Der Mann mit den zwei Leben

Sascha Mahlbergs Doppelleben begann mit When You Say Nothing at All von Ronan Keating. Eigentlich wollte er Candle in the Wind singen, aber im Studio war die CD nicht aufzutreiben. Seine Frau hatte ihn als "Karaoke Morningstar" beim Sat.1-Frühstücksfernsehen angemeldet. Die Sendung hatten sie oft zusammen gesehen. Nach der Show konnten die Zuschauer ein Votum abgeben. 85 Prozent der Anrufer fanden den Auftritt gut. "Toll gesungen", riefen ihm ein paar Tage später die Leute auf der Straße zu. "Gut gemacht!" Er genoss das Lob, die Aufmerksamkeit tat ihm gut. Der Auftritt war der Anfang seiner Fernsehkarriere als Nebendarsteller, im Nebenberuf.

In seinem anderen Leben ist Mahlberg Straßenkehrer, Einsatzgebiet Bonn, Bad-Godesberg. Um sechs Uhr morgens beginnt sein Dienst, von Montag bis Freitag, jeden Tag, bei jedem Wetter, manchmal auch am Wochenende. In einer Schicht schaffen er und seine drei Kollegen 30 bis 50 Straßen.

Mahlberg, 45, mag beide Leben. Das eine gibt ihm Stabilität, das andere Abenteuer. Der Job bei der Stadtreinigung bringt Sicherheit, der beim Film Anerkennung. Und irgendwie gehören beide Leben auch zusammen, zumindest bei ihm, dem Mann mit den tätowierten Armen und dem Rattenzöpfchen.

Er spielt Typen, die man nicht sympathisch findet: Zuhälter, Dealer und Schläger

Die Friesdorfer Straße in Bad Godesberg an einem Freitag im April. Es ist kurz vor zwölf Uhr, Mahlberg hat gleich Feierabend. Er trägt ein Karohemd zur orangefarbenen Arbeitshose und kratzt mit einem Messer Kaugummis und Unkraut vom Bürgersteig. Oft verschleißt er in einer Woche drei Messer. Danach sind die Mülleimer dran. Einen nach dem anderen kippt er auf einen Lastwagen. Im Abfallkorb vor einem Studentenwohnheim fand er einmal Pferdefüße und Katzenfelle. Kadaver bringen zusätzliches Geld. Für jedes Tier, das er einsammelt, bekommt er am Monatsende ein paar Euro vom Veterinärsamt. Manche Menschen schnippen ihm eine Zigarette vor die Füße. Früher hat er sich darüber geärgert, heute lässt er die Kippe einfach liegen.

Er macht den Job trotzdem gern. Ihm gefällt, dass man das Ergebnis seiner Arbeit sehen kann. "Wenn wir weg sind, ist die Straße picobello sauber", sagt er. Mahlberg mag es, draußen zu sein, er plaudert gern mit den Menschen, die vorbeikommen, mit den Schülern, Geschäftsleuten, den Frauen. "Schöne Frau, wenn ich Sie sehe, geht die Sonne auf", sagt er dann und freut sich, wenn er ein Lächeln zurückkriegt.

Dabei ist es durchaus möglich, dass man ihn erkennt. Seit seinem Debüt im Jahr 2007 hat er 169-mal vor der Kamera gestanden. In der Notiz-App seines Mobiltelefons hat er alle Auftritte aufgelistet: Es sind bislang 43 Serien, 22 Dokumentationen, sechs Spiel-Shows, zwölf Abendfilme, acht Kinofilme, acht Musikvideos, fünf Werbefilme. Bei den Quoten hat er bei 200 Millionen Zuschauern aufgehört mitzuzählen.

Er war der Drogendealer in der Fernsehserie Auf Streife, der Imbissbudenbesitzer in Achtung Kontrolle . Mal trat er in diesen Serien als Dirk Hermann auf, mal als Peter Schwelm oder Horst Kuhlmann. Mal ließ er sich für die Sendung Mieten, kaufen, wohnen als Interessent sechs Häuser zeigen. Er drehte Musikvideos mit Kollegah und Farid Bang, spielte in Unter uns und trat bei Deutschland sucht den Superstar auf. Gerade hatte er eine Nebenrolle in der Serie Alarm für Cobra 11. Demnächst ist er im Dortmunder Tatort zu sehen – als Veranstalter illegaler Hinterhof-Boxkämpfe.

Von den Drehs bringt er unzählige Erinnerungen mit. Seine Wohnung in Wesseling bei Köln, in der er mit seiner Frau und zwei der drei Söhne lebt, ist voll davon. An der Schlafzimmerwand kleben bis zur Decke Fotos von Mahlbergs Filmdrehs. Man sieht ihn Arm in Arm mit Dieter Bohlen, mit Scooter, mit Jan Böhmermann. Im Regal im Wohnzimmer liegen eine Händlerkarte von Bares für Rares und Patronen von Alarm für Cobra 11.

Mahlberg klaute anderen Kindern Süßigkeiten

Mahlberg spielt oft Typen, die viele Zuschauer alles andere als sympathisch finden. Meistens gibt er den Proll. Beim Perfekten Dinner nannte er das Schlafzimmer "Hobbyraum" und den Aperitif "billige Puffbrause". In Reich trifft Arm würgte er eine Auster hoch. Im Musikvideo Ich hab Polizei bedroht er Jan Böhmermann mit grimmigem Gesicht und einer Stahlkette in den Händen. Mahlberg polarisiert, das mögen die Zuschauer und die Castingfirmen. Er spielt Zuhälter, Dealer und Schlägertypen. Er kann einem auch im echten Leben Angst machen. Zumindest wenn er nicht gerade lacht oder lächelt. Dann wirken sein Boxerkinn und der mächtige Nacken durchaus bedrohlich.

