Nura auf den ersten Seiten des Romans einlullt, sagt weniger über das Wetter im kaukasischen Gebirge als über das Straucheln der Autorin in den eigenen Textbergen.

Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Roman; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2018; 750 S., 30,– €