Wie kann das sein? Warum war sie verschwunden über all die Jahrzehnte? Ausgelöscht aus dem kollektiven Gedächtnis, als hätte es sie nie gegeben. Hunderte Kunstmuseen in Deutschland, und keinem fiel ein, sie, die großartige Malerin Lotte Laserstein, jenem Vergessen zu entreißen, in das sie das braune Deutschland einst gestoßen hatte.

Ein erster Verdacht: Die Museen, von denen es immer heißt, hier lernten wir Toleranz! Vielfalt! Weitherzigkeit!, es seien Orte des offenen Sehens, sind in Wahrheit schwer erblindet, zumindest auf einem Auge. Sie kennen, was sie lieben, und lieben, was sie kennen – und das war über Jahre vor allem Kunst, die aufreizt, aufstört, aufbegehrt. Die das Anschauliche zurücklässt und die ganz Farbe, ganz Form, ganz abstrakt wird. Innovation, das Leitbild jedes guten Kapitalisten, war das Leitbild der Museen. Und in dieses Bild wollte Lotte Laserstein, geboren 1898, gestorben 1993, partout nicht passen.

Sie passte nicht, weil ihre Kunst ohne jeden Vorsatz auskommt, keine Neigung verspürt, den Menschen, die Gesellschaft oder auch nur die Malereigeschichte zu erschüttern. Lasersteins Bilder leben aus der Stille. Sie brauchen kein Weltgeschehen, sie haben sich selbst. Ihr Wagnis ist nicht ästhetischer Aufruhr. Ihr Wagnis heißt Nähe.

Das wäre der zweite Verdacht, warum erst jetzt, 80 Jahre nach Lasersteins Vertreibung ins schwedische Exil, ein großes Museum, das Städel in Frankfurt, auf die Idee verfällt, ihr eine umfassende Werkschau zu widmen. Der Verdacht heißt: Museen halten Intimität schwer aus. Museen neigen dazu, das Typische einer Epoche, eines Malers auszustellen. Sie suchen im Werk nicht das Vage, keine Verhaltenheit, sie suchen Prägnanz. Denn das gebietet die Logik ihrer Sammlung: Hier darf ein Bild nicht nur Bild sein, es muss für etwas Höheres stehen, für ein ästhetisches Prinzip, eine Epoche. Ebendas ist bei Laserstein aber nur schwer zu finden. Sie, die Malerin der Zwanzigerjahre, ist keine Malerin der Zwanzigerjahre, nicht so jedenfalls, wie man sich das klischeehafterweise vorstellt. Sie zeigt nicht das verruchte, unbedingt glitzernde, das auf dem Vulkan vor sich hintanzende Großstadtleben, auch nicht die verlumpten Bettler, die Huren oder die feisten Gesichter der Macht. Nichts von all dem, was man kennt und also liebt: von Dix, Grosz oder Jeanne Mammen.

Weil aber Lasersteins Bilder ihre eigene Zeit besitzen, weil sie nicht zugerüstet sind mit den Insignien des Aufbruchs oder Abgrunds, schien es den Museen, wenn sie diese Künstlerin überhaupt kannten, nachgerade langweilig, ein solches Werk zu zeigen. Es taugt nicht als Projektionsfläche, anders als die Neue Sachlichkeit der Zwanzigerjahre, diese Kühlflächenkunst, von der sich immer schön behaupten ließ, die moderne menschliche Existenz habe sich damals in Kälte panzern müssen. Nein, Lasersteins Bilder lassen solche Ausweichmanöver nicht zu. Sie sind nicht überzeitlich. Zeitgelöst aber schon.

Sie halten sich ungebunden, so wie übrigens die Malerin ihr Leben lang ungebunden blieb. Und das vor allem macht den Reiz ihrer vielen Porträts aus: ein freiheitlicher Umgang mit der Farbe, der nichts zu-, nichts wegmalt, ganz so, als wolle sie die Frauen – die malte sie vor allem – auf keinen Fall zum Objekt machen, nicht zu ihrem, nicht zu dem der Betrachter. Sie lässt ihnen Freiheit, sie sollen atmen, berührbar bleiben, selbst im längst vollendeten Bild. Laserstein rückt dicht heran an ihre Modelle, nie aber sperrt sie sie ein. Sie zieht den Rahmen eng, doch ist er Halt, nicht Gefängnis.

Bilder sind es, in denen Laserstein sich aufgehoben fühlte, aber auch das nicht in einem ab- und ausschließenden Sinne. Eher waren es Schutzräume, um immer wieder aufs Neue die eigene Vertrautheit mit sich selbst zu erkunden. So oft wohl wie keine andere Malerin hat sie sich selbst zum Motiv gemacht, neugierig den Anschein des Ichs, ihren Körper, ihr Frausein betrachtend. Und ja, auch das mag einen Verdacht, den dritten, begründen: Dass eine Malerin sich so ungeniert, so unheldisch selber in den Blick nimmt, war in vielen Museen lange nicht vorgesehen.

Laserstein gehörte zu den ersten Künstlerinnen, die in Berlin an der Akademie zugelassen wurden, vor gerade mal 100 Jahren. Genies, das waren Männer, ihnen gehörte die Schöpfung; die Frau hingegen sollte brav dienen, vor allem der Reproduktion. Das war die Haltung, die den Kunstbetrieb durchzog und bis heute unterschwellig durchzieht, sodass Künstlerinnen noch immer seltener ausgestellt, weniger gerühmt, schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen. Um überhaupt aufzufallen, muss auch die Frau dem Männerprinzip der Kunstwelt folgen: schwer innovativ, radikal oder sonst wie heroisch in Erscheinung treten.

Lasersteins Kunst aber ist das Schweigen. Ist die Versonnenheit. Ein In-sich-Blicken. So sieht man ihre Freunde auf dem wohl bekanntesten Bild, das sie gemalt hat: Abend über Potsdam. Versunken, erschöpft, alle Worte sind gewechselt, so sitzen, so stehen sie da, der wolkige Himmel hängt tief. Vielleicht gab es Streit? Vielleicht ist gerade eine Nachricht eingetroffen, dort oben über den Dächern Potsdams – und nun sind alle verstummt, weil sie es nicht fassen können? Vielleicht erzählt dieses Bild aber auch von einer anderen Art Unfasslichkeit: von jener tiefen Vertrautheit der Freunde, die sich nicht festhalten oder einfach aufmalen lässt. Im stummen Miteinander scheint sie auf und will in der Melancholie des Augenblicks schon wieder schwinden.

Dieses Schwinden vor allem sollte Lasersteins Leben bestimmen, über all die Jahrzehnte nach ihrer Vertreibung. Nie kehrte sie nach Berlin zurück, sie blieb in Schweden, blieb dem Malen treu, doch die Nähe zu sich selbst, die forschende Stille war ihr mit der Flucht genommen. Sie fühle sich, schrieb sie 1948, "hoffnungslos altmodisch". Was konnte sie anderes tun, als weiterzumachen? Tausende Bilder entstanden, Landschaften, Auftragsporträts, ihr Auskommen hatte sie. Doch es fehlte die Anerkennung. Die kommt erst jetzt, die blinden Museen lernen das Sehen, ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod.

Das Städel in Frankfurt zeigt Lotte Laserstein vom 19. September 2018 bis zum 17. März 2019. In Berlin, im Museum Berlinische Galerie, werden vom April 2019 an Werke von ihr zu sehen sein.