DIE ZEIT: Herr Grunwald, zuerst das Positive, Sie sind ja ein Anwalt der Berührung: Was bewirkt Körperkontakt, wenn er wohlmeinend ist?

Martin Grunwald: Die Liste der Wohltaten ist lang: Berührungen mobilisieren die körpereigene Apotheke des Menschen. Sie wirken entzündungshemmend. Sie stabilisieren das Immunsystem. Sie wirken entspannend auf die Skelettmuskulatur, sie beruhigen. Sie senken den Blutdruck im Gehirn. Sie lassen uns weniger an Depressionen leiden. Sie sind entscheidend für die gedeihliche Entwicklung von Kindern und für das Wohlbefinden von Pflegebedürftigen. Körperkontakt stimuliert das Wachstum des Hippocampus, also auch die Leistung des Gedächtnisses.

ZEIT: Und was bewirken sie über den eigenen Körper hinaus, also sozial?

Grunwald: Berührungen sind immer auch Kommunikationsakte, die Beziehungen und Wechselwirkungen entstehen lassen. Sie geben uns außerdem Orientierung im Raum, mindern unser Gefühl der Verlorenheit. Ohne ein intaktes Tastsinnsystem wüssten wir nicht, dass wir existieren und wo vorn und hinten ist. Und die neun Monate im mütterlichen Uterus haben Folgen: Es tut uns gut, von warmen, weichen Körpern berührt zu werden. Berührung mit warmen Objekten stimmt uns gegenüber anderen milde. Das gilt sogar für eine warme Tasse: Wer die in der Hand hält, sieht andere gleich in freundlicherem Licht, wie Studien zeigen ...

ZEIT: ... was bereits als kluge Verhandlungsstrategie in Management-Ratgebern empfohlen wird: Drücken Sie Ihrem Kontrahenten eine warme Tasse in die Hand! Was ist an solchen Wirkungen spezifisch menschlich?

Grunwald: Wenig. Die positiven Effekte der Berührung zeigen sich bei allen Säugetieren. Denn das Bedürfnis nach Körperkontakt ist typisch für sie: Wir suchen nach Berührung, weil wir allein verloren sind. Wir werden sonst von Angst und Stress beherrscht. Die Menschen vergessen allerdings seit einiger Zeit, dass sie Säugetiere sind. An die Stelle des konkreten Kontakts tritt zu oft das Like auf Facebook oder die Followerzahl auf Twitter. Doch selbst wenn wir in jeder Hand zwei Handys halten, bleiben wir doch biologisch die Spezies, die wir sind.

ZEIT: Woher weiß man, ob eine Berührung wohlmeinend ist? Sie kann doch ebenso als unangenehm empfunden werden.

Grunwald: Es steht nie objektiv fest, welche Berührung wohltut. Was angenehm ist, entscheidet der Empfänger. Sein Gehirn sagt, ob die Berührung willkommen ist. Wer Berührungen ablehnt, sendet vielfältige körperliche Signale, die in der Regel spürbar sind.

ZEIT: Und warum ist das Phänomen so individuell? Warum lösen Berührungen von bestimmten Menschen sofort ein positives Gefühl in uns aus, während beim selben Kontakt mit anderen Menschen fast nichts passiert?

Grunwald: Vertrauen scheint der Schlüssel zu diesem Mechanismus zu sein. Wenn wir einem anderen Menschen grundsätzlich vertrauen, werden auch Berührungsreize positiver interpretiert als bei Menschen, zu denen wir weniger Vertrauen haben. Berührungsreize sind im physiologischen und im metaphorischen Sinne immer Grenzerfahrungen. Je weniger dabei Angst eine Rolle spielt, desto stärker kann sich die Biochemie der positiven Emotionen entfalten.

ZEIT: Allerdings unterscheiden sich die Kulturen sehr in ihren Üblichkeiten. In Ihrem Buch Homo Hapticus berichten Sie etwa davon, dass in Puerto Rico die Einheimischen während eines Gesprächs in einem Lokal etwa 180 Berührungen austauschen, in Frankreich zählt man 110 und in den USA nur zwei Berührungen in 30 Minuten. Denn in Amerika, sagt die Forschung, werde jede Art von Berührung leicht als Aggression verstanden. Gibt es denn auch Berührungen, die überall auf der Welt gleichermaßen als erlaubt gelten und nicht als übergriffig?

Grunwald: Die Hand und der Unterarm gelten in fast allen Kulturen als erlaubter Bereich. Der Oberarm oft auch. Fast alles andere hingegen wird im öffentlichen Raum und unter Fremden als nicht zugelassen erlebt. Im Familien- und Freundeskreis ist es anders: Dort sind zumindest leichte Berührungen an Rücken, Schultern oder Kopf akzeptiert.

ZEIT: Warum sind uns unangenehme Berührungen so extrem zuwider?

