Daniel Kehlmann hielt die hier veröffentlichte Rede am 9. September zur Eröffnung des Internationalen Brucknerfestes in Linz. Von den Veranstaltern war er gebeten worden, über das Thema "Tradition" zu referieren. Er nahm dies zum Anlass, auch über das Schicksal seines Vaters Michael Kehlmann zu sprechen, der im "Dritten Reich" im von Linz nicht weit entfernten Lager Maria Lanzendorf, einem Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, gefangen gehalten worden war und es, anders als der Großteil seiner Familie, überlebte.

Was heißt Tradition? Das schreckliche 20. Jahrhundert, das "Zeitalter der Wölfe", wie Ossip Mandelstam es nannte, bevor er ihm selbst zum Opfer fiel, hat uns beigebracht, zur Kultur fast reflexhaft auch die Barbarei hinzuzudenken. Manchmal entsteht aus dieser Konfrontation schon wieder eine eigene Art Folklore. Es ist jetzt 18 Jahre her. Ein Freund von mir hatte Karten geschenkt bekommen, wir waren neugierig, und so fuhren wir nach Mauthausen. Ein paar der Anwesenden werden sich vielleicht noch erinnern: Eine Gruppe wohlmeinender Leute – ich verwende das Wort ohne ironischen Beiklang, denn sie meinten tatsächlich wohl, und das ist nicht wenig –, eine Gruppe wohlmeinender Leute also hatte beschlossen, im Lager Mauthausen ein Gedenkkonzert abzuhalten. Die Wiener Philharmoniker sollten spielen, und zwar – denn wo das Grauen am größten gewesen war, wollte man auch, die Waage im Gleichgewicht haltend, zum höchsten Kulturgut greifen – Beethovens Neunte.

Wir kamen mit dem Auto aus Wien, hielten auf einem der vorgesehenen Parkplätze und ließen uns von den das Publikum zu vorsichtigem Treppensteigen ermahnenden Ordnern in den Steinbruch lotsen. Und dort standen wir also. Weit weg von der Bühne, auf der nach einigen Reden die Wiener Philharmoniker zu spielen begannen. Sie spielten so gut, wie die Wiener Philharmoniker eben spielen, nämlich sehr, sehr gut, und Beethovens Musik war so prachtvoll, wie Beethovens Musik nun mal ist; und unterdessen wurde es dunkel – ein wolkenloser Frühlingssonnenuntergang ereignete sich aufs Theatralischste. Enorm leistungsfähige Lautsprecher lieferten erstklassigen Ton, und da die Firma, die die elektrischen Anlagen bereitgestellt hatte, offenbar ihr volles Angebot an Leistungen bieten wollte, gab es auch eine auf die Musik abgestimmte Farbbeleuchtung der Steinbruchwand: von Dunkelrot zu Violett zu Blau zu Türkis; so war es nun mal bei Freiluftkonzerten üblich, und offenbar hatte niemand Anweisung gegeben, es in diesem Fall doch lieber anders zu halten.

Am faszinierendsten aber waren die Vögel. Ich hatte noch nie eine klassische Sinfonie unter freiem Himmel dargeboten gehört, und so war ich in keiner Weise darauf vorbereitet, wie die Singvögel in der Stille zwischen den Sätzen Motive, die wir gerade gehört hatten, wiederholten – eine Antwort des Frühlings, der Natur, des quellenden Lebens auf Beethovens Kunst.

Bezaubernd war das. Aber natürlich wusste man nicht recht, ob man überhaupt das Recht hatte, derlei wahrzunehmen – ob man, alles in allem, überhaupt davon bezaubert sein durfte. Und dazu kam noch etwas. Wo so viele Menschen zusammenstehen, da braucht man natürlich einen Sicherheitsdienst. Ich weiß nicht mehr, ob die eingesetzten Wächter einer privaten Firma angehörten oder ob es Polizisten waren, aber ich weiß noch genau, dass sie sich, um ihre Aufgabe besser erfüllen zu können, der zu diesem Zweck passenderweise schon vorhandenen Infrastruktur bedienten.

Verstehen Sie, was ich meine? Ich meine, dass sie auf den Wachttürmen standen. Während es also dunkel wurde, während Beethovens Chöre jubelnd in die Nacht stiegen und während die Wand des Steinbruchs in wechselnden Farben erstrahlte, konnte man sehen, wie sich droben auf den Türmen schemenhaft die Silhouetten reglos stehender Männer in ... nun ja, eben in Wächter-Pose abzeichneten.

Als die Sinfonie zu Ende kam, war es Nacht. Die Wächter droben waren nicht mehr zu sehen. Ich fühlte mich erhoben und glücklich. Beethovens Neunte, noch dazu gespielt von einem der besten Orchester, hat nun mal diesen Effekt. Zugleich wusste ich natürlich, dass das nicht vorgesehen war; ich sollte mich nicht erhoben fühlen, nicht glücklich, sondern ... ja, wie eigentlich? Ich konnte sehen, dass es den Umstehenden ähnlich ging. Man war verwirrt. Noch mehr als verwirrt allerdings war man dann doch erhoben und glücklich. Dagegen war nichts zu machen, denn es war Beethovens Neunte, da geht es nicht anders. Und so erklangen die letzten Akkorde, und dann herrschte Stille – womöglich, ich erinnere mich nicht mehr, war man zu Beginn ausdrücklich aufgefordert worden, nicht zu applaudieren. Und genau in diesem ebenso euphorischen wie verunsichernden und sich jetzt bereits schon etwas zu lange ausdehnenden Augenblick der Stille trat eine der berühmtesten Schauspielerinnen des Landes auf die Bühne und sagte mit scharfer Stimme in ein Mikrofon: "Niemals vergessen!" Dann wiederholte sie aus irgendeinem Grund auf Englisch: "Never forget!" Und ging wieder ab.

Wir alle brauchten eine Weile, um zu begreifen, dass es nun zu Ende war. Nichts würde mehr kommen. Die Gedenkveranstaltung war vorbei. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte, sah man, dass die Philharmoniker den Ort schon verlassen hatten. Und so gingen wir auch.

Jedenfalls versuchten wir es. Aber so leicht war das nicht. Jeder, der schon einmal als einer unter Tausenden ein Freiluftkonzert besucht hat, kennt diese Situation: Man kommt nicht gleich hinaus. Es dauert, bis so eine Menge sich zerstreut. In diesem Fall aber dauerte es länger als üblich. Deutlich länger. Fünfzehn Minuten vergingen, zwanzig, dreißig. Und schon waren es fünfundvierzig, und wir standen immer noch am gleichen Ort, und die Menge um uns war kaum weniger dicht geworden.

Allmählich wurde ich ärgerlich. Gedenken hin oder her, wir alle wurden ärgerlich. Auch das lässt sich schwer unterdrücken, es ist eine Reaktion, die einen ebenso zuverlässig überkommt wie die Erhabenheit bei "Freude, schöner Götterfunken" – wenn es spät ist und man heimgehen will und alles zu langsam geht, dann ärgert man sich. "Wieso ist denn das so dumm organisiert?", dachte ich – oder vielleicht, blamablerweise, sagte ich es sogar laut: "Wieso kommt man hier nicht weg?"

Ja, und dann begriff ich, warum man nicht wegkam.