Keine Ahnung, warum ich mich kürzlich ausgerechnet in jenes Café bei uns setzte, das mir am wenigsten gefällt. Ein kleiner, enger Laden für Kaffee-Gourmets, in dem man schon beim Bestellen Angst kriegt, irgendwas Falsches zu sagen, zum Beispiel, dass man gerne Milch für seinen Filterkaffee hätte. In diesem Lokal empfindet man das als Akt der Barbarei.

Mit dem Kaffee kam ein kleines Kärtchen, auf dem stand, in welchem Teil Guatemalas die Kaffeebohnen gewachsen seien, wie die hießen und wonach sie schmeckten, und die junge Dame hinter dem Tresen riet mir, ein wenig mit dem Trinken zu warten, damit sich der ganze Geschmack entfalten und ich ihn versonnen lächelnd genießen könne wie die Gräfin Pfuel aus der Gala-Kaffee-Werbung.

Was für ein Scheiß. Aber so läuft das inzwischen, man kann sich vielleicht keine Wohnung mehr leisten, aber ein exzellenter Kaffee ist mit Prekariat stets vereinbar, Mikro-Luxus statt Makro-Stabilität. Man weiß nicht mehr so genau, was los ist in der Welt, in der Politik oder in der Philosophie, aber man kennt sich mit den Mini-Plantagen einiger ambitionierter Kaffeebauern in Lateinamerika aus oder mit Naben für Fixie-Fahrräder oder contemporary art, nur bleibt solches Wissen halt, wie sagt der Apostel so schön, Stückwerk und deshalb unfruchtbar für jeden Bereich außerhalb seiner selbst. Und so irrt man blind durch die Welt, bis man in Brooklyn aus der U-Bahn stolpert, dort aber immerhin galant seinen drip coffee bestellen kann.

Während ich wartete, bis mein Kaffee sich entfaltet hatte, griff ich nach einer herumliegenden Zeitschrift, sie hieß Sleek Magazine, kostete zehn Euro und beklagte im Editorial, dass die Welt der Kunst und Kultur vornehmlich weiß, männlich und privilegiert sei. Das Magazin bot daher Interviews und Fotostrecken mit unterprivilegierten Nichtweißen auf, Höhepunkt war eine sehr schöne Bilderstrecke von Transgender-Frauen aus Havanna, Kuba, die ihrer totalen Marginalisiertheit und Armut mit Stolz und Anmut trotzten.

Dieses Magazin hat mich wütend gemacht. Das war schon ein seltsamer Kontrast zwischen den beworbenen Luxus-Marken und dem Lamento, das sich durch die Zeitschrift zog. Es wurde am Ende sehr deutlich, dass sich das Blatt eben nicht an die Marginalisierten, sondern an jene weiße, privilegierte Schicht richtete, deren Dominanz es beklagte (es sei denn, mir entgeht, dass man am untersten Ende der kubanischen Gesellschaft Uhren von Audemars Piguet und Prada-Pumps trägt). Es ging nämlich gar nicht darum, etwas an den Existenzumständen der kubanischen Transgender-Leute zu ändern, sondern darum, den Lesern das angenehme Gefühl zu geben, dass sie nach wie vor connected sind mit den gesellschaftlichen Rändern.

Es ist sicher unerlässlich, dass der weiße, männliche Blick auf die Welt gebrochen wird. Das Magazin aber beschränkte sich am Ende auf den Traum von einer Gesellschaft, in der jeder Marktteilnehmer die gleichen Chancen kriegt, unabhängig von Herkunft und sexueller Orientierung. Ist diese theoretische Chancengleichheit geschaffen, muss jeder allein sehen, wo er bleibt – zwischen Ghetto und Gucci. Wir leben ja nicht im Sozialismus.

So ein Blick auf das Individuum verstellt den Blick auf die Ökonomie. In Chemnitz, wo sich das Knirschen einer auseinanderbrechenden Gesellschaft zeigt, wehten am Montag auf der #wirsindmehr-Veranstaltung keine roten Fahnen, aber die LGBTQ-Flagge. Der Fokus auf die Rechte der Einzelnen lässt die fortschreitende Unterteilung der Welt in Haves und Have-nots verschwimmen. Identity politics wirken wie ein Sedativ des Establishments. Und auch das Magazin erklärte mir: Du darfst gern zu Cartier, nur sprich doch vorher ein schmales Gebet für den Mann in Kuba, der lieber eine Frau wäre. Das ist, finde ich, zu wenig.