DIE ZEIT: Herr Zorn, Sie haben für die Bertelsmann Stiftung den Lehrermangel an Berliner Grundschulen analysiert. Welche Schüler trifft es besonders?

Dirk Zorn: Grundschüler, deren Familien Sozialleistungen beziehen oder deren Muttersprache nicht Deutsch ist, werden besonders häufig von nicht regulär ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet.

ZEIT: Wie genau sind solche Quereinsteiger über die Grundschulen verteilt?

Zorn: Unsere Studie zeigt, dass im vergangenen Schuljahr an Brennpunktschulen 9,8 Prozent des Kollegiums Quereinsteiger waren – das sind fast doppelt so viele wie an Schulen in privilegierter Lage. Wo ohnehin eine besondere Belastung besteht, muss nun also auch noch diese Herausforderung bewältigt werden.

ZEIT: Werden sozial benachteiligte Grundschüler nun also schlechter unterrichtet?

Zorn: Nein, es gibt keine Erkenntnisse dazu, dass Quereinsteiger per se schlecht für das Lernen sind. Aber sie sind eben zumeist nicht pädagogisch ausgebildet und müssen sich nachqualifizieren, während sie unterrichten. Dafür müssen Zeit und Ressourcen vorhanden sein. Der verstärkte Einsatz an Brennpunktschulen kann sonst die Quereinsteiger selbst und die Schulen überfordern.

ZEIT: Wer zählt zu den Quereinsteigern?

Zorn: Quereinsteiger sind zwar keine grundständig ausgebildeten Lehrkräfte, haben aber ein relevantes Unterrichtsfach wie zum Beispiel Deutsch oder Mathe studiert. Didaktische Expertise fehlt ihnen allerdings, und häufig müssen sie auch ein zweites Fach nachstudieren. Wenn sie diese Qualifikationen haben, gelten sie als vollwertige Grundschullehrkraft und werden statistisch auch nicht länger zu den Quereinsteigern gezählt.

ZEIT: Unter den neu eingestellten Grundschullehrern in Berlin war dieses Schuljahr nur jede achte eine studierte Grundschullehrkraft.

Zorn: Hier sprechen Sie an, dass sich die Situation zuletzt noch weiter verschärft hat. Unsere Analyse bildet die jüngste Entwicklung seit den beiden vergangenen Schuljahren noch nicht ab. Inzwischen werden die Quereinsteiger selbst schon zur Mangelware. Sie machen mit 389 Personen nur knapp ein Drittel der neu eingestellten Grundschullehrer aus. Die größere Gruppe sind fast 500 Seiteneinsteiger.

ZEIT: Inwiefern verschärft das die Situation?

Zorn: Seiteneinsteiger heißen in Berlin Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung. Diese Gruppe ist sehr heterogen. Darunter sind oft Uni-Absolventen, die kein Unterrichtsfach studiert haben, aber auch Studenten mit Bachelorabschluss, die über das Programm "Unterrichten statt Kellnern" in den Schuldienst gekommen sind, oder Personen, die bisher als Vertretungslehrer tätig waren. Seiteneinsteiger werden befristet eingestellt und verfügen bislang über keine Perspektive, sich weiter zu qualifizieren und zur vollwertigen Lehrkraft zu werden.