Fast noch ein Spätsommerabend in Berlin. Dunkle Limousinen, sanft leuchtet die Barockfassade von Schloss Charlottenburg. Sollte Hans-Georg Maaßen an diesem Dienstagabend nervös sein, dann lässt er es sich nicht anmerken: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz steht gemeinsam mit den Chefs von drei weiteren Sicherheitsbehörden des Bundes vor dem Eingang der Orangerie und begrüßt persönlich die fast 1000 Gäste, die meisten per Handschlag.

Der traditionelle Herbstempfang der Sicherheitsbehörden ist ein Klassentreffen aller, die in Regierung, Behörden oder Medien mit Terroristen, Neonazis und Linksextremisten zu tun haben. Und Maaßen, der Mann, der mit einem einzigen Interview in der Bild-Zeitung die Republik in Aufruhr versetzt hat, lächelt still – als wäre nichts vorgefallen.

Erst als die Eröffnungsreden angekündigt werden, zeigt sich, welche Spannung über dem Treffen liegt. Eigentlich sollte Maaßen sprechen, aber "kurzfristig", wie es heißt, habe man sich darauf verständigt, dass Bundespolizeichef Dieter Romann an seiner Stelle reden werde. Der hält es kurz, übergibt an Innenstaatssekretär Hans-Georg Engelke – und der wiederum hat erkennbar keine Lust, so zu tun, als wisse er nicht, worüber ohnehin alle reden. "Heute ist so ’n Tag", hebt Engelke deshalb an, "da verbietet sich ein kleines Eingangsspäßchen." Stattdessen verspricht er, dass Maaßen dem Parlament alles ganz genau erklären werde. Und dass er irritiert sei über die Grundsätzlichkeit der Kritik. Dann lenkt Engelke sehr geschickt über, schließlich ist es der 11. September, spricht vom Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center in New York – und endet mit einem grundsätzlichen Lob für die deutschen Sicherheitsbehörden.

Kurve gekriegt, das Fest kann beginnen, das Buffet wird eröffnet.

Nur geklärt ist nichts. Niemand weiß, ob Maaßen nächste Woche noch im Amt ist.

Und nichts ist normal.

Da ist ein Verfassungsschutzchef, der als Beamter keine politische Agenda haben dürfte, aber augenscheinlich eine verfolgt.

Da ist der Innenminister, der selbst ein Problemfall geworden ist, getrieben von Rechthaberei und Rachegelüsten.

Da ist die Kanzlerin, die noch immer zu stark für ihre Gegner ist, und gleichzeitig zu schwach, um sich dieser Gegner zu entledigen.

Da ist ein Land, dessen Repräsentanten sich nicht mehr darauf einigen können, was wahr ist und was gefälscht.

Und da ist ein Land, in dem die Rechten sich stark fühlen wie nie. Auf den Straßen, im Netz – und in den Parlamenten.

Erlebt dieses Land gerade einen Aufstand von rechts?

Gab es Hetzjagden?

Die beiden jungen Afghanen haben sich Hemden angezogen, ihre Haare akkurat frisiert – und trotzdem ist ihnen die Erschöpfung anzusehen. Seit Tagen stehen Bahrain A., 19, und Alihassan S., 22, im Mittelpunkt. Journalisten wollen sie sprechen, ein TV-Team hat sie interviewt. Denn die beiden sind, daran gibt es kaum mehr einen Zweifel, jene Männer, die auf einem Video zu sehen sind, das die Republik erregt hat. Ein kurzer Clip, 19 Sekunden lang, auf dem zu sehen ist, wie eine Gruppe mutmaßlich Deutscher auf einer mehrspurigen Straße zwei migrantisch aussehende Männer jagt. "Haut ab", rufen sie. Und: "Was ist denn, ihr Kanaken?" Der Clip kursiert seit Wochen unter dem Namen "Hase-Video" im Internet, weil eine Frau – wohl diejenige, die filmt – ihren Begleiter mit den Worten "Hase, du bleibst hier" davon abhält, sich an der Aktion zu beteiligen.

