Die schnellste Frau der Welt zu sein – wow, das klingt toll! Und was muss es erst für ein Gefühl sein, wenn man diesen Titel bei einer Weltmeisterschaft holt und weiß, dass einem Menschen nicht nur im Stadion, sondern überall in der Welt zusehen und jubeln. Leider ist es aber unwahrscheinlich, dass man selbst so etwas mal erleben wird. Denn die Schnellste zu sein bedeutet eben auch: Es gibt nur eine.

Wer ist der Stärkste, die Beste, der Größte? Vielleicht sind Rekorde für viele Menschen auch deshalb so faszinierend, weil diejenigen, die sie aufgestellt haben, zu jemand Besonderem werden; zu einem von wenigen Menschen, die etwas Einzigartiges vollbracht haben. Manchmal vielleicht auch etwas einzigartig Beklopptes.

"Wieso sollten denn auch nur olympische Sportarten toll sein? Bei uns zählt jeder Rekord gleich viel", sagt Craig Glenday. Er ist Chef des Guinness World Records -Buchs, bezeichnet sich selbst aber lieber als den "Hüter der Rekorde". In Craigs Buch (gerade ist die 2019er-Ausgabe erschienen) findet man viele Beispiele von Menschen, die mit seltsamen Dingen Rekorde aufstellen. Ein Mann, der sich 161 Wäscheklammern ins Gesicht klemmt, einer, der mehr als drei Tage auf einem Fuß balanciert, ein Junge, der Zehntausende Büroklammern zu einer Kette zusammensteckt: Offenbar gibt es doch reichlich Möglichkeiten, in etwas der Beste der Welt zu sein.

In den meisten Wochen kommen mehrere Hundert, manchmal auch mehr als tausend Rekordvorschläge bei Craig und seinem Team an. Doch längst nicht alles ist erlaubt. Ganz schnell Auto fahren oder ein Pferd um die Welt reiten: Immer wenn andere in Gefahr geraten (alle, an denen der Autofahrer vorbeirast) oder nicht selbst entscheiden können (das Pferd), sagt das Guinness- Team nein. Auch dann, wenn ein Rekord gegen ein Gesetz verstößt.

Wird eine Idee zugelassen, geht die Arbeit erst richtig los. Craig hat gut 200 Mitarbeiter und einige Berater, die sich mit den unterschiedlichsten Höchstleistungen und den ungewöhnlichsten Wettbewerben der Welt auskennen. Nur so können sie feststellen, ob etwas ein Rekord ist oder wird. Und sie können – das ist noch wichtiger – genau festlegen, was jemand tun muss, damit er eine Rekord-Urkunde erhält.

Wie weit muss man auf einem Hüpfball hüpfen, wie viele Stunden am Stück Geige spielen oder Achterbahn fahren, um darin der oder die Beste der Welt zu sein? Jeder Rekord-Anwärter bekommt ein Regelwerk, in dem genau steht, was er für seinen Rekord tun muss, und auch, wie er seine Leistung beweisen muss. Denn einfach bei Craig anrufen und sagen: "Hey, ich hab sieben Stunden lang mit gekochten Spaghetti jongliert", reicht nicht aus. Man sollte seine Bestleistung auf Video aufnehmen oder Fotos davon machen, und mindestens zwei Zeugen müssen den Rekord bestätigen. Manchmal müssen zusätzlich Experten eine Erklärung abgeben oder Messwerte und genaue Protokolle des Ablaufs eingesandt werden. All das sehen sich Craigs Kollegen an und entscheiden dann: Rekord – ja oder nein?

Wem die Beweiserei zu umständlich ist und wer sofort wissen will, ob er’s geschafft hat, der kann einen Rekordrichter einladen (kostet allerdings). Insgesamt 90 Richter arbeiten für Craig, sie reisen in die ganze Welt und schauen den Menschen bei ihren Rekordversuchen zu. Schwierig sei das nicht, erzählt eine der Richterinnen, man müsse nur sehr wach sein und gut darin, alles im Blick zu behalten.

Craig hat vor vielen Jahren übrigens selbst einen Rekord aufgestellt: im Schoko-Karamell-Riegel-in-die-Länge-Ziehen. Darin ist er längst übertroffen worden, was er so hinnehmen muss. Denn wer im Guinness-Team arbeitet, hat eine Rekord-Sperre. "Noch mal selbst einen Rekord aufzustellen, das wäre der einzige gute Grund, meinen Job zu kündigen", sagt Craig und lacht. Aber weil er bisher sowieso keine tolle Idee hat, bleibt er erst mal Rekord-Hüter. Das Schönste an seinem Job? Die Menschen zu treffen, die es vielleicht in sein Buch schaffen werden, weil sie in verrückten oder weniger verrückten Disziplinen die Besten der Welt sein wollen.