Der Weg zu einem der seltensten Weine der Welt ist mühsam und steil. Erst geht es südlich der Stadt Visp durch den Staub eines Kieswerks, dann unterhalb des Dörfchens Visperterminen über einen kleinen Fluss und weiter auf einer Schotterstraße hinauf durch trockene Eichenwälder bis zum Ende der Straße. Von dort geht es zu Fuß auf einem Trampelpfad weiter, über Spitzkehren hinauf bis zu einer Lichtung. Hier liegt an einem Hang, der bis zu 70 Prozent Steigung hat, der winzige Weinberg Vinesch: ein paar Hundert Rebstöcke, verteilt auf 18 Trockensteinterrassen. Was die Arbeiter brauchen, schaffen sie mit einer kleinen Transportseilbahn hinauf, auf 850 Meter über Meer; Kisten, Hacken, Scheren.

Das Mini-Weingut Vinesch ist der Stolz von José Vouillamoz und Josef-Maire Chanton, einem renommierten Schweizer Biologen und einem Winzer aus Visp, den alle nur als Chosy nennen. Hier ernten sie auf wenigen Hundert Quadratmetern die Trauben von Rebsorten, die bis vor Kurzem als verschollen galten. Das ungleiche Paar mit der gemeinsamen Liebe für seltene Weine begrüßt den Besucher herzlich. Der 47-jährige Vouillamoz, ein verschmitzt lächelnder Forscher mit Hornbrille und Béret, auf Französisch; der 75-jährige Chanton, ein in sich ruhender Bergler und Naturfreund, auf Walliserdeutsch.

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Vouillamoz ist weltweit ein gefragter Experte für seine DNA-Analysen, mit denen er Rebsorten bestimmen kann. Er ist Mitautor des Standardwerks Wine Grapes, das alle 1368 Rebsorten beschreibt, aus denen irgendwo auf der Welt Wein hergestellt wird. 600 davon habe er selbst bereits gekostet, erzählt er.

Durch den Weinberg gurgelt ein kleines Bächlein. Es speist den Holzbrunnen, in dem eine Flasche Weißwein kühlt, die Belohnung für einen Tag harte Arbeit im Weinberg. "Himbertscha" steht auf der Etikette. Dass es den Himbertscha überhaupt noch gibt, ist Chanton und Vouillamoz zu verdanken – und der Abgeschiedenheit, in der die Reben wachsen.

Schweizer Wein hatte lange Zeit einen miserablen Ruf. Im 19. Jahrhundert schrieb der deutsche Reiseführer Baedeker über den hiesigen Wein: "Wein ist oft ein großer Quell des Ärgers." Winston Churchill soll sich 1946, als er für seine berühmte Europa-Rede nach Zürich reiste, geweigert haben, den aufgetischten Wein zu trinken. Und in Genf hätten sich die Menschen einst so sehr für ihren Wein geschämt, sagt man, dass sie damit lieber die Fenster putzten, als ihn im Restaurant zu servieren.

Chanton und Vouillamoz gehören zu jener neuen Generation von Winzern, die heimisches Traubengewächs fördern, qualitativ hochstehende Weine produzieren und diese auch vermehrt im Ausland zu vermarkten versuchen.

Beim Spaziergang durch die Reben zwacken die beiden Männer hier und da einen Zweig ab, gießen ein paar Stauden, streicheln über fast reife, gelb-grüne Trauben. "Vielleicht eine Woche noch bis zur Wümmet", murmelt Chanton zufrieden und meint damit die Ernte, die bald beginnt. Es sehe gut aus dieses Jahr. Der Schweiß glänzt dem Winzer auf der Stirn, jeder Schritt ist anstrengend in diesem steilen Gelände.

Im Vinesch, was so viel bedeutet wie "Wein im Esch", wegen der Eschen, die hier wachsen, wird seit mindestens sieben Jahrhunderten Wein angebaut. Lange nur für den Heimgebrauch der alten Besitzer, die zuletzt oben im Dörfchen Törbel gewohnt haben, dort, wo sich das Visper- ins Saaser- und Mattertal aufgabelt. Mit Maultieren hatten sie damals die geernteten Trauben in mehrstündigen Wanderungen transportiert. Heute werden die Beeren mit der Seilbahn ins Tal gefahren und in Visp gekeltert.