Als der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi am vergangenen Donnerstag die Strafbarkeit homosexueller Handlungen in Indien für verfassungswidrig erklärte, war das eine Entscheidung, die 18 Prozent der Menschheit betrifft. So hoch ist der indische Anteil an der Weltbevölkerung. Es war eine der massivsten Ausweitungen von Freiheitsrechten, einer der größten Antidiskriminierungsfortschritte, die sich je in der Geschichte ereignet haben. Fast 1,3 Milliarden Inder hatten bis dahin unter einem Gesetz aus der britischen Kolonialzeit gelebt, das 1861 den "widernatürlichen fleischlichen Verkehr" unter Strafe gestellt hatte. Verurteilungen nach dieser "Sektion 377" des Strafgesetzbuches waren selten, aber ihre bloße Existenz bedeutete ein permanentes Droh- und Erpressungspotenzial und eine offizielle Absegnung gesellschaftlicher Vorurteile.

Indien bleibt in vielerlei Hinsicht ein sozial konservatives, von althergebrachten Moralvorstellungen geprägtes Land. Die Diskriminierung Homosexueller wird nun nicht schlagartig aufhören. Die regierende hindu-nationalistische Indische Volkspartei (BJP) hat sich nach der Gerichtsentscheidung nicht offiziell geäußert – aber schon vorab zu verstehen gegeben, dass sie weiter gehende Reformen wie die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ablehnen würde.

Gleichzeitig war das Echo auf das Urteil in den Medien und im urbanen Indien überwältigend positiv. Logos von Unternehmen und Privatnutzern in den sozialen Netzwerken wurden auf die Regenbogenfarben der LGBTQ-Bewegung umgestellt. Eine Tee-Marke verkündete ihren Instagram-Followern, dass "Rakesh und Rohan", also zwei Männer, nun denselben "Geschmack des Zusammenseins" (der Werbeslogan der Firma) genießen könnten wie jedes Hetero-Paar auch.

Die Richter selbst wissen genau, dass ihre Entscheidung nur eine Etappe in einem langwierigen Prozess ist. Einer von ihnen forderte die Einrichtung von Sensibilisierungskursen für Polizisten. Die örtliche Wache ist für Millionen von Indern, besonders auf dem Land, der wichtigste, fast der einzige Berührungspunkt mit dem Staat – wenn sich die herrschende Mentalität an dieser Stelle nicht ändert, helfen alle höchstrichterlichen Bekundungen wenig. Die einzige Richterin in der beschlussfassenden Kammer stellte fest, dass Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle und ihre Familien eine Entschuldigung für die lange Geschichte der Ausgrenzung verdienten. Es ist eine Entschuldigung, die auch vom Obersten Gerichtshof kommen müsste: Noch 2013 hatte ein Zwei-Personen-Ausschuss des Gerichts die Verfassungsmäßigkeit der jetzt aufgehobenen Strafvorschrift vertreten und den Grundrechtsschutz für eine angeblich "winzige" Minderheit für nachrangig erklärt.

Die Entscheidung ist auch ein Signal über Indien hinaus. Das Verbot von gleichgeschlechtlichem Sex wurde während der Kolonialepoche generell in den britischen Übersee-Territorien eingeführt – und in vielen ehemaligen Kolonien besteht es heute noch, lange nachdem sie ihre Unabhängigkeit erlangt haben. Nicht nur in einem Land wie Pakistan, wo der religiöse Fundamentalismus besonders stark ist; auch von Sri Lanka und Bangladesch in Indiens unmittelbarer Nachbarschaft über Malaysia und Singapur in Südostasien bis nach Jamaika in der Karibik gilt nach wie vor die gleiche diskriminierende Gesetzgebung, die Indien nun abgeschafft hat. Besonders dramatisch ist die Situation in manchen afrikanischen Ländern, wo nicht nur die Strafandrohungen für gleichgeschlechtlichen Sex zuletzt noch verschärft wurden, sondern Politiker bisweilen eine grelle antischwule Hassrhetorik pflegen.

Es ist eine Standardbehauptung solcher homophoben Demagogen im globalen Süden, dass Gleichberechtigung und Respekt für sexuelle Minderheiten ein dekadenter Import aus dem Westen seien: der Ausdruck eines neuen europäisch-amerikanischen Kulturimperialismus, mit dem traditionellen Zivilisationen die Ideen einer landfremden Hypermoderne aufgezwungen werden sollen. Das Urteil aus Neu-Delhi widerlegt diese Legende. Indien mit seiner Geschichte von Gandhis friedlichem Befreiungskampf ist so etwas wie das Mutterland des Antiimperialismus, eifersüchtig auf seine Souveränität bedacht; was hier geschieht, kann man nicht einfach als Anpassung an den Westen abtun. Hinter der Entkriminalisierung der Homosexualität steht kein Druck von außen, sondern das Engagement der Zivilgesellschaft – und die Erinnerung daran, dass die indische Kultur historisch mit gleichgeschlechtlicher Liebe eher entspannt umgegangen ist. Für den Kampf gegen die Homophobie in Entwicklungs- und Schwellenländern bringt die Entscheidung einen neuen, belebenden Impuls.

In Indien selbst verstärkt das Urteil die Hoffnung auf die Justiz als Hüterin von Toleranz und Liberalität. Unter der BJP-Regierung von Premierminister Narendra Modi hat sich in den vergangenen Jahren ein Klima des ideologischen und sozialen Konformismus ausgebreitet; religiöse Minderheiten, vor allem Muslime, aber auch politische Gegner des Hindu-Nationalismus, fühlen sich eingeschüchtert und an den Rand gedrängt.

Indiens Gerichte haben eine durchwachsene Bilanz, wenn es darum geht, der Staatsmacht Grenzen aufzuzeigen. 2017 jedoch hat der Oberste Gerichtshof, eindeutig gegen den Willen der Regierung, die Achtung der Privatsphäre zum verfassungsmäßig garantierten Anspruch jedes Bürgers erklärt. Es war ein klares Bekenntnis zu den Rechten des Einzelnen, gegen Übergriffe des Staates oder kollektiven Gesinnungsterror. Diese Verteidigung des Individualismus haben die Richter mit ihrer Stellungnahme zur Homosexualität bekräftigt: Nicht irgendeine Gemeinschaftsmoral, sondern allein der freie Wille der Person hat über ihre intime Lebensführung zu entscheiden. In einem Land, in dem Paare immer noch für ihre Liebe über Kasten- oder Religionsgrenzen hinweg verfemt, auseinandergerissen oder sogar umgebracht werden, ist das eine immens wichtige Botschaft.

In vielen der Kommentare, mit denen Aktivisten und Intellektuelle ihre Freude über den Entscheid äußerten, tauchte ein Motiv auf, das in den normalerweise selbstbezogenen Debatten des Riesenlandes ungewöhnlich ist. Es war der ermutigende Kontrast dieses Erfolgs- und Glückserlebnisses mit einer globalen Stimmung, die sonst von Gegenaufklärung und Rückschritt gekennzeichnet zu sein scheint. Das macht das Urteil auch jenseits von Indien kostbar. Der Autor Neel Mukherjee, der vor zehn Jahren einen bahnbrechenden Roman über die sexuelle Selbstbefreiung eines jungen indischen Schwulen in England geschrieben hat, drückte es schlicht und stark aus: "In einem Augenblick, da sich überall auf der Welt die Dunkelheit verdichtet, erinnert diese Nachricht daran, dass es auch Licht gibt."