Die Agenten kauerten im Dunkel der Nacht, darauf lauernd, dass die iranischen Wachleute ihre Abendrunde beendeten. Als sie endlich die Türen hinter sich abschlossen, lag die Lagerhalle in einem Industriegebiet am Stadtrand von Teheran so schläfrig da wie in all den Nächten zuvor. Einen Augenblick später begann eine fast sieben Stunden andauernde Operation, die aus einem Drehbuch für Mission Impossible oder Ocean’s Eleven stammen könnte: Ein Kommando des israelischen Geheimdienstes Mossad brach in die Lagerhalle ein und stahl mehr als hunderttausend Dokumente der iranischen Regierung, in denen detailliert beschrieben wird, wie das Regime nach einer Atombombe strebte. Die Operation, die in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 2018 stattfand, hat das Potenzial, die Geschichte des Nahen Ostens zu verändern.

Gegen 22 Uhr überwanden die Agenten die äußere Absperrung, brachen die Hallentore auf und packten mehrere Schweißgeräte aus. Vor ihnen lagen 32 Tresore, manche mit grüner Farbe markiert, andere mit Rot oder Schwarz. Die Mossad-Leute schweißten weniger als zehn Safes auf, sie wussten offenbar präzise, wonach sie suchten. Bei 2000 Grad Celsius schmolzen die Tresorwände wie Butter.

Im Operationszentrum des Mossad in Israel verfolgte der Chef des Geheimdienstes, Jossi Cohen, den Einbruch live. Bis kurz vor 5 Uhr morgens schleppten seine Leute 114 Aktenordner und 55.000 Seiten Papier aus der Lagerhalle, dazu 183 CDs, auf denen mehr als 50.000 Dateien gespeichert sind. Eine halbe Tonne wog das Material alles in allem.

Den Ablauf dieses modernen Husarenstücks haben der ZEIT hochrangige israelische Regierungsmitarbeiter geschildert, die Kenntnis von der Operation haben. Die Details lassen sich nicht mit letzter Gewissheit unabhängig überprüfen, aber sie passen zu den bislang bekannt gewordenen Fakten und Schilderungen in der israelischen, amerikanischen und iranischen Öffentlichkeit. Die iranische Regierung, die in den Stunden nach dem Einbruch intern eine landesweite Fahndung nach den Mossad-Agenten ausrief, bestreitet die Operation nicht, widerspricht aber dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, der dem Iran Lügen vorwirft. Es werde eine angemessene Reaktion folgen, das "zionistische Regime" werde den Überfall noch bereuen.

Israel, ein Freitag Anfang September. Eine Limousine mit dunkel getönten Scheiben holt den Reporter der ZEIT an einer Straßenkreuzung ab und fährt ihn in ein Regierungsgebäude. Auf dem Tisch liegen Dutzende von Aktenordnern mit Kopien des iranischen Materials sowie ein USB-Stick, auf dem die Israelis eine Sammlung an Briefen, Fotos und Berichten zusammengestellt haben. Ein israelischer Beamter reicht weiße Stoffhandschuhe und einen Hefter mit Plastikfolien, in denen sich nach Angaben der Israelis Originaldokumente aus dem Atomarchiv befinden. Die Papiere stammen aus den Jahren 1999 bis Ende 2005 und sind teilweise mit handschriftlichen Notizen in blauer Tinte versehen, ihre Echtheit kann nicht abschließend beurteilt werden.

Die ZEIT hat ausgewählte Dokumente übersetzen lassen, viele der Aufzeichnungen und Fotos passen zu bereits bekannten Fragmenten, die die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien zusammengetragen hat, sowie zu Berichten von Überläufern. Die Unterlagen seien allerdings "viel umfangreicher, tiefgehender und detaillierter als alles, was wir bislang kannten", sagt der Atomexperte David Albright, der Teile des Materials einsehen konnte. Auch die US-Regierung, die eine Kopie des Datenschatzes erhalten hat, hält das Material für authentisch. Ähnlich beurteilt es der deutsche Bundesnachrichtendienst, der Einblick in einen Teil der Dokumente hatte.

Die Sammlung reicht bis Ende der Neunzigerjahre zurück, in jene Zeit, als die iranische Staatsführung offenbar den Entschluss fasste, Uran nicht nur zu zivilen Zwecken anzureichern, sondern weiter zu gehen: bis zur Bombe.

In einer Beschlussvorlage für den iranischen Rat für Hochtechnologie, dem das geistliche Oberhaupt Ajatollah Chamenei, der Verteidigungsminister sowie der heutige Präsident Ruhani angehörten, ist detailliert aufgelistet, welche Schritte dafür nötig sind. Vorerst fünf Sprengsätze sollten die Techniker demnach zusammenschrauben, mit einer Sprengkraft von jeweils zehn Kilotonnen TNT – annähernd die Sprengkraft der Bombe von Hiroshima. Die Anweisung ist undatiert, vermutlich ist sie um die Jahrtausendwende erteilt worden. Den Unterlagen zufolge genehmigte der Rat die Pläne.