DIE ZEIT: Frau Dreyer, 1995 erhielten Sie die Diagnose Multiple Sklerose, Sie waren damals Bürgermeisterin der Stadt Bad Kreuznach. Elf Jahre später haben Sie die Erkrankung öffentlich gemacht, Sie waren zu diesem Zeitpunkt Ministerin in Rheinland-Pfalz. Würden Sie das heute wieder so handhaben?

Malu Dreyer: Das war damals der Rat meines Arztes. Er sagte: Behalt das erst mal im ganz engen Kreis. Irgendwann kommt der Tag, an dem du das Gefühl hast, die innere Stärke zu besitzen, das auch überzeugend nach außen tragen zu können. Das ist dann der richtige Tag. Für den Rat bin ich ihm heute noch dankbar.

ZEIT: Warum?

Dreyer: Eine Krankheit ist etwas zutiefst Privates, auch bei Politikern. Nach der Diagnose war ich innerlich erschüttert, ich musste mein Leben ganz neu sortieren. Ich musste herausfinden, wer ich mit der Erkrankung bin und wie ich mit ihr leben kann. Ich hätte die Fragen, die die Öffentlichkeit an mich gehabt hätte, zu dem Zeitpunkt gar nicht beantworten können.

ZEIT: Welche Fragen waren das?

Dreyer: Wie geht es weiter? Können Sie das mit Ihrem Amt vereinbaren? Müssen Sie aufhören? Das wusste ich nicht. Ich wusste gar nichts. Man nennt Multiple Sklerose auch die Krankheit der tausend Gesichter. Ich brauchte Monate, bis ich mir klar darüber wurde, was auf mich zukommen kann. Wirklich schlimm war übrigens: Überall hieß es nur, alles wird immer schwieriger, es werde einem schleichend immer schlechter gehen und niemals wieder besser. Mir geht es heute aber besser als vor zehn Jahren. Ich kann mich selbstständiger bewegen, brauche den Rollstuhl weniger. Und ich hoffe, dass mein Beispiel anderen Mut macht. Deshalb gebe ich auch dieses Interview.

ZEIT: Sie haben mal geschildert, dass Sie ganz allein waren, als Sie die Diagnose Multiple Sklerose bekamen.

Dreyer: Ich hatte spätabends einen MRT-Termin, weil ich Rückenbeschwerden hatte, die ins rechte Bein zogen. Der Arzt saß mir nach dem Scan gegenüber und sagte ziemlich eiskalt: "Vom Rücken stammen die Beschwerden nicht. Wahrscheinlich Multiple Sklerose. Muss ich mir noch mal in Ruhe anschauen. Schönen Abend noch."

ZEIT: Und dann?

Dreyer: Schickte er mich raus, und ich stand allein auf der Straße, um 22 Uhr. Das war ein bisschen wie ein Weltuntergang. Ich hab mich hingesetzt und erst mal geheult.

ZEIT: Wie lange hat es gedauert, bis Sie kapiert haben: "Das bin tatsächlich ich. Ich bin die Kranke, das ist keine Verwechslung"?

Dreyer: So was dauert. Da war eine innerliche Erschütterung, die erst mal anhielt. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht, ich sei "Malu unkaputtbar". Ich war sportlich, bin geklettert, gewandert, gejoggt, Rad gefahren. Es schien alles möglich für mich. Mit der Diagnose war es mit unkaputtbar erst mal vorbei. Es gab damals eine Zeit, da habe ich mich im Traum oft im Rollstuhl gesehen.

ZEIT: Nach elf Jahren war der Tag dann da, es öffentlich zu machen. Woher wussten Sie, dass es so weit ist?

Dreyer: Ich fühlte mich einerseits innerlich gefestigt, und gleichzeitig wurde meine Beeinträchtigung langsam offensichtlich: Man sah, dass ich Probleme beim Gehen hatte. Ich dachte, bevor die Leute zu tuscheln anfangen, dass da etwas nicht stimmt, will ich jetzt offensiv sein. Ich wollte die Kontrolle darüber haben.

ZEIT: Wie haben Sie sich auf den Tag vorbereitet?

Dreyer: Ich habe nicht viel geschlafen in dieser Zeit. Mein Mann war mir ein wichtiger Ratgeber und eine große Stütze. Zusammen mit meiner Pressesprecherin haben wir dieses Pressegespräch akribisch vorbereitet. Wir haben nichts dem Zufall überlassen. Ich bin immer wieder im Kopf durchgegangen: Was sage ich, wie sage ich es? Ich hatte eine enge Freundin, die Jahre zuvor im Referendariat an Krebs gestorben war. Sie hat immer gesagt: Ich als diejenige, die krank ist, muss zusehen, dass ich den Menschen nicht zu viel zumute. Ich habe das am Anfang überhaupt nicht verstanden. Eigentlich habe ich es überhaupt erst verstanden, als ich selbst krank wurde. Die Menschen glauben, dich zu kennen. Dann hören sie, dass du chronisch krank bist. Das versetzt Menschen, die dich gut kennen, in einen Schock. Deshalb war es mir wichtig, die richtigen Worte zu finden und souverän zu sein.