Es gibt gute Nachrichten, wenn ab Mitte dieser Woche Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown als Gastgeber für Klimaschützer aus aller Welt auftritt. Wenn tagelang Bilder aus San Francisco in den Nachrichten auftauchen – und seien sie noch so klischeehaft mit Erdkugeln und Eisbären dekoriert. Wenn es heißen wird, es sei jenes erklärt und dieses vereinbart worden auf dem Climate Action Summit. Dann ist das nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht – die Zahlen zeigen nämlich: Es bringt etwas.

Der Action Summit ist ein etwas anderer Gipfel. Denn er richtet sich nicht, wie die UN-Klimakonferenzen, vor allem an Staaten. In San Francisco treffen sich Vertreter einzelner Städte, Unternehmen, Regionen und Bundesstaaten, die beim Klimaschutz vorpreschen. Viele haben sich in Initiativen zusammengefunden.

Ein paar Beispiele: Die Global Covenant of Mayors, in der sich 9000 Bürgermeister zusammengeschlossen haben. Oder die Under2Coalition von mehr als 200 Lokal- und Regionalregierungen, 2015 angestoßen vom Bundesstaat Kalifornien und dem Bundesland Baden-Württemberg. Oder die Initiative RE100, in der 2000 Unternehmen aus der ganzen Welt versprochen haben, im Jahr 2050 ihren Strom zu 100 Prozent aus nicht fossilen Quellen zu beziehen.

Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

Klimawandel! Was heißt das?

Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Was derlei Freiwilligkeitsvielfalt fürs Klima bringt, war lange unklar. Nun haben Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und den USA im großen Stil Zahlen zusammengetragen, sortiert und addiert. Vor dem Gipfel in San Francisco veröffentlichten sie ihren Report Global Climate Action from Cities, Regions and Businesses. Es ist eine Art Hochrechnung unzähliger einzelner Klimaschutzvorhaben geworden.

Das zentrale, hoffnungsvolle Ergebnis dieser Analyse lautet: Zwischen 15 und 23 Gigatonnen Treibhausgase können zusätzlich eingespart werden. "Die weltweiten Emissionen im Jahr 2030 lägen [damit] etwa um ein Drittel niedriger als nur durch die gegenwärtige Politik nationaler Regierungen", schreiben die Autoren, die am Kölner New Climate Institute, an der Universität Yale und beim niederländischen Umweltamt PBL (Planbureau voor de Leefomgeving) forschen.

Natürlich ist nicht gewiss, dass es so kommt. Aber die Analyse ist zumindest ein nüchterner, detaillierter Blick auf den Stand der Dinge, der Hoffnung macht. Sie taugt als Gegenmittel gegen jenes überwältigende Gefühl, das sich beim Thema Klimaschutz schnell einstellt, sobald man sich die Dimension des Problems vergegenwärtigt: Wie soll die Welt sich bloß einigen? Wie soll das in so kurzer Zeit gelingen? Und was kann selbst der größte Aufwand im kleinen Deutschland ausrichten, wenn andere Länder nicht mitmachen? Anstatt einer Antwort schleicht sich Mutlosigkeit ein: Bringt doch eh alles nichts mehr.

Solcher Fatalismus verdeckt, wie die Menschheit doch noch, im wahrsten Sinne des Wortes, die Kurve bekommen kann – trotz der miserablen Ausgangslage.

Gegenwärtig stoßen die Menschen etwa 50 Gigatonnen "Kohlendioxid-Äquivalent" (so verrechnet man CO₂ und andere Treibhausgase miteinander) im Jahr aus. Viel zu viel. Denn soll die Erderwärmung bis 2100 "deutlich unter zwei Grad über vorindustriellem Niveau" gehalten werden, wie es im Paris-Abkommen heißt, darf gar nicht mehr so arg viel Treibhausgas in die Luft gelangen.