Auf Grundlage dieses "Hase-Videos" sprach zunächst Regierungssprecher Steffen Seibert und später auch Kanzlerin Angela Merkel von "Hetzjagden", und "Zusammenrottungen" auf den Straßen von Chemnitz. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hingegen erklärte mit allem Nachdruck: "Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, es gab keine Pogrome." Und Hans-Georg Maaßen betonte in einem Gespräch mit der Bild-Zeitung, seiner Behörde lägen "keine belastbaren Informationen" über Hetzjagden vor. Es gäbe zudem "keine Belege" für die Authentizität des Videos.

Chemnitz - Das Chemnitz-Video im Faktencheck Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zweifelt an der Authentizität eines Videos, das die Verfolgung von Migranten in Chemnitz zeigen soll. Wir haben uns den Ausschnitt genau angeschaut.

Die Fragen, die seither Deutschland spalten, lauten: Gab es in Chemnitz wirklich "Hetzjagden"? Was ist wahr? Was ist Lüge? Was hat Kretschmer getrieben? Was Maaßen? Und welche politischen Folgen muss das haben?

Bahrain A. und Alihassan S. können nicht viel mit diesen Fragen anfangen, für sie ist die Sache klar. Sie stehen dort, wo alles passierte: Auf dem Parkplatz an der Ecke Bahnhofstraße/Augustusburger Straße in Chemnitz, direkt neben einer Kirche, die man auf dem "Hase-Video" sieht. Aus Sicht der beiden entwickelte sich die Situation so: An dem Tag des Videos stehen sie mit einer deutschen Freundin, die hier Hannah heißen soll, an einer Tram-Station, als ihnen der Demonstrationszug entgegenkommt, für den Hooligans und Rechtsextreme im Internet mobilisiert haben. 800 Menschen beteiligen sich. Alihassan S. sagt, er habe sein Handy herausgeholt und den Marsch gefilmt. Der ZEIT liegt dieser Clip vor.

Kurz nachdem Alihassan S., ein abgelehnter Asylbewerber, die Aufnahme beendet, so erzählt er, habe sich ein Mann aus dem Demonstrationszug gelöst. Der Mann habe ihm sein Telefon aus der Hand geschlagen. Es sei auf den Boden gefallen, das Display kaputtgegangen, und der Mann sei einfach weitergelaufen.

Daraufhin seien sie dem Angreifer hinterher, sagen die beiden Afghanen. Sie hätten ihn aufgefordert, den Schaden zu ersetzen. Der Mann sei sofort laut geworden: "Hast du ein Problem mit uns? Geh weg!" Sie wüssten nicht mehr wörtlich, was sie darauf geantwortet haben, sagen die zwei, nur ungefähr: Was ist los? Du musst das Handy bezahlen!

Ein Deutscher aus dem Demonstrationszug habe ihn, Bahrain A., daraufhin geschubst, ein anderer den Freund Alihassan S. geschlagen. Zu diesem Zeitpunkt setzt ihnen zufolge die Sequenz des "Hase-Videos" ein.

Stimmt die Version? Die Echtheit des Videos ist inzwischen nahezu unstrittig. Die ZEIT hat die mobilen Geodaten ausgewertet. Die beiden Afghanen waren zu der Zeit an dem Ort des Videos. Es gibt zudem mehrere andere Filmsequenzen dieses Sonntags, die sich gegenseitig stützen. Ein Mann mit Glatze, Sonnenbrille, blauem Shirt und einer um die Hüfte gebundenen blauen Jacke taucht zum Beispiel auf gleich drei Videos dieses Tages auf, auch auf dem "Hase-Video". Alihassan S. behauptet, der Mann sei derjenige, der ihm das Handy aus der Hand geschlagen habe. Auch die Dresdener Generalstaatsanwaltschaft geht von der Echtheit der Sequenz aus.

Umstrittener ist der Kontext, in dem das Video entstand. Kam der Angriff wirklich aus heiterem Himmel? Oder gab es eine Vorgeschichte? Der Chemnitzer AfD-Funktionär Lars Franke schrieb vor einigen Tagen auf Facebook, dass er die Szene, die im "Hase-Video" zu sehen ist, selbst miterlebt habe. Er sei mit einigen Begleitern daran vorbeispaziert. Franke sagt, die Migranten hätten die Deutschen provoziert, auch mit anzüglichen Gesten, hätten sie beleidigt. Dann hätten einige Deutsche beschlossen, die Ausländer zu verscheuchen. Für ihn ist das keine "Hetzjagd", sondern eher das Ende eines Streits, bei dem zwei Männergruppen aneinandergerieten.