DIE ZEIT: Sie haben gerade die erste Online-Kunstauktion abgehalten, die auf der Blockchain-Technologie basiert, also der Technik hinter Kryptowährungen wie Bitcoin. Was soll das bringen?

Marcelo García Casil: Wir wollen den Einstieg von Investoren in den Kunstmarkt erleichtern. Bisher waren Riesensummen und ein ziemlicher Aufwand nötig, um sich Anteile an Kunstwerken zu kaufen. Weil Blockchain die mit dem Handel verbundenen Kosten drastisch senken kann, startet das Investment jetzt mit 5000 Dollar. Die Abwicklung des Verkaufs benötigte keine Bank, keinen Notar, sondern lief automatisch – und preiswert.

Marcelo García Casil, Kunstunternehmer © Maecenas

ZEIT: So attraktiv scheint das nicht gewesen zu sein: In der ersten Auktion haben Sie die Serie 14 Small Electric Chairs von Andy Warhol angeboten, aber nur 31,5 Prozent davon verkaufen können und gerade einmal den entsprechenden Anteil am Schätzpreis von 5,6 Millionen Dollar erzielt. Es gab nur 34 erfolgreiche Gebote.

García Casil: Das reicht uns aber auch. Wir hatten bis zu 49 Prozent verkaufen wollen und 100 Bieter zugelassen. Dies ist unsere erste derartige Auktion, und da stand im Vordergrund, dass alles funktioniert und wir beweisen können, dass derartige Versteigerungen eine Zukunft haben. Das ist uns gelungen. Wir hatten lediglich bei der Registrierung ganz zu Anfang Schwierigkeiten, zum Beispiel mit Umlauten von Namen, das ließ sich aber lösen. Die neuen Anteilseigner haben jeweils im Gegenwert von 5000 bis über 140.000 Dollar investiert.

ZEIT: Wer sind diese Leute?

García Casil: Wir haben bei dieser Auktion nur Privatpersonen zugelassen, sie kamen aus Asien und Europa. Unter den Käufern waren auch Kryptoenthusiasten und Kunstexperten.

ZEIT: Bei der Warhol-Auktion konnte nur mit den Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum bezahlt werden. Diese schwanken aber stark im Wert: Der Gegenwert von 5000 Dollar am Tag des Gebots kann drei Tage später schon viel höher oder niedriger ausfallen.

García Casil: Das stimmt. Wir haben deshalb die Regel eingeführt, dass der Wert von Kryptowährungen im Moment des Gebots sozusagen eingefroren wird. Dann wissen Käufer und Verkäufer, was der Gegenwert in US-Dollar ist.

Kunst als Beimischung in ein diversifiziertes Portfolio

ZEIT: Nur sehr wenige Menschen besitzen Kryptowährungen. Limitiert das nicht für Sie den Kreis möglicher Investoren unglaublich stark?

García Casil: Natürlich hat bisher nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung Kryptos gekauft. Unter denen, die für neue Investmentarten aufgeschlossen sind, dürften es aber relativ viele sein. Und genau die sind unsere Kernzielgruppe.

ZEIT: Zu Hause aufhängen kann man die paar Quadratzentimeter, die dem Anteil am Werk entsprechen, nicht. Es geht also vor allem um ein Investment?

García Casil: Genau. Kunst ist gut geeignet als Beimischung in ein diversifiziertes Portfolio, zu dem natürlich vor allem Aktien und Anleihen gehören. Kunstwerke schwanken im Wert ganz anders als Aktien und können das Risiko eines Portfolios damit mindern. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass fünf bis zehn Prozent des Portfolios in Kunst anzulegen Sinn ergibt. Bei uns ist das so simpel wie ein Aktienkauf.

ZEIT: Der theoretische Wert einer Aktie ergibt sich auch aus den zukünftigen Dividenden, die die Firmen aus ihren Gewinnen bestreiten. Mit welchen Auszahlungen kann rechnen, wer sich über Ihre Firma Maecenas an einem berühmten Kunstwerk beteiligt?

