Wo die Nazis ihre Gegner verhörten und ermordeten, baut heute ein Investor unter dem Slogan "Welch famose Chose" die Stadthöfe mit Restaurants, Boutiquen, Wohnungen und einem Hotel. Seit Monaten gibt es heftige Kritik: Zahlreiche Initiativen und Opferverbände fordern einen angemessenen Gedenkort. Einer der Kritiker ist Wolfgang Kopitzsch, bis 2014 Hamburger Polizeipräsident. Er leitet die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten – auch sein Vater gehörte zu den Verfolgten.

DIE ZEIT: Herr Kopitzsch, warum kämpfen Sie für einen angemessenen Gedenkort im Stadthaus?

Wolfgang Kopitzsch: Hier und von hier aus wurden grauenvollste Verbrechen begangen. Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano sagte immer: Ich gehe in kein Hotel in Hamburg, von dem aus ich das Stadthaus sehen kann. Er wurde an diesem Ort dreimal verhört und gefoltert. Hier sind Menschen umgebracht worden. 1934 wurde der kommunistische Funktionär Carl Burmester ermordet, indem er nach der Folter die Treppe heruntergeworfen wurde. Andere sind angeblich aus dem Fenster gesprungen, sicher nicht freiwillig.

ZEIT: Das Stadthaus war die Polizei- und Terrorzentrale der Nazis in Hamburg.

Kopitzsch: Durch dieses Gebäude wurden Zehntausende Menschen geschleust. Hier hatte die Polizei im März 1933 zum Beispiel das "Kommando zur besonderen Verwendung" eingerichtet, mit handverlesenen Nationalsozialisten. Sie wollten die Opposition so schnell und brutal wie möglich ausschalten. Das traf am Anfang vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Aber auch Homosexuelle, sogenannte Asoziale, Mitglieder der Swing-Jugend und der Weißen Rose und viele andere wurden verfolgt. Ab 1935 lief die Kontrolle der Nürnberger Gesetze über die Polizei und Gestapo im Stadthaus, so wurden im Herbst 1938 etwa 1000 jüdische Menschen zusammengetrieben, inhaftiert und in das deutsch-polnische Grenzgebiet gebracht, um sie nach Polen abzuschieben. Nach der "Reichspogromnacht" wurden zahlreiche jüdische Männer verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Deportationen wurden von hier aus geplant. Auch die Polizeieinheiten, die in Osteuropa grausamste Verbrechen begangen haben, wurden von hier kommandiert. Im Stadthaus und im Görtz-Palais saß die gesamte Polizeispitze, es war der größte Polizeikomplex außerhalb Berlins. Das hatte man beim Verkauf des Gebäudes offenbar überhaupt nicht im Kopf. Das hat überhaupt niemanden interessiert.

ZEIT: Der schwarz-grüne Senat hat den Gebäudekomplex vor neun Jahren an den Hamburger Investor Quantum verkauft. Dort entstehen seither die Stadthöfe, wo man wohnen, shoppen und gut speisen kann. Der Investor verpflichtete sich im Kaufvertrag, "einen Lernort in geeigneten Räumen auf seine Kosten zu realisieren".

Kopitzsch: Nirgendwo in Deutschland wurde ein Lernort in dieser Form privatisiert. Es gibt Berichte der Bürgerschaft, was dort alles passieren sollte. Die sind entlarvend, denn von einem Lernort kann so keine Rede sein.

ZEIT: Das stimmt nicht ganz: Zur Straße Stadthausbrücke hin gibt es hinter vier Schaufenstern eine Fläche mit einer Ausstellung, einer Buchhandlung und einem Café.

Kopitzsch: Die Aussage des Senats war klar und deutlich: 750 Quadratmeter Bruttogeschossfläche waren für den Lernort geplant. Und dann ist ziemlich raffiniert runtergerechnet worden: Das macht netto rund 500 Quadratmeter, davon ziehen wir Toiletten und anderes ab, was mit einer Gedenkstätte wenig zu tun hat. Am Ende waren noch rund 300 Quadratmeter übrig, davon ging ein Teil an eine Buchhandlung und ein Teil an ein Café. Jetzt bleiben letztlich 60 bis 70 Quadratmeter für den eigentlichen Lernort.

ZEIT: Das reicht Ihnen nicht?

Kopitzsch: Es gibt Stimmen, die jetzt sagen: Wir haben nur rund 70 Quadratmeter, deshalb müssen wir die Inhalte eindampfen. Aber das wäre absolut unerträglich, gerade für die Angehörigen der Opfer! Wenn man sagt: Weil wir keinen Platz haben, stellen wir nur die Arbeit der Gestapo vor, wäre das eine solche Verengung, quasi ein Rückfall in die Nachkriegszeit, als SS, SD und Gestapo allein für Terror und Verfolgung verantwortlich gemacht wurden. Dabei war die gesamte Polizei ein Terrorinstrument, und nach dem Krieg konnten viele Täter weiterarbeiten. So muss man das auch darstellen. Dass überhaupt so eine Idee entsteht, macht mich und viele Angehörige der Opfer sprachlos.