Mahlberg sagt, als Schauspieler sei ihm nichts peinlich. "Bis auf Pädophile spiel ich alles." Klar, es gibt Grenzen. "Bei Frauentausch haben sie uns fünfmal eine immer höhere Gage angeboten. Aber meine Frau und ich finden die Sendung menschenverachtend."

Der Nebenjob ist durchaus lukrativ. Als Seriendarsteller im Nachmittagsprogramm verdient er um die 400 Euro am Tag, mit seiner Familie in Reality-Sendungen bis zu 6500 Euro für sechs Drehtage. Von der ersten großen Gage kaufte er neue Möbel und Videospielkonsolen für die Kinder. Das ist zwar gutes Geld, aber sicher damit rechnen kann man nicht. Dreimal schon wurden Mahlberg feste Rollen angeboten. Dreimal hat er abgelehnt. Um die Branche komplett zu wechseln, müsste er seinen Job bei der Stadtreinigung kündigen. Das sei ihm zu unsicher, sagt er. Man wisse nie, wie lange eine Figur in einer Sendung überlebe. Und hinzukommt, Mahlberg ist ja gerne bei der Stadtreinigung.

Er will, dass seine Kinder anders aufwachsen als er - deshalb kontrolliert er ihre Schulhefte

In seinem Beruf als Straßenkehrer versucht er vorbildlich zu sein. Er freut sich, wenn er mal in einem anderen Revier eingeteilt ist und die Anwohner danach sagen: "So sauber war es hier in den letzten zehn Jahren nicht!" Nach den Aufräumarbeiten nach der Silvesternacht 2012 gab er dem Bonner General-Anzeiger ein Interview. "Sascha Mahlberg vom Amt für Stadtreinigung und Abfallwirtschaft", stand in der Zeitung. Sein Vater sagte zu ihm: "Ich bin stolz auf dich." Sieht er am Wochenende auf dem Weg zum Supermarkt Scherben auf dem Boden liegen, hebt er sie auf. Ist ein Mülleimer falsch angebracht, hängt er ihn richtig in die Halterung. Er mag es gerne ordentlich.

Im Fernsehen hingegen hat er eher Rollen von Typen, die verantwortungslos und brutal sind. Es ist ein Milieu, das ihm nicht ganz fremd ist. Mahlberg wurde im Bonner Problemviertel Tannenbusch groß. Als Kind war er vor allem sich selbst überlassen, so schildert er es. Die Mutter arbeitete als Bürofachkraft, der Vater als Baggerführer. Morgens, bevor ihr Sohn in die Schule ging, legten sie ihm fünf Mark auf den Tisch, mit denen er tagsüber auskommen musste. Meistens kaufte er sich davon Currywurst mit Pommes. Ob er in die Schule ging oder nicht, interessierte niemanden.

Mahlberg schwänzte, spielte in Elektroläden Videospiele, klaute anderen Kindern Süßigkeiten und prügelte sich. "Wenn zwei finstere Typen aufgetaucht sind, hab ich gleich angefangen zu provozieren, um sie abzuschrecken und keine Schläge zu riskieren: Seid ihr doof oder was, verpisst euch!" Mahlberg wird laut, während er das erzählt. Womöglich ist auch das ein Grund dafür, dass ihm im Fernsehen die Rolle des harten Typen besonders leichtfällt: Er hat schon in seiner Kindheit geübt, aggressiv aufzutreten. "Das kann man auf keiner Schauspielschule lernen", glaubt Mahlberg.

Er trug ihren Schulranzen, sie schmierte ihm Leberwurstbrote

Irgendwann, er war schon ein Teenager, zog im Plattenbau gegenüber ein Mädchen mit ihren Eltern ein. Tanja wurde die Liebe seines Lebens. Sie spielte Himmel und Hölle auf dem Hof, er Fußball. Die beiden wurden ein Paar. Er trug ihren Schulranzen, sie schmierte ihm Leberwurstbrote. Dreimal Licht aus vor dem Schlafengehen hieß "Gute Nacht!" Mit 16 war sie schwanger.

Heute, 27 Jahre später, sind sie verheiratet, haben Söhne zwischen zwölf und 26 Jahren und sind immer noch glücklich. Er nennt sie ausschließlich "Schatz" und postet beinahe jede Woche ein Bild auf Facebook, auf dem die beiden Arm in Arm zu sehen sind. Ein starker Antrieb in Mahlbergs Leben ist, alles anders zu machen als seine Eltern.

Er will, dass seine Kinder anders aufwachsen als er. Am Abend essen sie gemeinsam, morgens müssen die Söhne, die noch zu Hause wohnen, ihre Betten machen. Mahlberg kontrolliert Hausaufgabenhefte und Schulranzen. Seine Mutter habe nie gekocht, sagt er, "nur Fertiggerichte warm gemacht". Mahlberg ist stolz auf seine Spaghetti bolognese. Manchmal steht seine Familie mit ihm vor der Kamera. "Ich will den Leuten zeigen, dass wir eine harmonische Familie sind", sagt er. Im Flur von Mahlbergs Wohnung stehen neben all den Film-Devotionalien auch etliche Familienfotos: Standesamt, Disneyland, Strandurlaub.

Manchmal wird Mahlberg auf der Straße erkannt. Wenn ihn jemand anspricht, macht ihn das stolz. "Die grüßen mich, als einfachen Straßenkehrer!", sagt er und lacht. Erwachsene schicken meistens die Kinder vor, damit sie nach einem Foto fragen. Nachdem ihn einmal im Schwimmbad ein Mädchen um ein Autogramm gebeten hatte, bestellte er 300 Autogrammkarten. "Sascha Mahlberg – Entertainer", steht darauf. Inzwischen hat er viermal nachdrucken lassen.