Vom obersten Stockwerk eines Hochhauses wirkt selbst der Moloch Lagos schön, zumindest fast. Während sich die Autofahrer unten durch die verstopften Straßen zwängen, weht hier oben ein sanfter Wind die Schwüle des Tages davon. Auf der mit Kunstrasen begrünten Dachterrasse des Start-ups Andela hat der Feierabend begonnen. Das junge Unternehmen stellt Programmierteams zusammen, die für Konzerne auf der ganzen Welt arbeiten. Zu den Kunden gehören der amerikanische Softwareentwickler GitHub, das Kreditkartenunternehmen Mastercard oder der US-Medienkonzern Viacom. Hier oben geht es jetzt entspannt zu. Einige Mitarbeiter vergnügen sich mit Videospielen, andere sitzen rum und trinken Bier. Nadayar Enegesi, Mitgründer von Andela, schaut zufrieden und sagt: "Fast wie im Silicon Valley, nicht wahr?"

Die Tech-Welt hat Nigeria erreicht, und auch sonst geht es in Afrikas bevölkerungsreichstem Land wirtschaftlich aufwärts. Nach Jahren des Abschwungs lag das Wachstum im vergangenen Jahr immerhin bei fast einem Prozent. Das weckt das Interesse ausländischer Investoren aus aller Welt, auch aus Deutschland.

Erst vorvergangene Woche reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel drei Tage durch Westafrika, traf Staatsoberhäupter und Unternehmer, auch in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Mit dabei war eine hochkarätig besetzte Wirtschaftsdelegation: der Siemens-Chef Joe Kaeser und viele Mittelständler aus der Energie-, Infrastruktur- und Lebensmittelbranche. Die Kanzlerin nutzte fernab der Heimat die Gelegenheit für einen Appell: Deutsche Unternehmen sollten mehr Vertrauen in afrikanische Länder haben und sich trauen, mehr auf dem Kontinent zu investieren.

Vor allem Nigeria bietet dafür gigantische Chancen. Rund 186 Millionen Menschen leben in dem westafrikanischen Land, jeder zweite davon ist jünger als 30 Jahre. Eine Menge potenzieller Arbeitskräfte also. Oder wie Merkel es formulierte: "Ich habe gesehen, dass es eine Jugend gibt, die fordernd ist, die möchte, dass sie eine Zukunft im eigenen Land hat."

Keine Frage: Dass die Kanzlerin ausgerechnet jetzt den vergessenen Kontinent als Ort der Chancen entdeckt, hat auch mit der deutschen Innenpolitik zu tun. Neben den wirtschaftlichen Beziehungen stand ein weiteres Thema auf der Agenda ihrer Reise: die Migration und Bekämpfung von Fluchtursachen. Denn für die meisten Nigerianer sind Orte wie die Dachterrasse des Start-ups Andela ebenso unerreichbar wie das kalifornische Palo Alto. Die Schulbildung vieler ist mangelhaft, die Arbeitslosigkeit hoch. Dazu kommen brutale Landkonflikte und der Terror der islamistischen Boko Haram. Die Flucht ist für immer mehr Menschen der letzte Ausweg: Knapp 40.000 Nigerianer haben im vergangenen Jahr in der EU Asyl beantragt – fast viermal so viele wie noch 2013. In Deutschland machen sie nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge inzwischen knapp 6,5 Prozent der Asylbewerber aus.

Das will der Mitgründer von Andela, Nadayar Enegesi, ändern. Er glaubt, dass es derzeit keinen besseren Ort gibt, um Unternehmer zu werden, als Lagos, Nigerias größte Stadt. "Die jungen Menschen hier sind hungrig auf Erfolg", sagt er. Der 27-Jährige trägt ein weißes T-Shirt, das über seinen durchtrainierten Oberarmen spannt. Seinem Englisch ist anzuhören, dass er mehrere Jahre in Kanada studiert hat. Im Frühjahr 2014 hat Enegesi mit fünf Kollegen sein Unternehmen gegründet; inzwischen beschäftigen sie rund 1000 Programmierer. Bis 2024 sollen es eine Million werden. "Wir wollen jedem, der smart ist, eine Chance geben – egal aus welchen Verhältnissen er kommt."

Enegesi verlässt die Dachterrasse in Richtung Kantine, eines Raumes mit bunten Kunststoffmöbeln. Selbst nach Feierabend hacken hier noch einige in die Tasten ihrer Laptops. Bei Andela zu arbeiten gilt als Ehre – weniger als einer von hundert Bewerbern schafft es, sich durchzusetzen. Sie bekommen ein halbes Jahr lang recht wenig Geld, aber einen Laptop und IT-Training. Danach steigt das Gehalt, sie arbeiten dann als Programmierer für Kunden aus der ganzen Welt. Seit der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor zwei Jahren 24 Millionen US-Dollar in Andela investiert hat, wird das Start-up von Bewerbungen überschwemmt. Ende vergangenen Jahres wurden weitere 40 Millionen Dollar Wagniskapital eingeholt.

Der rasante Aufstieg von Andela ist beispielhaft für die Entwicklung der nigerianischen Tech-Szene. Binnen weniger Jahre sind dort rund 700 Jungunternehmen entstanden, schätzt das Branchennetzwerk Startup Genome. Und obwohl das nur etwa halb so viele sind wie im südafrikanischen Kapstadt, erhalten die nigerianischen Gründer deutlich mehr Investorengelder.