Eine Cessna möchte passieren, eine Boeing starten, eine weitere ist gerade gelandet, dabei müsste die Landebahn mal kurz gesperrt werden, damit ein Wartungsfahrzeug seine Kontrollrunde drehen kann. Auf dem fiktiven Flughafen Langen ist so viel los, als wären große Ferien. Dann taucht auch noch ein unbekanntes Flugobjekt auf dem Radar auf. Der Fluglotsenschüler Florian Frommholz muss aufpassen, dass sich am Boden niemand in die Quere kommt, dass keine Staus entstehen, dass die Runden aller möglichen Fahr- und Flugzeuge über das Vorfeld kurz und effizient sind.

"GAT VFR über November, erbitte Rollen", tönt es aus einem der diversen Lautsprecher an Frommholz’ Arbeitsplatz. Ein Mischmasch aus Englisch, Deutsch und Nato-Alphabet prasselt beständig auf den jungen Mann mit der eckigen Brille ein. Er schaut kurz auf seinen schwarzen Schirm mit dem Bodenradar, das ihm einen Überblick über das gesamte Flughafengelände bietet, und antwortet dem Piloten knapp und genau. Die präzise, hoch standardisierte Sprache beim Funken ist die wichtigste Sicherheitsinstanz: Wer Anweisungen korrekt versteht, begeht im Flugverkehr keine Fehler.

Seit eineinhalb Jahren macht Frommholz in Langen, fast in Sichtweite des Frankfurter Flughafens, eine Ausbildung zum Fluglotsen, und das Airport-Sprech, die sogenannte Phraseology, hat er schon perfekt drauf. Souverän lotst er jeden zum richtigen Platz, kommuniziert mit den Flugzeugen und mit seinem Lotsenkollegen am Nachbartisch, der in dieser Simulatorübung dafür zuständig ist, die Landeanflüge am "Langen Airport" zu koordinieren.

Ruhige, souveräne, uneitle Menschen

"Florian ist viel zu begabt für so wenig Traffic, er langweilt sich", sagt Frommholz’ Ausbilder, der amerikanische Lotsenveteran Victor Starr, der die Aktionen seines Schülers eine kurze Zeit beobachtet hat. Der grauhaarige Starr spricht eine Mischung aus Deutsch und Englisch, die aber stets mit texanischem Akzent. Er hat etwas Cowboyartiges. Ob Frommholz sich über das Kompliment freut, ist nicht so ganz ersichtlich, denn Lotsen, sagt Starr, das müssen mannschaftsdienliche, bescheidene, ruhige, durchschnittliche, souveräne und vor allem uneitle Menschen sein. Im Flugverkehr kann man sich nicht selbst verwirklichen. Im Flugverkehr muss man regeln.

120 Lotsen bildet die Deutsche Flugsicherung (DFS) pro Jahr in Langen aus. Direkt nach dem Abitur geht es idealerweise los. Das Auswahlverfahren ist vielschichtig, besteht aus psychologischen und fachlichen Tests: Können Sie räumlich denken? Können Sie monotone Arbeit verrichten? Können Sie Multitasking? Sind Sie gesund? Gefestigte Charaktere will man bei der DFS, keine Selbstdarsteller. Zuverlässige junge Leute. "Wenn man sich immer aufspielen will, wird es in diesem Job schwierig", sagt Frommholz. Die Ausbildung dauert zwischen zwei und drei Jahre, währenddessen erhält ein Lotsenschüler rund 1200 Euro monatlich, später in der Ausbildung steigt das Gehalt auf 48.000 Euro im Jahr. Nach der Ausbildung haben Lotsen eine Arbeitsplatzgarantie, erhalten 7000 Euro brutto aufwärts im Monat und arbeiten im Schichtdienst. Ihr Arbeitstag dauert rund acht Stunden, mindestens zwei davon sind Pausen vorbehalten. Logischerweise nehmen Lotsen ihre Arbeit nie mit nach Hause, sie sind gewerkschaftlich stark organisiert, und an Flughäfen auf der ganzen Welt sind deutsche Flugsicherer gefragt, weil die Ausbildung hierzulande so gut ist.

"Es ist wie bei einem Arzt. Man darf sich nicht die ganze Zeit vergegenwärtigen, was bei der Arbeit alles passieren kann."
Florian Frommholz, Fluglotsenschüler

Klingt nach einem Traumjob mit Topbezahlung. Doch bezahlt wird vor allem eines: die Verantwortung. Und die muss man tragen können. Um bis zu zehn Flugzeuge muss sich ein Fluglotse gleichzeitig kümmern. Das sind mehrere Tausend Passagiere, mehrere Tausend Leben, an denen mehrere Tausend Familien hängen. Kann man damit klarkommen?

"Es ist wie bei einem Arzt", sagt Florian Frommholz, "man darf sich nicht die ganze Zeit vergegenwärtigen, was bei der Arbeit alles passieren kann. Man darf sich nicht ablenken lassen, und man muss sich lange gut konzentrieren können." Der Lotsenschüler kommt aus der Nähe von München. Nach dem Abitur studierte er ein Semester Physik, aber das war nichts für ihn, zu anwendungsfern. In der Zeitung las er einen Bericht über den Münchner Flughafen – und war sofort fasziniert. Die Ausbildung macht ihm Spaß, und er ist sich sicher: Wem sie keinen Spaß macht, der besteht auch nicht.