Ist es nicht das bessere Leben? Angenommen, wir kommen in einen Tank mit Nährstofflösung, werden in Schlaf versetzt, an Elektroden angeschlossen und erleben fortan nur die schönsten Dinge: Freizeitabenteuer, großartige Natur, fantastische Liebe, berufliche Erfolge, grandioses Essen. Der verstorbene Harvard-Philosoph Robert Nozick zeigte mit diesem Beispiel und mit dem Befremden, das die Menschen dabei überkommt, dass es noch mehr gibt als nur das aktuelle Erleben und dass Nutzen nicht alles ist. Das war 25 Jahre vor dem ersten Matrix-Film, der auf einer ähnlichen Idee fußt.

Und vor allem: Was geschieht, wenn jemand die Elektroden abreißt, wir aufwachen und merken, dass alles nicht echt war?

Genau das passiert in der Wirtschaft immer wieder. Die Menschen werden aufgeweckt durch einen Finanzcrash und merken, dass es ihnen gar nicht so gut geht, wie sie dachten. Die Wohlstandserfahrung wurde herbeigeführt von den Drogen des billigen Geldes und den überhohen Schulden.

So war es am Samstag vor zehn Jahren, als die Investmentbank Lehman Brothers in New York zusammenfiel und die Welt in der Finanzkrise versank. So war es auch vor fast 90 Jahren, als mit dem Börsencrash an der Wall Street im Oktober 1929 die Weltwirtschaftskrise begann. Und in kleinerem Ausmaß, als im März des Jahres 2000 die Blase der New Economy zerbarst. Ein ähnliches Erwachen erleben derzeit Menschen in Argentinien, der Türkei und anderen Schwellenländern, aus denen das globale Kapital flüchtet.

Crashs sind vor allem für Normalverbraucher kein Vergnügen. Viele werden über Nacht ärmer, manche verlieren ihre Jobs oder können ihre Schulden nicht zurückzahlen. Insgesamt wäre die Wirtschaftsleistung im Westen ohne die Krise von 2008 heute um geschätzte zehn Prozent höher. Außerdem entstehen das Gefühl eines gigantischen Kontrollverlusts und Zukunftsangst.

Die Frage zehn Jahre nach Lehman lautet: Muss das immer wieder sein, oder können wir uns dieser Gefahr entledigen?

Einfach wird es nicht, weil Krisen nicht nur mit harten Finanzzahlen zu tun haben, sondern auch mit der Psyche. So sagt es Moritz Schularick, 43 Jahre alt und gerade ausgezeichnet mit dem Gossen-Preis für international erfolgreiche Jungökonomen. Systematisch ist er an die Frage herangegangen, was Finanzkrisen auslöst – und was diese Krisen dann in Wirtschaft und Gesellschaft anrichten. Dafür hat der Bonner Volkswirtschaftsprofessor die meisten Krisen der Wirtschaftsgeschichte angeschaut und in vergleichbare Daten gefasst. Auf diese Weise gelangte er zu einem allgemeingültigen Verständnis.

Demnach geht Finanzkrisen vor allem ein "exzessives Kreditwachstum" voraus – zu viel Geld wird verliehen. Gläubiger gehen zu hohe Risiken ein, Banken türmen immer neue Kredite auf ihr Eigenkapital, und irgendwann stellt sich heraus: Die zahlt niemand mehr zurück.

Vor allem wenn der Immobilienmarkt boomt und Privatleute sich zum Bau von Häusern und Wohnungen in immer neue Schulden stürzen, darf man einen Crash erwarten. Und dessen Kosten seien "sehr, sehr hoch", sagt Schularick. Einbußen bei der volkswirtschaftlichen Leistung, Arbeitslosigkeit, wachsende Staatsverschuldung – all das gehöre dazu, nicht bloß ein paar Milliarden für die Bankenrettung.

Zeichen des Sturms

Staatsverschuldung in Prozent des BIP (z. T. geschätzt)

Quelle: IIF, Eurostat, IWF, Deutsche Bank, Zentralbanken © ZEIT-Grafik

Warum also kommt es immer wieder zum Kreditboom?

Nicht bloß weil die Banken zu wenig Eigenkapital vorhalten und nach dem Motto handeln: Wenn es gut läuft, gewinnen wir, und wenn es schiefgeht, haftet die Allgemeinheit. Für noch größer hält Schularick den Einfluss unserer Psyche. Immer wieder kommt es demnach zu "Episoden, in denen Menschen zu optimistisch sind und der Risikoappetit zu groß wird". Nicht einmal abgebrühte Börsianer sind frei von diesem Einfluss, sondern stürzen sich beispielsweise in Bankaktien zu einer Zeit, in der diese Institute besonders gefährdet sind.

Manchmal wirkt es so einfach: Man müsste den Kreditgebern nur genug Eigenkapital abfordern, von den Banken bis zu den Häuslebauern, und schon käme der verheerende Prozess gar nicht erst in Gang. Aber wenn die Euphorie sich ausbreitet, dann entsteht eine Stimmung, in der Parlamente solche Regeln wieder abschwächen und, wenn nicht, die Menschen auch anderweitig ihren Kredithunger stillen.