Nun stirbt wohl das Haus des Todes selbst. Die klassische Fassade rottet, die Tür klafft auf. Im Stiegenhaus Dämmer und Müll. Treppabwärts Schutt – und Radiomusik. Wahrhaftig, im einstigen Folter- und Erschießungskeller der Tscheka leben Menschen. Ein alter Mann erscheint.

Bedrückt Sie die Geschichte Ihres Hauses?

Nein. Der Zustand.

Tbilissi, Pavle-Ingorokva-Straße 22: Bis 1921 residierte hier das Landwirtschaftsministerium der kurzlebigen georgischen Republik. Nach deren Exitus zog der sowjetische Geheimdienst ein. Kein Wegweiser führt zur Mordzentrale, nur ein spezieller Stadtplan, der auch Stalins Haus markiert, die Wohnung Sergo Ordschonikidses, der Georgien unter die Sowjetherrschaft zwang, und die Residenz von Geheimdienstchef Lawrenti Berija, heute Sitz des Nationalen Olympischen Komitees. Erstellt hat diese Topografie des Terrors das Soviet Past Research Laboratory, ein NGO-Bündnis georgischer Historiker. Sie erforschen jene Vergangenheit, die man in Stalins Heimat ungern diskutiert, sondern lieber exorziert: gen Moskau.

Fordernd wehen in Tbilissi EU- und Nato-Fahnen. Georgien drängt ins "christliche Europa"; Russland wird gern Asien zugeschlagen, mithin der Barbarei. Allerdings verehren laut Umfragen knapp die Hälfte der 3,7 Millionen Georgier den Massenmörder Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili als großen Mann. Mit Stalin in den Westen? So fragte die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und lud zur Studienreise. Zwei Dutzend DDR-kundige Aufklärer begaben sich auf postsowjetische Spurensuche, geleitet von SovLab-Aktivisten. Irakli Khwadagiani, Tamar Gurtschiani, Davit Jischkariani und Anna Margwelaschwili führten durch das geschichtsversehrte Paradies zwischen dem Schwarzen Meer und den weißen Zinnen des Kaukasus, in Archive, Gedenkstätten, entvölkerte "Schwaben"-Dörfer und Todeswälder. Natürlich auch nach Gori, ins stalinistische Bethlehem.

Äußerlich hat sich Georgien rustikal gesäubert. 2011 entfernte eine "Freiheits-Charta" sämtliche Sowjet-Insignien aus dem öffentlichen Raum. Dieser nationalhygienische Erlass gehörte zur antirussischen Politik des Präsidenten Michail Saakaschwili (2004–2013). Georgiens sowjetische Epoche verbannte er in Tbilissis Nationalmuseum, Abteilung Okkupation.

Dort dient die Geschichte der Staatsideologie: Russland war und bleibt Aggressor, Georgien ist immer Opfer, schuf jedoch 1918 die erste sozialdemokratisch regierte Republik der Welt. Deren Präsident Noe Dschordania appellierte: "Was haben wir den europäischen Nationen anzubieten? 2000 Jahre Nationalkultur, Demokratie, Volksvermögen. Sowjetrussland strebt nach Osten, wir nach Westen. Wir rufen den russischen Bolschewiken zu: Wendet euch westwärts, bildet eine zeitgenössische europäische Nation!" Es kam anders. Die Invasion der Roten Armee 1921 ermöglichte Stalins Aufstieg. In seiner menschewikischen Heimat war er ein Nichts gewesen, in Lenins Revolutionsstaat Ausländer – bis Georgien zurück an Moskau fiel. Adel und Intelligenz wurden abgeschlachtet. Wir sehen Leichenhaufen und Vernichtungswaffen, den Exekutionswaggon, die Erschießungszelle. In Endlosschleife flimmern Hinrichtungen – wer? wann? wo? –, kontrastiert mit Sowjetparaden und grinsenden Bolschewisten. Bis 1942 bilanziert das Museum 72.000 erschossene und 200.000 deportierte Georgier, repressiert "vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter, vom Verderber der Seelen und Bauernschlächter", so Ossip Mandelstam im Epigramm gegen Stalin, das den Dichter 1938 das Leben kostete.

Diese Ausstellung ist mehr fürs Gefühl, sagt der Museumsführer. Sie wurde 2006 sehr schnell gefertigt, von Künstlern, nicht von Historikern. Präsident Saakaschwili hatte die Okkupationsmuseen in den baltischen Staaten gesehen, da wollte er sofort auch eins.

Wie kann man siebzig Jahre Sowjetsystem als Fremdherrschaft abtun? Georgien wurde privilegiert, zwanzig Prozent der höheren KGB-Offiziere waren Georgier, heutige Eliten stiegen schon im Stalinismus auf.

Wissen Sie, wir sind ein kleines Land. Alle wissen voneinander, Familien und Clans sind wichtiger als Parteien. Da fällt es schwer, über Kollaboration zu reden.

Aber sollte ein demokratischer Staat nicht ehrlich aufarbeiten?

Das muss vom Volk ausgehen. Die Geschichte wird vom Volk geschrieben, der Staat ist ein Teil des Volkes.

Das sogenannte Volk erhob sich bereits am 14. April 1978, in Tbilissi. Moskau betrieb die sprachliche Gleichschaltung aller Sowjetrepubliken. Georgiens Chefkommunist Eduard Schewardnadse erwirkte, dass Georgisch Staatssprache blieb. Dadurch erwarb er jene Reputation, die ihn 1995 Staatspräsident werden ließ. Antisowjetische Widerstände bezeugt das Okkupationsmuseum bis zum 9. April 1989, dem Massaker an 21 oppositionellen Demonstranten, das letztlich zur Unabhängigkeit führte. Dissidenz diente der National-Identität, nicht demokratischen Bürgerrechten.

Georgiens jüngere Geschichte ist wenig souverän. Der erste frei gewählte, 1992 weggeputschte Präsident Swiad Gamsachurdia wollte in dem polyethnischen Land "nie wieder Türken" – Muslime – dulden und ließ auf Demonstranten schießen. George Owaschwilis Spielfilm Vor dem Frühling, jüngst auch in Deutschland angelaufen, erzählt vom grotesken Untergang des Nationalfanatikers. Es folgten Abchasien-, Südossetien- und Bürgerkrieg, kleptokratische Oligarchie, allmächtige Korruption. Letztere zu beenden war das Versprechen von Schewardnadses Besieger Michail Saakaschwili. Der Held der "Rosenrevolution" von 2003 hat Tbilissi geprägt. Pittoresk schmiegt sich die Anderthalb-Millionen-Metropole an die Hänge des Mtkwari-Flusses, mit antiken Veranden, tausendjährigen Wehrkirchen, mythologischen Monumenten und postmodernen Glaspalästen, die Saakaschwili zum Sinnbild seiner transparenten Politik erklärte. Doch der Neoliberale betrieb Staatsbildung ohne Demokratisierung. Er privatisierte rabiat. Er klotzte Infrastruktur. Die Pressefreiheit darbte, die Militärausgaben stiegen. Saakaschwilis Amerika-Vergötzung gipfelte 2008 im desaströsen Angriff auf Russland, das Georgiens abtrünnige Territorien Südossetien und Abchasien alimentiert. Wähnte der Hasardeur, er könnte die Nato zum Eingreifen zwingen? Und Georgien ins westliche Bündnis?