Die Geschichte, die Barbara Plankensteiner zu erzählen hat, ist schmerzhaft, irritierend und einigermaßen unerhört; das erste Kapitel liegt ausgebreitet auf drei langen Tischen im Ausstellungsraum. Da sind: ein Federkopfschmuck vom Amazonas, eine Trommel aus Kamerun, eine Keule aus Rhinozeroshorn, genaue Herkunft unbekannt. Eine Hängematte aus Java, ein kniendes Holzfigurenpaar aus Nigeria, die Wachsfigur einer stillenden Gemüsehändlerin aus Mexiko. Und eine Monstranz der indischen Göttin Durga, die auf einem Löwen reitend Dämonen bezwingt. Auf den Schildern daneben: die Namen der Stifter.

Bis vor Kurzem lag das alles noch verstreut im Depot, zwischen über hunderttausend anderen Objekten, manche hat seit anderthalb Jahrhunderten kein Besucher mehr zu Gesicht bekommen. Ein mühsames Unterfangen, die Exponate zusammenzutragen. Die Systematik, nach der die Objekte einsortiert sind, hat sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder geändert, und die Objekte selbst verbindet nur eines: Sie stehen in einem Katalog von 1867 – zu der Sammlung, aus der später jenes Museum entstanden ist, das bis vor ein paar Tagen Museum für Völkerkunde hieß.

Es ist die erste große Sonderausstellung, seit Barbara Plankensteiner vor anderthalb Jahren die Leitung des Hauses übernommen hat. Auf ihrer Agenda stehen auch rein praktische Sorgen der Museumsarbeit: Das Haus hat keinen barrierefreien Zugang, keinen Besucheraufzug, keinen Museumsshop; der historische Eingangsbereich macht es nicht leicht, größere Besuchergruppen zu empfangen. Vor allem aber hat Plankensteiner der Institution inhaltlich einen Perspektivwechsel verordnet: Nicht mehr allein auf sogenannte fremde Völker soll der Blick des Museums fallen, sondern auch und insbesondere auf sich selbst. Das Haus bekommt einen neuen Namen, dessen Abkürzung zugleich das Logo des Museums sein wird – der exotisch anmutende Kopf, der bisher fasziniert auf einen sich drehenden Globus schaute, soll verschwinden. Stattdessen lautet der Slogan jetzt: "Geht ins MARKK" – die Abkürzung steht für Museum am Rothenbaum, mit der Unterzeile: "Kulturen und Künste der Welt".

Die Gründe für die Umbenennung sind keine, mit denen man sich als Museum schmücken will. Fragt man Barbara Plankensteiner danach, antwortet sie diplomatisch: Der Begriff Völkerkunde klinge verstaubt und rückwärtsgewandt und beziehe sich auf ein Fach, das es in dieser Form nicht mehr gebe. Ein fremdes Volk als Ganzes und in sich Abgeschlossenes zu beschreiben und im Museum zu präsentieren, wie es über Jahrzehnte üblich war, bezeichnet Plankensteiner aus heutiger Sicht als einigermaßen absurd – mit den Objekten im Hamburger Depot sei dies, selbst wenn man es wollte, auch gar nicht möglich. Genau das fand im Prachtbau an der Rothenbaumchaussee aber über Jahrzehnte hin statt. Wer hierherkam, wurde gelockt mit einer Reise um die Welt, anhand von Objekten, die mehr oder weniger zufällig in Hamburg gelandet sind, jedoch: mit Anspruch auf Vollständigkeit.

Plankensteiner will darüber nicht mehr reden. Lieber spricht sie über die Geschichte des Hauses und der Sammlungen, über die Art und Weise, wie die Sammlungen mit Hamburg zusammenhängen, und darüber, welche Bilder die Artefakte in den Köpfen der Besucher erzeugt haben mögen und welche Stereotype so entstanden sein könnten. Sie möchte das Haus zu einem Forum für Fragen der Stadtgesellschaft machen, einer postmigrantischen Stadtgesellschaft, wohlgemerkt. Es soll ein Haus werden, das in der Gegenwart für die Gegenwart arbeitet.

Dem Kolonialismus verdankt Hamburg viel Wohlstand

Unter dem Namen Völkerkundemuseum tue man sich schwer, Förderer und Sponsoren zu finden, sagt Barbara Plankensteiner – ganz zu schweigen von internationalen Wissenschaftlern, die zu Kooperationen bereit sind. Das Problem teilten alle Völkerkundemuseen in Europa. So kommt es, dass Hamburg bei der Umbenennung beinahe Schlusslicht ist: Das einstige Völkerkundemuseum in Frankfurt heißt seit 2001 Weltkulturenmuseum. Das Haus in München wurde in Museum Fünf Kontinente umbenannt. Das Haus in Berlin in Ethnologisches Museum, das Haus in Wien, an dem Barbara Plankensteiner 15 Jahre lang tätig war, bevor sie 2015 für zwei Jahre an die Kunstgalerie der Yale University wechselte, heißt seit 2013 Weltmuseum.

Es ist aber nicht nur der Blick auf andere Städte, der das Hamburger Museum zur Umbenennung veranlasste. Sondern die Art und Weise, wie die Stadt Hamburg viele Jahrzehnte lang auf die Welt schaute: Die Hansestadt gilt mit einigem Recht als deutsche Hauptstadt des Kolonialismus. Es ist diese Zeit, der Hamburg seinen Wohlstand verdankt. Von hier aus legten die Schiffe nach Afrika, Asien und Südamerika ab, hier saßen und sitzen bis heute die Reedereien und Handelshäuser, die mit Zucker, Kaffee, Kakao und anderen Rohstoffen handelten und Hamburg zur Wirtschaftsmetropole machten.