García Casil: Wenn Arbeiten kommerziell – also gegen Geld – verliehen werden, stehen diese Einnahmen den Anteilseignern zur Verfügung. Aber das wird, gemessen am Investment, in der Höhe nicht mit einer Dividende zu vergleichen sein. Die Wertsteigerung kommt durch zunehmendes Interesse an dem Werk als solchem und die damit verbundene Preissteigerung.

ZEIT: Dafür müssen Anteilseigner wieder verkaufen. Wie geht das?

García Casil: Dafür erschaffen wir eine separate Plattform, die den Handel ähnlich einfach machen soll wie über die Börse. Die Blockchain-Technik hilft dabei. Es sei aber gesagt, dass es nicht um den ganz schnellen großen Gewinn geht – es ist ein Investment, und Anleger sollten schon Zeit mitbringen.

ZEIT: Auktionshäuser verlangen von Käufern und Verkäufern Gebühren im zweistelligen Prozentbereich. Wenn ich für 5000 Euro Aktien kaufe, liegen die Kosten hingegen unter einem Prozent. Wie sieht das bei Maecenas aus?

García Casil: Wir liegen deutlich näher beim Aktienhandel. Unser Ziel ist, dass der Käufer ein Prozent zahlt, bei der aktuellen Auktion waren es noch zwei Prozent, und der Verkäufer zahlte sechs Prozent.

Nur Arbeiten sehr etablierter Künstler

ZEIT: Anders als Aktien müssen Kunstwerke gelagert und versichert werden. Wer kommt dafür auf?

García Casil: Der Warhol gehört einer Aktiengesellschaft, an der der bisherige Besitzer 51 Prozent der Anteile hält. Diese Kosten trägt er ganz allein.

ZEIT: Bestimmt er auch, was mit dem Werk passiert?

García Casil: Auch die neuen Anteilseigner haben Stimmrechte und können ein Veto einlegen, wenn der Haupteigner das Kunstwerk für weniger als den aktuellen Schätzpreis verkaufen möchte. Wenn der Verkaufspreis jedoch bei mindestens 120 Prozent des letzten Schätzpreises liegt, benötigt der Haupteigner keine Zustimmung von den Anteilseignern.

ZEIT: Der Warhol, den Sie jetzt verkauft haben, ist vor zwei Jahren schon einmal beim Auktionshaus Bonhams angeboten worden, fand aber keinen Käufer. Davon haben Sie auf Ihrer Website nichts erzählt - um die Investoren nicht zu beunruhigen?

García Casil: Wir haben diese Tatsache aber auch nicht verschwiegen, in Interviews habe ich darüber gesprochen. Ich glaube, dass das gar kein Argument gegen das Werk oder unsere Idee ist, sondern eher dafür. Solche Arbeiten können eben leichter einen Käufer finden, wenn ein paar Tausend Dollar oder Euro ausreichen, um sich einen kleinen Anteil zu sichern.

ZEIT: Mit Feral Horses und Tend gibt es weitere Anbieter, die es ermöglichen, kleinere Anteile an Kunstwerken zu kaufen. Wodurch unterscheiden sie sich von Ihrem Angebot?

García Casil: Erst mal nutzen die keine Blockchain und Kryptowährung. Und soweit ich weiß, setzen sie eher auf unbekanntere Künstler, die vielleicht einmal groß rauskommen werden. Da läge dann der Gewinn. Das bedeutet, dass die einzelnen Arbeiten erheblich preiswerter sind und man natürlich leichter große Anteile kaufen kann. Wir hingegen wollen nur Arbeiten sehr etablierter Künstler handeln. Der Preis eines Werkes sollte bei mindestens einer Million Dollar liegen. Das ist ein anderer Zugang.

ZEIT: Was wird als Nächstes versteigert?

García Casil: Wir reden derzeit mit einigen potenziellen Verkäufern und werden in den kommenden Monaten weitere Auktionen abhalten. Besitzer von bestimmten Kunstwerken großer Künstler werden wir auch gezielt ansprechen.

ZEIT: Wie sieht es mit dem Verkauf von Werken aus, die frisch aus dem Studio kommen? Wäre nicht Damien Hirst, der vor zehn Jahren 200 Arbeiten direkt über Sotheby’s verkaufte, perfekt für Sie?

García Casil: Das wäre wahrhaftig hervorragend.