Kaum hat man die grüne Grenze nach Sachsen passiert, werden die Wörter verdächtig. Noch zehn Kilometer bis zum "Volksfest" nach Torgau. Wir sind das Volksfest! Volksfeste bestehen eigentlich aus Riesenrädern und Schweinenackensteaks. Nur in Sachsen beginnt man sich zu fragen, ob das Wort "Volksfest" auf eine gefährliche, reaktionäre Geisteshaltung seiner Besucher schließen lassen könnte. Das Wort klingt wie eine aktuelle AfD-Vokabel. Darf man noch "Volksfest" sagen?

Die Anreise nach Torgau geschah auf einer schnurgeraden, baumbestandenen Landstraße, einer echten Schönheit, die so prächtig war, dass man sie ohne Weiteres ins alleengesäumte Polen hätte stellen können. Nicht nur die Städte, auch die Provinz ist in Sachsen schöner als anderswo. Es gab sehr wenige Blitzer auf dieser herrlichen Strecke, aber doch zwei zu viel. Law and Order im Osten, fängt es schon an? Ich bin als Gesetzesbrecher nach Sachsen eingereist.

Das letzte Mal, dass ich auf dem Festtag eines Bundeslandes unterwegs war, lautete das Jahr 1994 und die Hauptattraktion des Rheinland-Pfalz-Tags waren die Fantastischen Vier. In Torgau heißt die Veranstaltung aber nicht Sachsen-Tag, wie das Land, sondern Tag der Sachsen, wie seine Bewohner – ein gewichtiger Unterschied, denn Sachsen gibt es wenigstens. Rheinland-Pfälzer gibt es nicht, es gibt seit 1946 keine, das Bundesland ist eine reine, recht unhistorische Verwaltungseinheit. Im Gegensatz zu den Rheinland-Pfälzern haben die Sachsen eine Identität. Doch wer sind sie? Und wie können sie sich selbst feiern, so kurz nach den Gewaltexzessen in ihrem Land?

In Torgau hat man sich vorbereitet, als fände die WM statt. Die Parkplätze sind gestütgroß. Die Torgauer müssen sich mit Bussen in die eigene Altstadt fahren lassen. Dass ich hier nicht dazugehöre, ist jedem klar, mir auch, ich versuche, mich im Bus unauffällig zu verhalten, aber es klappt nicht. Die Sprache verrät einen ja. Die Sachsen starren. Andererseits komme ich auch aus der abgehängten Provinz, wo einem abends nur das Rumlungern an der Tankstelle bleibt und man gezwungen ist, betrunken Auto zu fahren, nur wissen das die Torgauer halt nicht. Meine Provinz, die Eifel, wählt aber seit Jahrzehnten CDU, und wer so richtig dagegen ist in diesem Land voller Bauern und Winzer, der geht halt zur SPD.

Der Sachse, so viel lässt sich schon im Bus sagen, trägt eine etwas altmodische, verspiegelte Sonnenbrille. Man sieht ihm nicht an, was er denkt. Als wir am Renaissance-Marktplatz mit seinem weißen Rathaus ankommen, wird dieser von den Backstreet Boys aus der Dose beschallt. Im Hotel Goldener Anker wird man heute Abend schlecht schlafen können. Die Ostdeutschen hegen eine seltsame Liebe für die Musik der Neunzigerjahre, das ist mir schon beim Hören von Antenne Brandenburg häufiger aufgefallen.

Es gibt Wurst, es gibt Bier und eine klassische deutsche Mohrenapotheke – das hier könnte auch der Weihnachtsmarkt in Dortmund sein. Mit einem Unterschied: Was es nicht gibt, das sind Ausländer. Alle Besucher sprechen Sächsisch. Und fast alle Besucher, darunter viele Hunde, ziehen einen Luftballon hinter sich her. "So geht Sächsisch" steht darauf. Das wüsste ich gern, wie geht denn Sächsisch? Der Ballon verweist direkt auf seinen Träger. Viele sind breite Männer in kurzen Hosen und Sandalen. Demnach ist der Sachse der Deutsche. Oder: Wir alle sind Sachsen.

Das SPD-Büro am Marktplatz liegt verlassen und sieht so einladend aus wie eine Fahrschule. Das Plakat "Deutschland heißt willkommen" sieht man nur, wenn man sich die Nase am Fenster platt drückt. Der Antiquitätenladen daneben wird allerdings von Interessenten belagert. Er verkauft kleine Napoleonfiguren aus Porzellan und Jugendstil-Likörsets im Fliegenpilzdesign. Zwei Bücher werden im Fenster angepriesen: "Die Strafen des Reichsstrafgesetzbuches" und "Das Brackwasseraquarium". Bilder eines frustrierten Sachsen in kurzen Hosen mit Kaiserzeitfimmel, der Backstreet Boys hört und schlecht gelaunt Fische füttert, ziehen vor meinem geistigen Auge auf. Man sagt den Ostdeutschen einen Minderwertigkeitskomplex nach, den hätten sie ja aber gar nicht nötig. Welche Länder haben in der deutschen Geistesgeschichte schon eine so große Rolle gespielt wie Sachsen, Thüringen oder Preußen? Was hier nicht alles gedacht und erfunden, erobert und besiegt, gedichtet und komponiert wurde! Was ist denn Rheinland-Pfalz dagegen? Römer und Wein, aber wie lange ist das her!