Es gibt 904 katholische Schulen in Deutschland. Noch. Ab 1. Januar 2019 ist es wohl eine weniger: Die Johannes-Prassek-Schule in Lübeck, ein Vorzeigeprojekt im protestantischen Norden, wird dann nicht mehr wie bisher von einer katholischen Stiftung betrieben, sondern von einem lokalen Kita- und Hortbetreiber. Das Erzbistum Hamburg hat der Stiftung und damit auch der Schule die Zuschüsse gestrichen – und ohne Hilfe aus den Kirchensteuereinnahmen ist eine kirchliche Schule in Deutschland kaum zu finanzieren. Die Atmosphäre der christlichen Schule, verspricht der neue Betreiber, soll zwar erhalten bleiben, katholische Schule darf man sich aber nicht mehr nennen – das war einmal.

Katholische Schulen sind die stillen Riesen im deutschen Bildungssystem. Nach dem Staat sind die beiden Kirchen die größten Schulbetreiber in Deutschland – und sehr beliebt. In Elternumfragen schneiden die Schulen regelmäßig gut ab. Die Gottesdienste werden nicht voller, die Austrittszahlen bleiben hoch, doch an fast allen Kirchenschulen gibt es deutlich mehr Anmeldungen als Plätze. An keinem anderen Ort wirkt die katholische Kirche so weit in die säkulare Welt hinein. Wie lange setzen sich diese himmlischen Zeiten noch fort?

Einigen Bistümern und Orden könnte schon bald das Geld für ihre Schulen ausgehen. Christ&Welt hat für diesen Text mit Dutzenden Kennern des katholischen Schulwesens gesprochen, nicht jeder und jede wollte sich zitieren lassen: Wer offen über die Lage redet, so fürchtet mancher, könnte Ängste bei Eltern, bei Schülern oder Lehrern auslösen. Doch hinter einigen Türen wird diskutiert: Wo könnte es ein zweites Hamburg geben?

Die geplante Schließung von bis zu acht Schulen in Hamburg hat zum ersten Mal den Blick darauf gelenkt, dass auch Erfolgssysteme nicht vor der Krise geschützt sind. Als die Pläne Anfang 2018 bekannt wurden, traf es Hamburgs Katholiken völlig unvorbereitet, Eltern schrieben an den Papst, und prominente Hanseaten wollten die Schulen am liebsten in Eigenregie betreiben – als Schulgenossenschaft. Das Erzbistum aber lehnte ab. Und im nächsten Zug strichen die Hamburger auch den Jahreszuschuss von einer Million für die katholische Bernostiftung, die neben der Lübecker Johannes-Prassek-Schule noch drei Schulen in Mecklenburg-Vorpommern betreibt. In der katholischen Diaspora, sagen sie, sind es eigentlich die Schulen, die die Gemeinden am Leben halten. Nicht umgekehrt. Der neue Betreiber, die Kinderwege gGmbH, wird die Schule noch einige Zeit gemeinsam mit der Stiftung führen, dann zieht sich die Kirche ganz zurück.

Der Großteil der kirchlichen Schulen in Deutschland sind sogenannte Ersatzschulen. Sie sind also staatlich anerkannt, haben aber größere Freiheiten, wählen ihr Personal selbst aus und setzen eigene Schwerpunkte. In den vergangenen Jahren profitierten auch sie vom Privatschulboom in Deutschland. In der individualisierten Gesellschaft mögen es immer mehr Eltern auch bei der Schulwahl etwas entschiedener: Für Schulen reicht es ja schon längst nicht mehr aus, ganz ordentlich Mathe, Deutsche oder Chemie zu unterrichten – es geht um Profil- und Imagebildung.

Die Katholiken haben da einen Startvorteil: Ihr Profil ist quasi gottgegeben – das christliche Wertefundament als Alleinstellungsmerkmal. Dabei taucht der Glaube in Elternumfragen zur Schulwahl eher weiter hinten auf. Eltern versprechen sich eher bessere Lehrer, ein gehobenes Leistungsniveau und gutes Lernklima. Die Schulen wissen das: Neben einem breiten Angebot von AGs ist auch ein oft zweiwöchiges Sozialpraktikum so selbstverständlich wie das Morgengebet. "Wir wollen es den Schülern nicht unbedingt leichter, aber angenehmer machen", erzählt ein süddeutscher Bildungsfachmann. Katholische Schulen sollten "Leuchttürme" sein, sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx.

Es könnte also alles so bleiben, wie es ist in Gottes Bildungsanstalten. Aber wird es das? Wer verstehen will, warum es den katholischen Schulen zwar oberflächlich gut geht, ihnen aber Gefahr droht, muss mit Steffen Lipowski sprechen. Der frühere Lehrer ist Direktor der Schulstiftung des Bistums Magdeburg und hält sich nicht lange mit Plauderei auf, sondern sucht lieber schnell nach seinen Zahlen. "Das sieht natürlich erst mal nicht so gut aus", sagt Lipowski. Denn: In den vergangenen Jahren hat die Stiftung jedes Jahr mit einem Defizit abgeschlossen: mal mit 3,6 Millionen Euro, mal mit 2,4 Millionen Euro Minus. Lipowski und seine Leute brauchen gerade ihre Rücklagen auf.

Acht katholische Schulen betreibt Deutschlands zweitkleinstes Bistum. Darunter allein drei Gymnasien, je eins in Halle, Dessau und Magdeburg. Zum neuen Schuljahr haben sie schon das Schulgeld erhöht – von 95 auf 135 Euro.