Der genaue Umfang dieses noch erlaubten "Kohlenstoffbudgets" ist umstritten. Viele Klimaforscher gehen von 600 Gigatonnen aus, andere großzügiger von 800. Tatsächlich nimmt der Ausstoß der gesamten Menschheit immer noch zu, wenngleich langsamer. Die Emissionen müssten aber ganz rasch sinken. Spätestens 2020, sagen viele Experten.

Unvorstellbar?

Es ist noch nicht zu spät

Sich eine nahe Trendwende doch vorzustellen fällt leichter, wenn man nicht nur die Zusagen der Nationalstaaten (im Jargon der Klimadiplomaten: Nationally Determined Contributions, kurz NDCs) einkalkuliert, sondern auch die Selbstverpflichtungen all der kleineren Akteure. Ihre Maßnahmen versprechen zudem einen langfristigen Effekt: Die CO₂-Abnahme würde mit ihnen auch über 2030 hinaus rascher verlaufen, die Emissionskurve also steiler fallen. Im besten Fall – wenn also alle einzelnen sowie die gemeinsamen Initiativen ihre Ziele erreichen und unabhängig davon auch die Regierungen ihre NDCs erbringen – rückt sogar die so viel beschworene Marke in greifbare Nähe. "Die Zahlen sind ausreichend für den Pfad zum Zwei-Grad-Ziel", sagt Niklas Höhne vom New Climate Institute. "Das ist die gute Nachricht."

Natürlich kann in zwölf Jahren viel passieren. Und natürlich kommt die Mut machende Studie mit allerlei Fußnoten daher. So haben die untersuchten 21 internationalen Gruppen sich nicht nur Klimaziele gesetzt, sie rechnen auch damit, dass sich ihnen weitere Städte, Regionen und Firmen anschließen. Eine Wette auf die Zukunft. Höhne sagt allerdings: "Derzeit ist die Dynamik sehr gut. Es gründen sich immer mehr Initiativen gerade zu Gipfeln wie dem jetzt kommenden in San Francisco. Auch die Teilnehmerzahlen wachsen rasant."

So habe die Initiative RE100 im Jahr 2017 um fast 50 Prozent zugelegt. Und bei den UN sei die Zahl der registrierten Klimaziele von 10.000 im Jahr 2016 auf 12.000 im Jahr 2017 gestiegen.

Wie groß aber ist der Aufwand, der die wachsende Zahl der Akteure erwartet? Ein Blick in das Referenzwerk zum klimaschonenden Umbau der Welt, den aktuellen Globalen Statusreport Erneuerbare Energien vom Juni dieses Jahres, zeigt zumindest: Es lassen sich noch relativ leicht viele Fortschritte machen.

Denn bislang galt die größte Aufmerksamkeit der Stromerzeugung – für die es in einem Großteil der Staaten mittlerweile verbindliche (wenn auch sehr unterschiedliche) Klimaziele gibt. Dabei entfällt auf die Stromerzeugung weltweit nur ein Fünftel der verbrauchten Energiemenge. In anderen Sektoren, vor allem beim Heizen sowie im Transportwesen, sind konkrete Einsparvorhaben viel seltener – bei größerem Potenzial, die anfallenden Treibhausgasmengen zu mindern. Auf dem bunten Gipfel in San Francisco bieten sich also noch allerhand Ziele für Versprechungen und Selbstverpflichtungen an.

Schon 2014, vor dem offiziellen Klimagipfel von Paris 2015 also, hatte der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein vergleichbares Action-Treffen in New York veranstaltet. Vieles von dem, was heute in der aufmunternden Studie steht, ist damals ersonnen oder beworben worden. Und auch das aktuelle Treffen in San Francisco liegt wieder als Präludium vor einer offiziellen Klimakonferenz. Im Dezember wird sie im polnischen Katowice stattfinden. Neu ist dieses Mal: Es gibt einen quantitativen Beleg dafür, welche Kraft in der Vielfalt aus einzelnen Vorreitern und globalen Initiativen steckt.

Die guten Nachrichten lassen sich auf zwei Arten formulieren, je nach Gemütszustand des Adressaten. Für Pessimisten: Es ist noch nicht zu spät. Und für Optimisten: Da geht noch mehr.

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