Am 5. Juni 1995 vernahm der Ornithologe Kees Moeliker einen Knall. Ein Erpel war gegen das Fenster seines Naturhistorischen Museums in Rotterdam geprallt. Sekunden später wurde Moeliker Zeuge einer erstaunlichen Fortsetzung des Geschehnisses: Ein männlicher Artgenosse verging sich an der toten Stockente, eine Stunde lang. Dieses Ereignis sollte Moelikers Leben verändern. Als Direktor rettete er nicht nur den Kadaver für sein Museum, sondern publizierte einen aufsehenerregenden wissenschaftlichen Artikel über die nun erstmals dokumentierte homosexuelle Nekrophilie bei Stockenten. Dies brachte ihm den Spitznamen Entenmann ein. Außerdem begann er, eine umfangreiche Sammlung im Museum anzulegen: "Tote Tiere mit einer Geschichte". Am vergangenen Freitag besuchte er uns in Hamburg. Zu Beginn des Gesprächs legte er eine ausgestopfte Ente auf den Tisch.

DIE ZEIT: Ist das die Ente?

Kees Moeliker: Nein, das ist meine Reiseente, sie hat die ganze Welt gesehen. Sie war in den USA, in Indien. Das Nekrophilie-Opfer – Katalognummer NMR 9989-00232 – ist ein wichtiges Originalexponat in meinem Museum; ihm könnte ich diese Strapazen nicht zumuten. Daher ist dieser Erpel hier mein ständiger Begleiter, er reist als offizieller Vertreter von NMR 9989-00232 zu Terminen.

ZEIT: Ich habe mich vor diesem Gespräch gefragt, warum ich mich mit jemandem unterhalten soll, der Filzläuse sammelt, geköpfte Tauben, Spatzenhoden oder Vogelnester aus Plastikmüll. Können Sie mir einen Grund nennen, was die wissenschaftlich interessierte Leserschaft der ZEIT davon hat, wenn ich mit Ihnen rede?

Moeliker: Es gibt unzählige Naturbücher. Aber viel Spannendes findet darin keinen Niederschlag. Es kommt in Schulbücher nicht hinein.

ZEIT: In der Tat wimmelt es dort nicht von nekrophilen Enten oder homosexuellen Kühen.

Moeliker: Nein, die Natur, die man dort findet, ist rundum seriös. Doch es gibt Neues zu erzählen. Dinge, von denen die meisten nichts wissen und die noch nicht mal in der wissenschaftlichen Literatur Platz gefunden haben. Damit so etwas bekannt wird, habe ich mein Buch Der Entenmann geschrieben – eine Art Naturgeschichte, die an Schulen nicht gelehrt wird. Bislang nicht.

ZEIT: Mit der Aufarbeitung jener Stockenten-Ereignisse haben Sie Aufsehen in der wissenschaftlichen Community erregt.

Moeliker: Erst einmal fotografierte ich das Geschehen, dann steckte ich den bedauernswerten Erpel in den Tiefkühler. Später ließ ich ihn für die Sammlung präparieren, wie wir das mit jedem Opfer machen, das an unserem Gebäude zu Tode kommt. Die wissenschaftliche Publikation ließ lange auf sich warten, schließlich hielt sich anfänglich meine Ahnung von Nekrophilie und Homosexualität im Tierreich in Grenzen.

ZEIT: Am Ende erhielten Sie einen Preis.

Moeliker: Die Jury des Ig-Nobelpreises rief an.

ZEIT: Dachten Sie da nicht, jemand wolle sich über Sie lustig machen?

Moeliker: Gar nicht. Die Philosophie dieser satirischen Auszeichnung ist ja, Menschen zum Lachen und dann zum Nachdenken zu bringen. Ein bewährtes Kommunikationsprinzip. Auf diese Weise unterstützt der Preis das Anliegen, Interesse für die Forschung zu wecken. Ich habe die Trophäe – eine gravierte Badezimmerfliese – aus vollem Herzen entgegengenommen.

ZEIT: Wie wird man zu jemandem, der leidenschaftlich Geschichten sammelt, in denen es um krähende Hennen geht, um durchgeknallte Amseln, tierische Fußballopfer oder Affen, die Schildkröten zum Oralverkehr zwingen?

Moeliker: Wir haben 500.000 tote Tiere und Pflanzen bei uns. Die meisten Wesen sind anonym. Sie tragen eine Identifikationsnummer, einen wissenschaftlichen Namen, und wir kennen allenfalls noch den Todeszeitpunkt. Die Geschichten ihres Lebens und ihres Todes aber bleiben unbekannt. In dieser Hinsicht war die Ente anders. Auch sie lag lange im Keller. Doch als die Leute von ihr hörten, fragten sie: Wo ist sie? Sie wollten die Geschichte und den Erpel kennenlernen.

ZEIT: Der erste Promi in Ihren Beständen.

Moeliker: Ja, normalerweise stehen die Menschen 15 Sekunden vor einem Exponat. Bei der Stockente lesen sie die ganze Geschichte. Dann reden sie miteinander, gehen nach Hause und erzählen davon. So wird ein Stück Naturgeschichte zu einem Baustein im kollektiven Gedächtnis.