DIE ZEIT: Herr Schick, mit Erscheinen der aktuellen ZEIT geben Sie bekannt, zum Jahresende Ihr Abgeordnetenmandat niederzulegen und den Bundestag zu verlassen. Warum?

Gerhard Schick: Ich gründe zusammen mit anderen die "Bürgerbewegung Finanzwende". Und das braucht meine ganze Kraft, das geht nicht nebenher. Außerdem sind wir überparteilich und unabhängig. Da wäre es nicht gut, wenn ich als Vorstand gleichzeitig einer Bundestagsfraktion angehöre.

ZEIT: Wer ist noch bei der Gründung dabei?

Schick: Dem Aufsichtsrat vorstehen wird Udo Philipp, der früher in der Private-Equity-Branche an führender Stelle in Deutschland tätig war. Er setzt sich schon lange sehr intensiv damit auseinander, was an den Finanzmärkten schiefläuft. Mit dabei sind auch der frühere Investmentbanker Rainer Voss, der im Film Masters of the Universe sehr eindrucksvoll das Innenleben der Banken schilderte, und Professor Martin Hellwig, der frühere Chef der Monopolkommission. Dazu kommen der DGB, Unternehmer, Verbraucheranwälte und weitere Wissenschaftler. Aus allen politischen Parteien, außer der AfD, sind Gründungsmitglieder dabei.

ZEIT: Sie gründen eine "Sammlungsbewegung"?

Schick: Das ist jetzt eine Anspielung auf das Projekt von Sahra Wagenknecht, aber die Antwort ist: Nein. Wir wollen keine Partei gründen, wir werden nicht für den nächsten Bundestag antreten, und es geht nicht darum, Parteien zusammenzuführen. Im Gründungsprozess unserer Bürgerbewegung ist mir klar geworden, wie sehr die Kritik an den Finanzmärkten wirklich alle Teile unserer Gesellschaft durchzieht. Gerade auch viele Konservative sind total irritiert. Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sind die entscheidenden Reformen ausgeblieben. Und die Empörung darüber ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Diesen Bürgern wollen wir eine Stimme geben.

ZEIT: Aber es gibt doch schon sehr viele Leute, die eine schärfere Kontrolle der Finanzmärkte fordern!

Schick: Und dennoch hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Staat und Finanzindustrie nicht verändert. Wir gründen die "Bürgerbewegung Finanzwende" ganz bewusst zum zehnten Jahrestag des Lehman-Crashs. 2008 drohte das Finanzsystem die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen. Doch obwohl damals große Reden gehalten und große Versprechungen gemacht worden sind, ist es nicht gelungen, die Finanzmärkte wieder in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Immer wenn von politischer Seite versucht wurde, etwas Entscheidendes zu ändern, war die Gegenkraft der Finanzlobby zu groß. Es gibt nach wie vor betrügerische und kriminelle Geschäfte, Preismanipulationen, Steuertricks. Die Banken sind immer noch zu groß, und es gibt weiterhin einen irren Hochfrequenzhandel, bei dem im Millisekundentakt Geld hin und her geschoben wird – zulasten langfristig orientierter Investoren und Sparer, also der breiten Bevölkerung. Und deswegen argumentiert jemand wie Martin Hellwig meines Erachtens sehr überzeugend, dass alle Zutaten, die 2008 zu dieser dramatischen Krise geführt haben, heute noch da sind. Es könnte sich genau so wiederholen. Die Versprechen sind nicht eingehalten, die entscheidenden Veränderungen nicht gemacht worden. Wir müssen das jetzt in die Hand nehmen.

ZEIT: Und andere NGOs schaffen das nicht?

Schick: Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben mir bestätigt, dass es in der Gruppe der Nichtregierungsorganisationen eine Lücke gibt. Attac zum Beispiel ist als globalisierungskritisches Netzwerk sehr breit aufgestellt, da sind die Finanzmärkte nur ein Bereich von mehreren. Andere NGOs wie Südwind oder Urgewald arbeiten sehr effektiv zu Teilaspekten – etwa wenn es um ökologisch bedenkliche Finanzierungen geht –, beleuchten aber nicht die Finanzmärkte insgesamt. Eine NGO, die es wirklich mit der gesamten Finanzlobby aufnehmen kann, gibt es bisher in Deutschland nicht. Und genau die gründen wir.

ZEIT: Die Banken klagen eher über zu viel Regulierung und zu viel Bürokratie. Wie passt das zu Ihrer These, dass seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers zu wenig geschah?

Schick: Das passt beides sehr gut zusammen. Es gab in der Krise kurzzeitig den politischen Impuls, sehr viel zu ändern. Aber um die wirklich großen Veränderungen zu verhindern, wurde das Ganze dann in viele kleine, sehr technische Regularien umgelenkt. Und deswegen haben wir heute die Situation, dass die Leute im Rahmen eines Beratungsgesprächs in ihrer Bank mit Papier überhäuft werden, dass aber das Grundproblem nach wie vor besteht: Den Kunden werden provisionsgetrieben die für sie unpassenden Produkte verkauft. Es gibt nach wie vor keine unabhängige Finanzberatung. Für mich sind die Klagen über zu viel Bürokratie und die Diagnose, dass die entscheidenden Änderungen nicht erreicht worden sind, zwei Seiten derselben Medaille. Und deswegen ist der Impuls unserer Bürgerbewegung auch nicht, dass es immer mehr Regeln braucht – sondern wenige harte und klare Regeln, die dann für die Finanzwende sorgen.