Da wollten Sie nie hin? Jetzt sind Sie nun mal da. Unsere Autorin nimmt Sie zwei Stunden lang an die Hand. Sie entdecken: Esel mit Schultüten. © Monja Gentschow für DIE ZEIT

Es gibt drei Autobahnkreuze, deren Abfahrten nach Unna führen. Die kennen Sie sicher bereits aus den Staumeldungen im Radio. Für den ersten Besuch sollten Sie darauf achten, über die A 44 zu fahren, eventuell sogar ein Stück über die B 1. Sie werden dann verstehen, warum die Leute im Ruhrgebiet so direkt sind: Wer viele Stunden auf solchen Straßen zubringt, hat einfach keine Zeit für Höflichkeit.

Parken können Sie in der Massener Straße oder hinterm Kino. Ja, es gibt ein Kino, wenigstens ein kleines, das Filmcenter Unna. Nachmittags läuft da allerdings nur Disney. Aber sehen Sie gegenüber diesen Bau, den man vor 30 Jahren wohl für futuristisch hielt? Das ist, Trommelwirbel, das einzige Zentrum für internationale Lichtkunst – weltweit.

Denn Unna ist die Stadt der Lichtkunst. Lichtkunst ist alles, was wir haben. Als die Industrie aus dem Pott verschwand, hat Dortmund den Fußball bekommen, Bochum seine Uni – für Unna blieb Lichtkunst übrig. Man kann das belächeln, aber das Museum ist wirklich toll. Und unterirdisch, weil Lichtkunst logischerweise nur im Dunkeln funktioniert. Sie machen also eine Führung.

Danach stolpern Sie zurück ans Tageslicht in Richtung Marktplatz. Hier stehen die prunkvollsten Häuser der Stadt – Fachwerk, Gründerzeit, Fünfzigerjahre, alles mit dabei. Das allerschönste und größte Haus auf dem Marktplatz war mal Rathaus, danach Bibliothek. Heute ist es ein Café Extrablatt. In zehn Jahren zieht dann vielleicht der vierte Ein-Euro-Shop ein.

Auf den Marktplatz sind die Unneraner so stolz, dass die Lokalzeitung ihn livestreamt. Verzichten Sie also darauf, hier Ihren Partner zu betrügen. Holen Sie sich lieber in der Kuh-Bar ein Eis, und verweilen Sie ein paar Minuten auf den Stufen des Brunnens, in dessen Mitte eine Eselsstatue steht. Der Esel ist Unnas Wappentier, weil die Esel früher beim Transport von Salz aus der örtlichen Saline geholfen haben. Und weil sie genauso störrisch sind wie die Unneraner. Setzen Sie sich gerne für ein Erinnerungsfoto auf den Esel, das stört niemanden. Jedes Kind, das in Unna eingeschult wird, hat ein Foto von sich mit Schultüte auf diesem Esel.

Genug verweilt – Sie schlendern nun die Bahnhofstraße hinunter. Es wird ab jetzt viel bergab gehen, denn der Marktplatz ist der höchste Punkt der Stadt. Sobald Sie die recht unspektakuläre Stadtkirche sehen, halten Sie sich rechts und folgen den winzigen Fachwerkhäusern, die um die Kirche herum stehen. Viele sind es nicht, aber in Unna reichen schon zehn Häuser, um ein Viertel auszurufen. In diesem Fall das Nikolaiviertel, bekannt für Mittelalter-Flair und hohe Kneipendichte.

Gehen Sie weiter, bis Sie zum Königsborner Tor kommen, das in Wahrheit nichts als eine Bahnhofsunterführung ist. Ein Stück weiter gibt es den besten Döner der Stadt, beim Döner Express. Es ist wichtig, dass Sie hier essen. Sie werden die Stärkung für die Gefilde brauchen, in die Sie nun vordringen. Der Döner Express ist nämlich das eigentliche Tor zu Königsborn. Und Königsborn ist ein Stadtteil, in dem man schon mal unangenehme Menschen mit seiner Knofi-Fahne abwehren muss.

Hier war früher die Saline, die der Stadt den Wohlstand brachte – heute sieht man davon nichts mehr. Königsborn ist damit für Unna das, was das Ruhrgebiet einst für Deutschland war. Je weiter Sie die Platanenallee bergab gehen, desto hässlicher und plattenbauiger wird die Landschaft. Zu Ihrer Linken sehen Sie irgendwann den Kurpark. Der Kurpark ist der Central Park von Unna, und er teilt Königsborn in Arm und Reich, in Bolzplatz auf der einen und Tennisplatz auf der anderen Seite. Wie Sie sehen, befinden Sie sich auf der Bolzplatzseite.

Nach einer Viertelstunde Fußweg erscheint Ihnen der Königsborner Bahnhof: Hier fährt die S-Bahn nach Dortmund. Wenn Sie jemanden fragen, warum er gern in Unna lebt, wird er sagen: weil hier die S-Bahn nach Dortmund fährt. Aber fragen Sie lieber nicht. Sie stinken noch nach Knofi.