Wie in jedem Leben gibt es auch im Leben des Rainer Moritz einen Punkt, an dem es fast ein ganz anderes geworden wäre. Fast wäre Rainer Moritz nämlich Kulturamtsleiter des Landkreises Waldshut-Tiengen im Südschwarzwald geworden. Es war ein schweres Jahr, 1987, Promotion abgeschlossen, über Lenz (nicht Siegfried, sondern Hermann), ein kleines Kind, keine Arbeit in Sicht, Geld musste her. Ein Freund von ihm, der Assyriologie studiert hatte, ging zur Computerfirma Oracle, ist bis heute dort, verdient "gutes Geld", für Moritz wäre das ein "Bild des Schreckens" gewesen. Also bewarb er sich auf alles Mögliche. Volkshochschulleiter im Nordschwarzwald und eben Kulturamtsleiter des Landkreises Waldshut-Tiengen. Von 265 Mitbewerbern waren noch sechs übrig, Moritz war mit 30 Jahren der jüngste. Um 11 Uhr lud der Landrat zum Mittagessen, um 14 Uhr musste jeder Bewerber in einer öffentlichen Kreistagssitzung zehn Minuten lang darlegen, warum er prädestiniert für den Job sei. Hinterher erfuhr Moritz, dass der Kandidat, der das Rennen gemacht hatte, mit einer CDU-Abgeordneten verheiratet war. Die CDU hatte im Kreistag die Mehrheit, Moritz selbst sah sich als Linker.

Liegt da immer noch ein Hauch von Ärger in seiner Stimme? Moritz erzählt diese Geschichte in seinem großen, unordentlichen Büro mit Blick auf die Alster, und man ist erstaunt über die Genauigkeit seiner Erinnerungen und über die Geschmeidigkeit und Geschwindigkeit, mit der er das Satzglied "Kulturamtsleiter des Landkreises Waldshut-Tiengen im Südschwarzwald" in voller Länge über die Lippen bringt. Einmal im Jahr, sagt Moritz, googelt er den Namen des damaligen Rivalen, und, ha, er ist immer noch im Amt. Seit 30 Jahren! Moritz lacht. Es ist ein schwer einzuordnendes Lachen. Schwer zu sagen, ob er froh ist oder doch ein Hauch Wehmut darin liegt. Wer weiß – vielleicht wäre der Rainer Moritz als Kulturamtsleiter ein noch glücklicherer Moritz geworden. Es kam anders, Moritz wurde Verleger, Autor und dann Chef des Hamburger Literaturhauses. Raus aus der Provinz, rein in die Großstadt. Er wurde das, was man einen Tausendsassa nennt; manche, befragt nach der Bedeutung Moritz’ für den Hamburger Literaturbetrieb, versteigen sich sogar zu der Behauptung, Moritz sei der Hamburger Literaturbetrieb. Was entweder Moritz sehr groß oder den Hamburger Literaturbetrieb sehr klein macht oder beides. Und da jede Stadt den Literaturhauschef bekommt, den sie verdient, stellt sich nach 14 Jahren unter Moritzscher Regentschaft die Frage: Wer ist dieser Mann, bei dem man nie weiß, ob man sich schnell mit Ohrenschützern unter den Tisch setzen soll, wenn er die Bühne betritt, oder ob man dann nicht doch etwas zu hoch auf dem eigenen Ross sitzt?

Dafür muss man sich alle Facetten des Rainer Moritz ansehen, sonst wird man ihm nicht gerecht. Man muss versuchen, ihn zu fassen zu kriegen, bevor er schon wieder weg ist.

Der Verleger

Wenn man verstehen möchte, was Literatur für Rainer Moritz bedeutet und was es für ihn heißt, Literatur mit dem Leser zu verbinden, hilft ein Blick auf seine verlegerischen Anfänge. Als Lektor ist es seine Aufgabe gewesen, Bücher und Autoren zu entdecken, also jemand anderem auf die Bühne zu helfen. Das tat er erst in einem kleinen Wissenschaftsverlag in Tübingen, dann folgte der Wechsel zum größeren Erich Schmidt Verlag nach Berlin. Den Umzug dorthin verbindet Moritz vor allem damit, dass er auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch in der Nähe des Tiergartens über ein Kondom, "gebraucht!", hinwegsteigen musste. In Tübingen ist ihm so etwas nie begegnet. "Das war schon lehrreich." Dann rief ihn ein Publikumsverlag, Reclam in Leipzig. Nur gab es kein Geld, große Autoren zu kaufen, also musste man auf die Knie gehen und in den Stapeln unverlangt eingesandter Manuskripte suchen. Um sich gegen die seiner Meinung nach verstaubte Hochkulturverehrung der Kollegen durchzusetzen, die Klassiker und die Judaika bevorzugten, zog er eines heraus, Sibylle Berg, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Moritz ist sich sicher, dass vor allem das "scheußliche Manuskript" mit den Tausenden Fehlern der Grund war, warum kein anderer Verlag zugeschlagen hatte, "die haben es vermutlich nicht mal richtig angeschaut". Moritz stört so etwas nicht, das Buch wurde ein großer Erfolg.

Der zweite Erfolg ist ebenfalls ein eingesandtes Manuskript, von einer promovierten Historikerin, ein, damals noch problemlos so genannter, "Frauenroman" mit dem Titel Tut gar nicht weh. Moritz’ Urteil: "Ganz nett, charmant, nicht ganz furchtbar" (was auch kurz als Überschrift für diesen Artikel zur Disposition stand). Dem Buch wird ein neuer Titel verpasst, Frauen, die Prosecco trinken, es wird verfilmt und verkauft sich über 100.000-mal. Ein paar Jahre später schreibt der Focus ein Porträt über Moritz, darin heißt es: "Die Bedenkenträger der Feuilletons hatten ohnehin schon geunkt, Reclam Leipzig könne mit einem Programmchef aus dem Westen nur seichter werden." Die Bedenkenträger des Feuilletons sind seitdem unsicher, wie sie es mit dem Fußball- und Schlagerfan Moritz halten sollen. Bei Hoffmann und Campe gab es solche Bedenken nicht, der Hamburger Traditionsverlag holte den Schwaben in die Hansestadt, wo er seit 20 Jahren lebt.

Der Hausherr

Als das erste Literaturhaus 1986 in Berlin eröffnet wurde, raunten Kritiker, dass damit seichte Literaturvermittlung drohe. Das Konzept war einfach: Wenn alle anderen Künste einen Ort haben, an dem sich Menschen ihretwegen versammeln, Musik die Konzerthallen und Clubs, Kunst die Museen, dann braucht auch die Literatur einen. Seitdem wurden 13 weitere Häuser gegründet. Als Moritz 2004 das Haus in Hamburg übernahm, prognostizierten viele den Niedergang der sogenannten Wasserglaslesung, also: Autor liest, Publikum hört zu, am Schluss wird signiert. Für Moritz ist das Quatsch, gerade die Präsenz des Autors, seine Aura und das konzentrierte Zuhören seien doch immer gefragter in schnelllebigen Zeiten. Die Zahlen geben ihm recht: 15.560 Besucher waren es 2007, 16.570 im Jahr 2016. Eine Steigerung, was noch eine größere Leistung ist in Anbetracht von über sechs Millionen ehemals regelmäßigen Lesern, die, so hat es der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ermittelt, zwischen 2013 und 2017 kein Buch mehr kauften.