Es ist bestimmt kein Zufall, dass Daniel Kehlmanns Roman Tyll und Stephan Thomes Roman Gott der Barbaren im selben Zeitraum entstanden sind. Da scheint etwas in der Luft zu liegen. Von der unmittelbaren Gegenwart wird in beiden Büchern nur indirekt erzählt, und sie wird nirgends konkret thematisiert, nicht einmal durch eine augenzwinkernde Anspielung. Auf den ersten Blick handelt es sich um klassische historische Romane, und doch lugen durch alle raffiniert ausgeleuchteten Leerstellen und Zwischenräume die unübersichtlichen, sich entziehenden und anscheinend nicht mehr so recht greifbaren aktuellen Verhältnisse durch. Bekannt wurde der 1972 geborene Thome mit seinen Romanen Grenzgang (2009), Fliehkräfte (2012) und Gegenspiel (2015), allesamt im Hier und Jetzt angesiedelt. Seinen neuen, facettenreichen und tiefgründigen Roman hat er jetzt Mitte des 19. Jahrhunderts in China angesiedelt – ein für die westliche Wahrnehmung entlegener geografischer und historischer Raum. Und doch wirkt die damalige politische Konstellation wie eine Allegorie, ideal dafür, die Atmosphäre der Gegenwart ästhetisch zu verdichten.

Das chinesische Kaiserreich, Verwalter einer langen Hochkultur, schien dekadent in den letzten Zügen zu liegen. Im Inneren kam es um 1850 zu einem weite Teile der Bevölkerung erfassenden Aufstand, und von außen drohte gleichzeitig die Eroberung durch die imperialistische Großmacht England. Die Revolte gegen die Oberschicht, die aus der verkommenen Kaiserfamilie und korrupten Bürokraten bestand, ging von der ausgebeuteten Landbevölkerung aus, und aus heutiger Sicht wirkt es frappierend, dass sie im Namen des christlichen Gottes entfacht wurde. Eine provokative Pointe in Thomes Buch besteht darin, dass man angesichts des fanatischen, militanten Charakters dieser christlichen Sekte unwillkürlich an den zeitgenössischen islamischen Fundamentalismus denkt.

Doch es geht nicht nur um die Aktualität politisch-religiöser Heils- und Terrorbewegungen. Man spürt in diesem Roman eine Epochenwende, wie sie sich auch heute andeutet. Traditionelle Vorstellungen und Ordnungssysteme werden außer Kraft gesetzt, im damaligen China geschieht es durch die Handelsinteressen des Westens. Stephan Thome erzählt das in formal hoch reflektierter, dabei aber durchaus traditioneller Weise. Er bleibt ganz nah an der Wahrnehmungsweise seiner Hauptfiguren, die die Hauptströmungen jener chaotischen Zeit abbilden. Deshalb kann man seinen Roman auch als psychologischen Roman im Stil des 19. Jahrhunderts lesen – jedoch durchdrungen von heutigen Irritationen.

Der Erzähler macht sich virtuos die Perspektive der jeweiligen Protagonisten zu eigen. Philipp Johann Neukamp ist ein deutscher Revolutionär von 1848, er schließt sich aus sozialpolitischen Motiven einer Missionsgesellschaft in China an und wird durch einen charismatischen chinesischen Freund zeitweilig zum Parteigänger der Rebellion der "Langhaarigen", wie sie von ihren bezopften Gegnern genannt werden. Zeng Guofan hingegen kämpft aufseiten des Kaisers, als Chef der Hunan-Armee, die von ihm gegründet wurde, weil das zahlenmäßig viel größere offizielle Heer degeneriert ist. Daneben agiert Lord Elgin, der Sonderbotschafter der britischen Krone, und entscheidet scheinbar den Krieg. Jeder dieser Charaktere ist äußerst differenziert gezeichnet – sie wirken entschlossen und stark, aber auch widersprüchlich und zweifelnd. Der englische Lord etwa changiert zwischen seinem angestammten Pragmatismus und einer Empfänglicheit für exotisch-sinnliche Eindrücke; er erscheint als eine in sich zerrissene Figur.

Vor allem aber gelingt es dem Autor, die geheimnisvoll in sich geschlossene und faszinierende Welt des chinesischen Denkens vor Augen zu führen. Der "goldene Lotus", also die abgebundenen Frauenfüße, die dadurch zu verkrüppelten Knollen werden, flirrt genauso fremd durch den Text wie andere aquarellartig poetisierende Umschreibungen. Über die Engländer sagt ein Chinese einmal: "Sie verehren die Kaufleute so wie wir die Gelehrten." Der Roman fächert alles auf, was in dieser scheinbar einfachen Feststellung steckt, und beschreibt die oft auch grotesken und komischen Übergänge zwischen Gut und Böse. Thome hat Philosophie und Sinologie studiert und lebt schon lange auf Taiwan. Er verbindet in seinem Roman, der trotz des ruhigen Erzähltons eine überraschende stilistische Bandbreite hat, in einer eigentümlich traumwandlerischen Art und Weise Orient und Okzident.

Einerseits ist dieses groß angelegte Buch also eine suggestive Einführung in die chinesische Ästhetik und Geschichtsauffassung, andererseits kann man es aber auch als einen spannenden Abenteuerroman lesen. Die Bootsfahrt Neukamps durch das Kriegsgebiet von Hongkong nach Hukou samt Piratenüberfall ruft das ganze Spektrum zwischen Karl May und Ernest Hemingway ab. Und es gibt einen melancholischen Grundzug: Die vermeintlichen Gegenspieler Zeng Guofan ("Stark sein heißt seine Grenzen kennen") und Lord Elgin ("Zum ersten Mal begriff er, was Fortschritt war") sind sich nämlich weitaus näher, als es scheint. Sie verkörpern Werte des Maßes und der Tugend, die von den Zynikern des heraufdämmernden entfesselten Kapitalismus außer Kraft gesetzt werden. Auf der chinesischen wie auf der englischen Seite taucht dieser moderne Typus bereits auf und signalisiert sogleich, dass er für die Zukunft steht.

Stephan Thome: Gott der Barbaren. Roman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 715 S., 25,– €, als E-Book 21,99 Z