Nun ist es also vollbracht. Es wächst zusammen, was zusammengehört, auch wenn sich Gewohnheit und Idealismus noch dagegen sträuben mögen: Kunst, Kultur – und Sport. Mit ihrem Palais Populaire will die Deutsche Bank in Berlin von diesem Herbst an "Kunstausstellungen, Konzerte, Lesungen, Veranstaltungen zu Sportthemen oder neue digitale Formate" in einer großen, volksnahen Geste fusionieren, also knapp gesagt: alles. Es steht zu vermuten, dass das Prinzip "Universalbank" auf den Palast übertragen werden soll. Mehr noch: Wie die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken, mit den bekannten Folgen, aufgehoben wurde, verabschiedet man sich nun von der Trennung von Kunst, Kultur und Sport.

Ein Hauch von sozialistischen Kulturhäusern umweht derlei, wie es im Pressetext heißt, "offene" Einrichtungen. Auch der Ostblock eignete sich den adelsbelastete Begriff "Palast" gerne an, die Bank mit ihrem neuen Palais Populaire steht gewissermaßen in dieser Tradition. Und sagte nicht Walter Ulbricht: "Der Sportplatz ist das beste Atelier"? Wie dem auch sei – es scheint wieder zu gelten: Bloß keinen Autonomieverdacht aufkommen lassen!

Tatsächlich hat sich der Kunstbetrieb in seinen publikumswirksamen Formen ja längst der Filibusterei des Sportbetriebs anverwandelt. In immer kürzeren Abständen finden rund um den Globus Biennalen statt. Organisiert sind sie dabei so wie Trimm-dich-Pfade: Man hastet von ungewöhnlichem Ausstellungsort zu ungewöhnlichem Ausstellungsort und sammelt so viele Blasen an den Füßen wie verwirrende Eindrücke aus allen Weltgegenden, bis am Ende ein ähnlicher Erschöpfungsgrad erreicht ist wie bei Fußballern nach einem WM-Spiel. Glenn D. Lowry, Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, schrieb 2012 hellsichtig, der Kunstbiennalenzirkus gleiche mit seinen hektischen Rhythmen eher großen Sportevents als Kunstausstellungen. Er sei zwar "überaus unterhaltsam", aber auch "ermüdend".

Auch jenseits des Zeitgeists, dort, wo der Weltgeist waltet, stehen Kunst und Sport einander nahe. Der Philosoph Wolfgang Welsch hat sie 1997 in einem großartigen Essay ganz nüchtern verglichen. Er kam zu dem Schluss: Sie haben mehr miteinander gemein, als sie trennt. Bei beiden geht es beispielsweise nicht nur ums schnöde Gewinnen oder Verlieren, sondern auch darum, dies jeweils auf ästhetisch interessante Weise zu tun. Mit dem Sport assoziierte Kategorien wie "höher, schneller, weiter, mehr" sind ohnehin keine, die den sogenannten "freien Künsten" jemals fremd gewesen wären. Auch hier wurden und werden Preise vergeben, Ranking-Listen erstellt, Rekorde gefeiert, schaffen es die einen in die Hofkünstler-League, veredeln die anderen Verkehrsinseln, wuchern die einen mit megalomanischen Drop-Sculptures, kontern die anderen mit minimalistischen Unterbietungsartefakten.

Sport basiert auf quantifizierbaren Resultaten, Kunst lässt sich nicht quantifizieren? Das ist nett gemeint, aber Folklore aus dem 19. Jahrhundert.

Ein gewichtiger Unterschied besteht allerdings noch: Die Kunstliga schmückt sich mit dem edleren Vokabular. Aber wenn Adorno erst mal ein bisschen länger tot ist, sollte sich auch das legen. Dann wird kein Blatt Papier mehr zwischen Baselitz und Bolzplatz passen!

Der Versportung der Kunst ist die Verkunstung des Sports kongenial. Längst verhält es sich so, dass Sportler nicht nur sportliche Leistungen zu erbringen haben. Nein, alsogleich müssen diese von ihnen höchstselbst vor der Kamera analysiert, kontextualisiert, kritisiert werden. Der Verbalisierungsdruck, der an der französischen Kunstakademie schon im 17. Jahrhundert einsetzte, hat den Sport voll erfasst. Arnold Gehlens Rede von der "Kommentarbedürftigkeit" der modernen Kunst trifft im gleichen Maße, ja vielleicht mehr noch auf den Sportbetrieb zu.

Ist es Studierenden an Kunsthochschulen bei Höchststrafe untersagt, das Sprechen über ihre Arbeiten vermittels Jacques-Rancière- und Chantal-Mouffe-Zitaten zu unterlassen, so sehen sich Sportler heute genötigt, Torschüsse, Matchbälle oder Knock-outs medienkompetent zu kommentieren. Kurz gesagt: Der Zeitgeist bildet ein tragfähiges Fundament für das neue Berliner Kunstbankenpalais. Kryptokommunistische Assoziationen hin oder her.

Das Palais Populaire der Deutschen Bank in Berlin wird am 27. September eröffnet.