"Das Säugetier Mensch kann nicht ohne andere"

Grunwald: Auch jemand, der nie Gewalt erlebt hat, weiß: Jede Berührung kann existenzbedrohend sein, wenn sie in den Körper eindringt. Auf nichts achten Menschen deshalb so sehr wie darauf, dass niemand unkontrolliert in ihre Körpernähe gelangt. Visuelle und akustische Reize mögen an uns vorbeisausen, doch mit Berührungsreizen ist das anders: Da bleibt keiner unbemerkt. In Millisekunden prüft jeder Mensch, ob eine Berührung – sei es im Fahrstuhl, im Supermarkt, im Vorübergehen – gefährlich ist.

ZEIT: Dann liegt es doch nahe, körperlich auf Abstand zu gehen.

Grunwald: Gewiss. Aber ganz ohne Nähe geht es eben auch nicht. Und es ist ebenso eine Form der Gewalt, wenn man Menschen die Berührung vorenthält, die sie brauchen. Das Beispiel der rumänischen Waisenhäuser, in denen Kinder kläglich eingingen, weil sie keinen Körperkontakt hatten, hat traurige Bekanntheit erlangt.

ZEIT: Die Berührung hat eine lange Geschichte. Was ist heute neu am Dilemma, etwas zu ersehnen, das man fürchtet?

Grunwald: Heute ist es leichter, einen Sexpartner im Netz zu finden als einen Menschen, mit dem man den Alltag teilt und den man stetig umarmen darf. Das menschliche Grundbedürfnis ist aber nicht der sexuelle Austausch, sondern die körperliche Nähe zu einem Menschen, der einem vergewissert, dass man existiert und nicht allein ist ...

ZEIT: ... was aber zugleich immer das Risiko des Übergriffs beinhaltet.

Grunwald: Neu sind deshalb auch Formen, freiwillig nach kontrollierter Berührung zu suchen. Das Säugetier Mensch lässt sich etwas einfallen. Zum Beispiel, dass Fremde aller sozialen Schichten einander auf Kuschelpartys für Geld nach festen Regeln berühren. Wie nahe diese Erfindung den Bedürfnissen kommt, zeigt die Tatsache, dass das Angebot von so vielen angenommen wird. Ähnlich ist es mit der free hug-Bewegung: Die Umarmungen, die in den Fußgängerzonen von Fremden kostenlos angeboten werden, sind ausgesprochen gefragt.

ZEIT: Sie schreiben allerdings, dass sich die Bestrebungen, Berührungen möglich zu machen, nicht nur auf Menschen beziehen ...

Grunwald: Auch die Zahl der Haustiere, die man streicheln kann, ist eindrucksvoll gestiegen, zumal die Zahl der felltragenden Tiere: 30 Millionen waren 2015 gemeldet, das sind sieben Millionen mehr als noch 2010. Und neu ist natürlich das ständige Berühren des Smartphones. Es ähnelt inzwischen so sehr einem eigenen Körperteil, dass es einer vergewissernden Selbstberührung gleichkommt, wenn man das Handy anfasst. Zahnärzte berichten, dass Patienten es während der Behandlung in der Hand behalten wollen. Wenn wir in unserem Haptik-Labor Experimente machen, wollen sich die Probanden für die Zeit des Experiments von ihren Smartphones kaum trennen, so wie man sich ja auch von einem lebendigen Körperteil nicht trennen möchte.

ZEIT: Kann das Smartphone die Hand eines Menschen ersetzen?

Grunwald: Die Biochemie einer Hautberührung kann man durch nichts virtuell ersetzen. Die Verformung der Körperhaut durch die Berührung eines lebendigen Körpers sendet Mikroströme von Signalmolekülen aus, die sich virtuell nicht simulieren lassen.

ZEIT: Geht es dabei nur um Biochemie – oder auch um das grundlegende Gefühl, wahrgenommen zu werden?

Grunwald: Beides. Der biologisch andere Mensch versichert uns im Körperkontakt mit ihm, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Keine andere Beweisführung garantiert, dass wir existieren. Dieser Gewissheit bedürfen wir aber. Der körperlich wahrnehmbare andere beantwortet also eine Grundfrage des Lebens: Bin ich allein? Deshalb kann das Säugetier Mensch nicht ohne andere. Zur Not geht auch ein Hund oder eine Katze – aber es muss lebendig sein. In größter Not helfen auch Fische.

ZEIT: Und was ist mit Sandwesten? Die werden unruhigen Kindern in den Schulen neuerdings testweise umgelegt. Sie sollen fehlende Berührungen ersetzen.

Grunwald: Die Sandweste wirkt tatsächlich wie eine permanente Umarmung, von ihr geht ein entspannender Körperreiz aus, sie wirkt beruhigend, wie eine zweite Haut, und mindert damit die Verlorenheit in der Welt. Aber was heißt es für eine Gesellschaft, dass sie Kindern eher Sandwesten umhängt, als sie zu umarmen und ihnen so die Stabilität zu vermitteln, die sie brauchen?