Neue Serie: Der Journalist und Buchautor Fredy Gareis hat eine radikale Idee: Er kündigt seine Wohnung, verkauft seinen gesamten Besitz und lebt mit seiner Freundin ab jetzt auf vier Quadratmetern – in einem amerikanischen Familienvan. Schaffen es die beiden, ihren Alltag ins Auto zu verlagern?

"Du bist ja immer noch nicht fertig, in fünf Tagen ziehen wir aus!", sagt meine Freundin und zeigt auf die hüfthohen Stapel alter Magazine, Bücher, Notizblocks und Zettel in meinem Arbeitszimmer. Natürlich widerspreche ich vehement, auch wenn sie ihren Bereich so effizient ausgemistet hat, dass ich inzwischen den Verdacht hege, sie arbeite beim Finanzamt. "Hör mal", sage ich, "ich bin zwölf Jahre älter als du. Es ist doch ganz klar, dass ich mehr Zeug habe."

Dass wir jetzt in unserer Hamburger Wohnung stehen und versuchen, unseren Besitz extrem zu minimieren, hat mit einer Reise in die USA zu tun. Vor zwei Jahren hatte ich mich zu den amerikanischen Hobos aufgemacht, um ein Buch über sie zu schreiben. Hobos streifen auf Güterzügen durchs Land und besitzen nur das, was sie auf dem Rücken tragen. Sie wollen frei sein. Einer von ihnen hieß Shoestring, ein Vagabund, der draußen promoviert hatte: "Wie viel braucht man, um wirklich glücklich zu sein? Nach 25 Jahren auf den Gleisen lass mich dir sagen: Es ist sehr wenig."

Ich bin immer viel gereist. Und immer fühlte ich mich unterwegs am stabilsten. Trotzdem wohne ich mit P. in einer Wohnung. Warum eigentlich? Ich kam zurück aus den amerikanischen Weiten und sagte zu ihr: Wie viel brauchen wir wirklich? Die Mieten steigen und steigen, und wir zahlen ja jetzt schon 10.000 Euro im Jahr, nur fürs Eingepökeltsein. P. nickte, dann machten wir weiter wie bisher.

Bis Freunde von uns im Allgäu heirateten. Alle Zimmer im Dorf waren belegt. Also liehen wir uns den Kombi des Vaters meiner Freundin. Mit seinem heutigen Wissen hätte ihr Papa wohl Zucker in den Tank geschüttet. Aber so war es irgendwann Nacht, die Hochzeit vorbei, und wir nutzten das Auto als unser persönliches Hotel direkt vor dem Standesamt. In den Wochen zuvor hatten wir Pläne für unsere Zukunft diskutiert, aber so richtig weitergekommen waren wir nicht. Mitten in der Nacht prasselte ein gewaltiger Regenschauer auf das Autodach. Wir wachten auf und schauten uns an.

Ein paar Wochen später, an unserem zweiten Jahrestag, saßen wir in Thessaloniki an einem weiß gedeckten Tisch auf einem kleinen Platz neben einem Brunnen. Vor uns ein paar Vorspeisen und eine Flasche Ouzo. Ich überreichte P. einen Liebesbrief, den ich zu diesem Anlass geschrieben hatte. Feierlich fragte ich: Mein Herz, willst du mit mir in ein Auto ziehen?

Und jetzt haben wir den Salat. Etwa 10.000 Dinge besitzt der Durchschnittseuropäer, und was habe ich mich darauf gefreut, zu entrümpeln. In den vergangenen Jahren habe ich so viel angehäuft, dass ich bald darin ersticke. Die Möbel sind nicht das Problem. Bei Büchern wird es schon schwerer, aber so richtig knifflig ist der Kram, all die uneingelösten Wechsel auf die Zukunft: das Russischlexikon, die verstaubte Gitarre, der Aquarellkasten, den ich schon seit zehn Umzügen mit mir rumschleppe. Dann ist da diese Peitsche. Mit 16 habe ich sie betrunken in einem Souvenirshop in der ungarischen Puszta geklaut. Nicht einen einzigen Menschen habe ich seitdem damit ausgepeitscht.

Der Deal, den ich meiner Freundin in Aussicht stellte, heißt: Sicherheiten gegen Freiheit. Routinen aufgeben, bescheidener leben. Theoretisch können wir ja von überall arbeiten. Sie als Journalistin, ich als Buchautor. Hört sich doch gar nicht so unromantisch an, oder?